irgendwann vielleicht

Li Mollet

«Das Rot der wilden Rebe kündigt kurze Tage an, Kastanien und Katarrh. Die Schmetterlinge verpuppen sich an feinen Zweigen. Alltägliches kann betrachtet werden. Mängel sind geduldet. Vorläufiges ist gegeben. Irritation unvermeidlich. Erhofft wird die Möglichkeit der Metamorphose. Bei so viel Überfluss, sagt jemand, lohnt es sich, asketisch zu leben. Mein Versuch, die Welt im Kopfstand zu betrachten, scheitert an den fallenden Falten meines Kleides. Auch diese Blackbox geizt nicht mit Bildern. Man kann sich zum Veränderlichen verhalten, sagt er und reibt sich einen Fleck vom Ärmel. Das könnte immer wieder geschehen, die Wiederholung des Ähnlichen, sage ich.»

(Klappentext, edition taberna kritika)

Critique

par Wolfram Malte Fues

Publié le 06/07/2015

«In meinem Kopf tanzen die Wörter, sage ich, sie sind klein und ohne Reim.» Sagt das Ich, dass sich Li Mollet in ihrem neuen Buch irgendwann vielleicht als Erzähl-Instanz geschaffen hat. In dessen Kopf tanzen die Wörter, nicht manchmal und gelegentlich, sondern immer und überall. «Sie sind klein und ohne Reim», also näher daran, sich einen Reim aufeinander zu machen, als Wörter nicht sein können. Aber sie machen ihn nicht. Sie wollen, dass wir, ihre Leserinnen und Leser, ihn für sie machen. Wie tue ich ihnen, so nahe wie möglich am Wortlaut bleibend, diesen ihren Willen? Einerseits so: ‚Sie sind Keim und ohne Reim.‘ Wenn in den Tanzfiguren der Wörter andere eigene Wörter keimen, wenn sie sich durch ihre Eigenbewegung miteinander verwandt machen, dann brauchen sie keinen Reim, der sie mit ihnen einversteht. Sie erzeugen ihr Einverständnis mit sich aus sich selbst. Andererseits so: ‚Sie sind klein und ohne Rain.‘ Klein mögen sie sein, aber da sie ohne Feld-Rain, ohne Rand, ohne Grenze sind, führt ihr Tanz sie ineinander über, so dass sie nicht klein bleiben, sondern an- und miteinander wachsen. – Sollte uns der Text auf diesem Weg mitgeteilt haben, wie er gelesen zu werden wünscht? Und spricht er diesen Wunsch irgendwo vielleicht deutlicher aus? «Was soll jemand tun, wenn das Darüberhinaus seiner Anstrengung keinen Widerhall erzeugt, wenn er abseits steht, wenn ihn bloss sein Echo findet. Die akribische Sprache, sage ich, kein Wort das nicht erwogen würde, zum Beispiel hier in diesem Buch.» Was muss jemand getan haben, damit ihm dieses Abseits zustösst, zum Beispiel hier in diesem Buch? η ακρα bezeichnet im Griechischen das äusserste Ende von Etwas, seine Spitze, seinen Gipfel, die Burg, die auf die höchste Höhe zu stehen kommt. Wie erzählt jemand, der jedes Wort so lange und so gründlich erwägt, bis er es über seine übliche Bedeutung hinaus auf deren Spitze getrieben hat, in eine Höhe, von der herab sein Wortlaut nur als sein Echo noch widerhallt?

Roman Jakobson hat in einer klassisch gewordenen Unterscheidung dem diegetischen Sprechen die Metonymie, dem lyrischen die Metapher als Grundfigur zugewiesen. Während das Erzählen sich Wort für Wort darum bemüht, seinen Orten und Ereignissen, seinen Figuren und Charakteren einen so konsistenten Sinn wie möglich zu geben, und deshalb jedes Wort verwirft und ausmerzt, das diesen Sinn stören könnte, hält die Lyrik bei jedem Wort Ausschau nach einem anderen, das dieses Wort supponierend und überdeterminierend, verdichtend und befremdend von sich in das Abenteuer eines eigentümlichen Sprachspiels ablenken könnte. ‚Wort für Wort‘ oder ‚Ein Wort für ein anderes‘. Entweder – oder.

Li Mollets Erzählen scheint mir, wenn ich recht lese, dieses disjunktive ‚oder‘ in ein alternierendes zu verwandeln. Auch ihr Erzählen geht Wort für Wort vor und voran. Aber es hält sich das andere Wort, das diese Worte bereithalten, stets in Rufnähe. «Von allem Anfang an war das Relative in meinem Kopf konstitutiv», sagt das Erzähl-Ich der Autorin. Leserin und Leser hören das andere Wort im relationierenden Echo stets mit, wenn sie sich Wort für Wort, Satz für Satz durch den Text bewegen. Der Ort, an den dieser Wider- und Rückhall sie bringt, liegt abseits des diegetischen wie des lyrischen Sprechens, im Grenzland zwischen dem Metonymischen und dem Metaphorischen. Kein öder und wüster Ort. Die Sprache ist das Haus des Seins, sagt Martin Heidegger. Diese Sprache hier baut sich ein Haus, «das Vergangenheit seufzt und Geschichten atmet», mit «neun Palmen vor und neben dem Haus und Trauben, so viele, dass sich das Haus vollfüllt mit deren Duft». Wer sich in den Raumklang der Texte einhört, beginnt, in einem «Traubenhaus» zu wohnen. Allerdings: Der Trauben-Duft und das Palmen-Rauschen können schläfrig, träumerisch machen, so dass aus dem Traubenhaus ein Taubenhaus wird, in dem man nur noch den Flügelschlag der Vergangenheit und ihrer Geschichten spürt. Derartige Relationalität ist für solches Erzählen konstitutiv, und man darf sich ihm ruhig überlassen. Hingegen darf man nicht plötzlich hoch schrecken und mit jähem Klammergriff nach dem roten Faden, der Aussage, der Botschaft haschen. Dann verwandelt sich das Taubenhaus in ein taubes Haus, in dem die Wörter und Sätze die Lesende oder den Lesenden schweigend betrachten, mit wenig Nachsicht und ein wenig Verachtung. Aufmerksamkeit, sagt Peter Handke, ist die erste und letzte Bedingung aller Kunstproduktion und –rezeption.