Wir kennen uns doch kaum

Max Küng

Moritz schreibt Meta. Meta schreibt zurück. So geht das, monatelang. Aber es ist kompliziert. Sie lebt nicht allein und in Berlin. Er in einer kleinen Stadt in der Schweiz. Nie sehen sie sich. Nie hören sie ihre Stimmen. Irgendwann fangen sie an, sich SMS zu schreiben, in einem Monat 837 Stück. Es genügt.
Ein Jahr später hat Moritz in Berlin zu tun. Er nimmt ein Hotelzimmer, schickt ihr eine SMS mit der Zimmernummer: «2307». Eine halbe Stunde später klopft es an der Tür. Er öffnet. Sie sind wie gelähmt. Irgendwann sagt er: «Weißt du was? Wir fangen nochmal vorne an.»
Die Geschichte ihrer Liebe erzählt dieses Buch.

(Buchpräsentation Rowohlt Verlag)

Sie kennen sich nicht und lieben sich doch

par Tina Herren

Publié le 02/08/2015

Viele lesen sie als erstes am Samstag im Magazin des «Tages Anzeigers» – die Kolumnen aus dem Leben von Max Küng. Aber kann das gut gehen, wenn einer von der Kolumne ins Romanfach wechselt? Wenn einer, der sonst eine halbe Magazinseite schreibt, plötzlich ein Buch mit 288 Seiten füllen muss?

Am Anfang geht’s gut. «Moritz schreibt Meta. Meta schreibt zurück. So geht das monatelang. Aber es ist kompliziert. Sie lebt nicht allein und in Berlin. Er in einer kleinen Stadt in der Schweiz. Sie sehen sich nicht. Nie hören sie ihre Stimmen. Irgendwann fangen sie an sich SMS zu schreiben, in einem Monat 837 Stück.» Das verrät das Buch im Klappentext. Aha, Liebe in Zeiten von Internet und Natel! Das macht Lust auf die Lektüre, spätestens seit Daniel Glattauers E-Mail-Liebesroman Gut gegen Nordwind.

Ein Sirren, ein Surren

Max Küng beginnt die Liebesgeschichte aber nicht etwa mit dem ersten Treffen. Das spart er auf bis zum Schluss. Er beginnt sie mit einem Geräusch; einem Geräusch, das es heute nicht mehr gibt. «Es klang so, als zöge man eine widerspenstige Katze über eine Tafel, wie sie in Schulhäusern an den Wänden hängt. ... Es war ein kratzendes Kreischen oder ein kreischendes Kratzen. Und es gab da ein Piepsen und ein Rauschen... Es gab da ein Klicken. Ein Sirren. Ein Surren. Es war ein irres Geräusch... » Küng schafft es in wenigen Sätzen, das Geräusch hörbar zu machen. Und er schafft es, uns Leserinnen und Leser um Jahre zurück zu werfen, zum Ende des letzten Jahrhunderts, als E-Mails noch nicht vom Smartphone aus mit einem Fingertipp verschickt wurden, sondern vom PC aus – und das Modem laut die Leitung wählte.

Verpasst in der Hafenbar

Die Liebesgeschichte beginnt mit einem Treffen, das nicht stattfindet. In der Hafenbar in Basel hätten sie sich kennenlernen sollen – Moritz und Meta. Eine Freundin will die beiden verkuppeln. Doch sie verpassen sich und Moritz vergisst Meta, bevor er sie gesehen hat. Eine Weile später liest er aber ihren seltenen Vornamen und meldet sich bei ihr per Mail. Es ist das erste einer langen Reihe von E-Mails und SMS, die wir zu lesen kriegen. Diese Nachrichten gehören zu den attraktiven Stellen des Buches: direkt, prägnant und humorvoll. Das kann er, Max Küng. Liebeswerben ohne billige Romantik oder rosaroten Kitsch – und doch mit viel Gefühl. Das Lesen der Nachrichten ist wie blättern in einem fremden Tagebuch und hat einen besonderen Reiz.

Umwege über Klumpen

Weniger reizvoll sind manche Stellen, an denen Küng seinen Alltag schildert und von seinen Saufkumpanen erzählt. Insbesondere wenn er von Klumpen schreibt, möchte man einfach weiterblättern. «Klumpen war so was wie Moritz’ bester Freund.» Klumpen, der schon mal ins Abtropfsieb «kackt», um seinen verschluckten Goldzahn zu retten, hat abgesehen von dieser witzigen Geschichte die undankbare Rolle des Seitenfüllers. Man wird das Gefühl nicht los, dass Klumpen und seine Kumpels die Geschichte verlängern müssen. Klumpen ist der beschwerliche Umweg, das orange Umleitungsschild, das uns auf unerklärlichen Wegen um die Baustelle herum führt. Mühsam und unnötig. Hatte Küng Angst, dass die Geschichte von Moritz und Meta allein nicht trägt? Eine unbegründete Angst: Moritz und Meta interessieren von der ersten Zeile an. Sie sind die Freunde, die man beim Abendessen gern an seinem Tisch hat. Vielleicht etwas selbstverliebt, aber klug und humorvoll, schräg und liebenswert.

Nüchtern, kurz, direkt

Küng schildert die Hauptpersonen und ihre beiden Leben in kurzen, klaren Sätzen. «Die Künstlerin hat einen Freund, er heisst Georg und ist Architekt. Seit sechs Jahren sind sie zusammen. ... Neben Georg hat die Frau noch eine Affäre. Die Affäre heisst Paul. Paul ist Künstler. Sie hatte ihn hier kennengelernt, an einer Party.» Diesen Schilderungen folgt man gerne. Immer wieder wechselt Küng den Fokus. In einem Kapitel schildert er das Leben von Meta in Berlin. Dann wieder das von Moritz in Basel. Wir erfahren – manchmal fast zu detailreich –, wo Moritz arbeitet, wie er wohnt, was er trägt und warum er Druck braucht zum Schreiben. Wir lesen, wie Meta malt, schwimmt und überstürzt aus den verhassten Bergen flüchtet, weg von ihrer Affäre Paul, zurück in die Stadt. Diese Schilderungen sind bildhaft und erinnern an Filmszenen.

Zusammen im Kino - getrennt in zwei Städten

Wir sind auch hautnah dabei, wenn die beiden zusammen ins Kino gehen – er in Basel, sie in Berlin. Und man spürt den Zauber ihrer langsamen Annäherung. Man spürt, dass da eine besondere Beziehung wächst, wie eine starke Pflanze, die zuerst im dunklen Erdreich Wurzeln schlägt. Küng vermittelt: Diese beiden gehören zusammen. Und man glaubt es ihm.
Das erste echte Treffen der beiden in Berlin ist dann auf den letzten Seiten: Der krönende Schluss der Geschichte. Kurz und knapp. Ohne Pathos und Schnörkel. So nüchtern wie die Berliner Plattenbauten, aber kein bisschen grau, sondern voller Hoffnung.

Fortsetzung bitte!

Und wenn man das Buch dann schliesst, wünscht man sich, dass Küng in ein paar Jahren die Fortsetzung schreibt, dass er die Geschichte von zwei Menschen weitertreibt, die sich anziehen wie zwei Magnete und sich einfach finden mussten. Und dass er sie dem Alltagstest aussetzt: Abfall entsorgen, kochen, Kinder aufziehen. Und man wünscht sich zu lesen, dass diese starke Anziehung zwischen Meta und Moritz andauert. Dass sie vielleicht sogar stärker wird durch die jetzt auch körperliche Nähe. Aber dieses Buch muss Küng erst noch schreiben. Und bitte: Klumpen und andere Umleitungen einfach weglassen.