Todesnähe und Lebenslust

par Daniel Rothenbühler

Publié le 28/01/2010

 

Bei Maja Beutler lernen wir noch einmal buchstabieren, was Menschsein heisst. Das Abc führt über Krankheit, Tod und Trauer bis zu einer «Kleinen Auferstehung». Im so betitelten letzten Text dieses Erzählbandes lässt der kleine «Bauchwulst» eines Neugeborenen uns hoffen, dass aus der Todesasche des schwarzen Schnees wieder Leben entsteht. Der kurze Text schliesst die Reihe der elf parabelhaften Einträge ins «Album der Signora», die das Rückgrat des gesamten Textkorpus bilden. Seine Fülle erhält er aus noch einmal elf längeren Erzählungen. In allen meldet sich das, was der Bauchwulst des Neugeborenen symbolisiert: Hunger nach anderen und Hunger nach Welt.

Geradezu einen «Kannibalinnen-Alltag» malt sich Marlies in der Groteske «Sightseeing» aus, als sie in ihrem Pariser Hotel eine üppige Nachbarin in deren Nacktheit beobachtet und sich bewusst wird, «dass sie nach der anderen hungert, dass sie sich diesen gewaltigen Frauenbrocken einverleiben möchte, der ihr so vollkommen fremd ist, dass er sie sättigen würde.»
Im «Sommerlochstraum», einer schwankhaften Travestie aus dem Theatermilieu, stellt sich eine Regisseurin ein Schattenspiel «Ehe von innen» vor: «Gockel und Huhn hängen kopfüber am Fleischerhaken mit zusammengebundenen Laufzehen und picken aufeinander ein, bis dass der Tod sie scheidet.» Um Scheidung durch den Tod geht es in einer Mehrzahl dieser Texte. «Ein Jammer, ist mein Mann nicht schon Witwer», sagt die todgeweihte Ich-Erzählerin in <Schwarzer Schnee>, «offenbar möbelt es jede Ehe auf.» Das klingt wie viele der pointierten Formulierungen dieser Texte nach witzigem Sarkasmus, verweist aber auf ein Leiden aneinander, das durch Verluste nicht beendet, sondern verdoppelt wird.
Gerade durch prononcierte Distanziertheit werden Maja Beutlers Darstellungen von Todesnähe, Tod und Trauer ergreifend. «Kleine Auferstehung» fasst zum Schluss des Erzählbandes diese Poetik der Distanziertheit zusammen: «Böser Blick? Die Signora hatte das Kind doch ohne jeden Widerwillen betrachtet. Allerdings auch ohne Erbarmen. Hiess das nicht eher, <den Tatsachen ins Auge sehen>?»
Dieser nüchterne Blick weckt bei den Lesenden in dem Mass Gefühle, wie die Texte darauf verzichten, sie zu benennen. Tröstlich bleibt dabei nur der Fortbestand des Hungers: «Nur auf Hunger bleibt Verlass. Ein Glück, dass wir Viecher sind», stellt der trauernde Ehemann in «Die Lachmöwe» fest. Und in «Schwarzer Schnee» bleibt der Sterbenden in ihrer Abrechnung mit dem «allmächtigen Versager», dessen «Schöpfungsflop» gläubige «Ranschmeissfliegen» auf den Leim gehen, nur eins: «Den ganzen lieben Morgen wollte ich mir einverleiben, keinen Windhauch, kein Blatt würde ich auslassen.»
So bringen uns Maja Beutlers Texte neben dem Trauern- und Hadernkönnen auch unzerstörbare Lebenslust bei. Sie lassen alle Tonlagen des Menschseins anklingen und verzichten konsequent nur auf jene der Rührseligkeit. Umso freier gehen sie mit dem Wechsel von Heiterkeit und Ernst, Ironie und Sachlichkeit, Sarkasmus und Empathie um. Die Autorin beherrscht diese Registerwechsel mit dem Spürsinn, der grosse Literatur auszeichnet.

Note critique

Fünfzehn Jahre hat Maja Beutler nichts mehr publiziert. Aber man spürt sofort die Intelligenz einer erfahrenen Autorin: souveräner Duktus, raffiniertes Perspektivenspiel, vielfache Verspiegelungen, mitreissende Tempiwechsel, filigrane Intarsien. Und immer ein minutiöser, gnadenloser Blick, der sich nicht demütigen lässt. Dass Altes nicht verschwinden und Neues nicht entstehen kann, ist der Stoff der Erzählungen. Ihre Figuren werden zwischen Aufbruch und Lähmung schier zerrissen. Das alte Lied, das alte Leid: Schmerz, Zerfall, Hilflosigkeit. Die Schöpfung ist misslungen. In der «Kleinen Auferstehung» am Ende Buches träumt die «Signora», deren «Albumeinträge» zwischen die Erzählungen gestreut sind, vom eigenen Tod. Aber da ist keine Leiche, sondern ein Neugeborenes. Und wie in einem Spiegel, von dem sich der Wasserdunst verzieht, entdeckt sie in ihm ihren eigenen alt gewordenen Körper. «Das also bleibt», stellt sie mit einem apokalyptischen Lachen fest. (Samuel Moser)