Wie wir älter werden

Ruth Schweikert

Wie spät ist es? Es ist der 30. Dezember 2013. Draußen liegt Schnee. Drinnen bereitet der 87-jährige Jacques wie jeden Tag das Mittagessen für sich und seine Frau Friederike vor. Neun Jahre lang lebte er zwischendurch mit Helena zusammen, seiner Jugendliebe; dann kehrte er in seine Ehe zurück. Jacques und Friederike, Helena und ihr Mann Emil sind untrennbar miteinander verbunden durch den Pakt des Schweigens, den sie Mitte der Sechzigerjahre geschlossen haben.  Auch im Leben ihrer Kinder und Enkel gibt es immer wieder Abschiede und Aufbrüche; Kathrin und Iris sind längst erwachsen, aber weiterhin geprägt von dem, was sie als Kinder erfahren und wahrgenommen haben.

In wechselnden Perspektiven umkreist Wie wir älter werden die Geschichten mehrerer Genarationen, die vom zweiten Weltkrieg bis in die unmittelbare Gegenwart reichen, und geht dabei der Frage nach, wie unser Blick sich im Laufe des Lebens verändert. Ein Familienroman über das Vergehen der Zeit, über Liebe und Verrat, Tod und Gewalt, fulminant und leidenschaftlich erzählt.

(S. Fischer Verlag)

Critique

par Liliane Studer

Publié le 21/09/2015

Ruth Schweikert, geboren 1964 in Lörrach und in der Schweiz aufgewachsen, gehört zu den bekanntesten AutorInnen ihrer Generation, obwohl sie seit ihrem ersten vielbeachteten Erzählungsband Erdnüsse. Totschlagen, erschienen 1994, nur – in Anführungszeichen – drei Romane veröffentlicht hat. Der letzte, Wie wir älter werden, kam im vergangenen Frühjahr im S. Fischer Verlag Frankfurt heraus. Und es sei gleich vorweggenommen, das Warten hat sich gelohnt. Ruth Schweikert gelingt es mit diesem Roman, der die Geschichte zweier Familien erzählt, die auf nicht alltägliche Weise miteinander verknüpft sind, unser Interesse für jede einzelne der Figuren zu wecken, und sie lässt uns teilnehmen an einer familiären Konstellation, die vielen von uns weniger vertraut sein dürfte. Dass es sie gibt, klar, das wissen wir alle, aber darüber hinaus? Die Lektüre öffnet Räume, schärft den Blick.

Die eigentliche Hauptfigur ist Jacques Brunold, und zwar in dem Sinne, dass er die «Ursache» ist der Verwirrungen, die sich durch den Roman in vielfältiger Weise ziehen. Ihm begegnen wir gleich auf der ersten Seite. Es ist der 30. Dezember 2013, Jacques ist mittlerweile 87-jährig. Er kocht das Mittagessen für sich und Friederike, die auf ihrem Stuhl sitzt, wie immer mit dem Rücken zum Wohnzimmerfenster, reglos und aufrecht. Ein ganz gewöhnliches Ehepaar, könnte man meinen, das ein weiteres Jahr hinter sich gebracht hat, auch die Feiertage mit den Besuchen der Kinder sind ohne grössere Überraschungen vorübergegangen, das nächste Jahr wird kaum anders sein, nur dass der Tod näher rückt. 272 Seiten später, am Ende des Romans, kehren wir an diesen Romananfang zurück und wissen einiges mehr, von schwierigen fast fünfzig Ehejahren, von der anderen Frau, Helene Seitz, mit der Jacques fast ebenso lange verbunden war, von Kindern, die den gleichen Vater – nämlich Jacques –, nicht aber die gleiche Mutter haben. Doch alle diese Geschichten, Verletzungen, Kränkungen, das Verlassenwerden und das Wieder-Aufnehmen des untreuen Ehemanns, sie spielen für Friederike und am Ende des Romans keine Rolle mehr. «Sie schien auf nichts mehr zu warten, weder darauf, dass das Leben noch einmal zu ihr zurückkehrte, noch auf den Tod; sie war einfach da, solange ihr Herz schlug.» Es dürfte die wichtigste Entscheidung von Jacques gewesen sein, dass er fünf Jahre zuvor, nachdem er neun Jahre mit Helene zusammengelebt hatte, zu Friederike zurückgekehrt war, eine Entscheidung dafür, dass er – wenn das Leben zu Ende geht – zu seiner Ehefrau gehört, zu Friederike. Helene starb alleine, ohne seine Begleitung, auch wenn er wusste, dass sie nach ihm rief.

Die komplizierten familiären Verbindungen sollen hier nicht nacherzählt werden. Da bringt es viel mehr, sich die Zeit zu nehmen und den Roman zu lesen. Doch darf ein Blick auf die Schreibweise und die Machart des Romans nicht fehlen. Ruth Schweikert erzählt nicht chronologisch, und sie erzählt in wechselnden Perspektiven. Das fordert zwar von den Leserinnen und Lesern einiges an Konzentration und langsamer Lektüre, um die Komplexität zu erfassen. Es ist jedoch gerade ein Plus, dass die Autorin darauf verzichtet, schwierige Konstellationen einfach erzählen zu wollen. Diese Erzählweise entspricht dem Romaninhalt, denn auch die Figuren brauchen oftmals länger, um zu erfassen, um was es eigentlich geht. Und was die Wahrheit ist. Oder die Wahrheiten. Dieses Erzählen, in einer einfachen, klaren Sprache, in kurzen Sätzen, oftmals durch Strichpunkte abgesetzt, damit der Fluss des Erinnerns nicht abgebrochen werde, lässt einzelne Puzzleteile Form annehmen, die sich zusammenfügen lassen und somit ein Bild ergeben. Dabei geht es nicht um die Vollständigkeit, vielmehr sind die einzelnen Teile interessant – und was die Töchter, Stiefsöhne, Halbgeschwister usw. mit den Geschichten machen, die sie geprägt haben und prägen, ob sie es wollen oder nicht.

Revue de presse (sélection)

Ruth Schweikert betreibt keine ausgeklügelte Sprachartistik. Auch wenn ihre Sätze lang und ihre Geschichten verschachtelt sind, schreibt sie klar und knapp, das macht Tempo, und der Roman zieht einen schnell in seinen Bann. (Eva Pfister, WOZ, 07.05.2015)

Es gibt viele Bezüge zu ihrem eigenen Leben, eine Autobiografie ist der Roman trotzdem nicht. Der Text erinnert an ihren letzten Roman, als schriebe sie ein immer gleiches Buch fort: Da sind wieder diese präzis in Worte gefassten Beobachtungen, mit denen sie auf knappem Raum das Lebensgefühl einer Epoche einfängt. Da ist die mit mehr als dreissig Figuren überfordernde Flut ihres Personals. Da sind die kunstvoll verschlungenen labyrinthischen Erinnerungsschlaufen. (Anne-Sophie Scholl, Berner Zeitung, 12.05.2015)

Ruth Schweikert erzählt nicht linear. Sie wechselt von einer Zeit, von einer Person zur anderen, schreibt um Löcher herum, versucht liegengelassene Fäden aufzunehmen und Verbindungen zu verstärken. [...] Schweikert bietet Erklärungen, aber die sind haarsträubend oberflächlich und reissen nur neue Erklär-Löcher. [...] Es zeigt, wie sich Probleme über die Zeiten nicht ändern, sondern verschieben. Und dass niemand glücklicher ist, wenn er unendlich viele Möglichkeiten hat. Schweikert weist auf, dass das Gegenteil wahr sein könnte. (Valeria Heintges, Thurgauer Zeitung, 13.05.2015)

Schweikert führt im Generationenknäuel nicht alle Erzählstränge zusammen. Einige Fäden fransen aus, und man verliert ob der grossen Anzahl von Nebenfiguren und deren Geschichten mitunter den Überblick über das verschlungene Beziehungsgeflecht. Doch ist das nicht auch im wahren Leben so? (Theodora Peter, Schweizer Feuilleton-Dienst, 15.05.2015)

Doch so zahlreiche ethisch aufgeladene Passagen Ruth Schweikert in ihren dritten Roman Wie wir älter werden auch einflicht und in littérature engagée abdriftet,  wenn es um Weltpolitik geht, so wenig bemüht sie den moralischen Zeigefinger, wenn es um ihre Figuren geht - und umso stärker wirkt deren Geschichte. (Regula Freuler, NZZ am Sonntag, 17.05.2015)

Was dieser Roman hätte sein können, zeigt er in wenigen Passagen, die rhetorisch ausgreifen, sich stilistisch aufschwingen, wie durchglüht von einem Energiestoss. Schöne Passagen, aber sehr wenige. (Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 21.5.2015)

Der Roman aber bringt das Potenzial des Stoffes nicht zur Entfaltung, weil er es versäumt, die epische Fülle mit einer ebenbürtigen poetischen Verdichtung zu bändigen. (Roman Bucheli, NZZ, 22.05.2015)