Der Froschkönig

Simona Ryser

Von Vater und Tochter, Arbeit und Liebe

Platsch – da sitzt ein Frosch. Leo Meister, Dozentin für Stadtentwicklung und Städtebau, will sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Für eine Woche in diesen Vorort Frankfurts gereist, um ihren Stadtplanungsauftrag voranzutreiben, wird sie von dem Wasserpatscher verfolgt. Der Frosch hockt in der Schublade, neben dem Laptop, in der Handtasche und erinnert sie an das Biotop im Garten ihres Vaters.

Dieser ist in den 1950er-Jahren vom Automechaniker zum erfolgreichen Baustoffhändler aufgestiegen. Ein Wirtschaftswunder. Doch noch während die kleine Leo im Garten am Teich Königskind spielt, scheitert der Familienvater. Was ihm bleibt, ist der verzweifelte Versuch, im Garten Frösche anzusiedeln.

In der Frankfurter Agglomeration trifft Leo im Stadthaus auf den Statistiker Paul und verliebt sich, während sie von den Erinnerungen und Märchen und Fröschen aus der Kindheit heimgesucht wird.

Simona Rysers Froschkönig erzählt aus dem Alltag eines modernen Frauenlebens zwischen Arbeit und Liebe, Businessplänen und Märchen, Kindheitsmustern und Aufbruch.

(Buchpräsentation Limmat Verlag)

Westtangenten und goldene Kugeln

par Martina Keller

Publié le 07/05/2015

Ein modernes Märchen könnte der Titel von Simona Rysers drittem Roman versprechen. Prinzessin trifft Froschkönig, küsst ihn und wenn sie nicht gestorben sind.
Leo ist aber keine Prinzessin, sondern Städteplanerin. Der Mann, den sie trifft, ist Statistiker und heisst Paul. Sie reden zusammen über Westtangenten, Unterführungen und Baustellen. Und der Frosch ist ein hässliches, grünbraunes Wesen, das «unanständige Geräusche» macht, «plitsch, platsch» auf den Boden klatscht, einen feuchten Fleck hinterlässt und sich nie in einen Prinzen verwandelt. Vielmehr scheint er eine Art Verkörperung von Leos Unbehagen und eine stete Erinnerung an ihre Vergangenheit zu sein.

Nicht nur ein Frosch verfolgt Leo durch den Roman; in und zwischen den Zeilen wimmelt es nur so von Tieren und Ungeziefer. Metaphorisch und leibhaftig durchkriechen, -fliegen, -staksen und -wandern sie den Text. Angekommen in der Übergangswohnung in einem Frankfurter Vorort, wo die Zürcher Architektin Leo Meister eine Studie zur Städteplanung durchführt, legt sie sich auf den Boden und klaubt Spinnenbeine, Staubmilben und Insektenteile aus den Teppichflausen. Die Erzählung scheint überzogen von einem Staubfilm – Leo bewegt sich in verschwitzten Kleidern durch schmutzige Baustellen – stets gefolgt vom Frosch. Dieser sitzt im Café neben Leos Laptop, verkriecht sich in ihrer Handtasche oder Schublade und hüpft in den unpassendsten Momenten zwischen ihren Beinen hervor. Doch nur Leo scheint ihn wahrzunehmen.

In kurzen Kapiteln mit tagebuchähnlichen Titeln, «Montag, 21. April 2014, morgens», wird aus Leos Arbeitsalltag erzählt. Sie eilt von Sitzung zu Sitzung, zu Fuss und im Taxi, trinkt rasch einen Kaffee, arbeitet nachts in Unterwäsche auf ihrem Bett, schläft vor dem Laptop ein, isst ein Joghurt und etwas Frischkäse, wäscht ihre Kleider mit Duschgel und arbeitet weiter. Ein ziemlich einsames Leben führt sie. Überhaupt kommt der Roman mit wenig Personal aus. Ausser Leos Bekanntschaft Paul gibt es da noch die Projektleiterin und den Chefstatistiker, die beide nie mit Namen genannt werden. Und selbst die Gespräche mit Paul sind eher eine Anhäufung von unvermittelten, impulsiv hervorgebrachten Äusserungen als zusammenhängende Dialoge. So ist der Frosch nicht nur lästiger Verfolger, sondern ab und an auch willkommene Gesellschaft für Leo. Vor allem ist er der Zugang zu einer anderen Welt fernab des Arbeitsalltags; die Verbindung zur Vergangenheit, zur zweiten Erzählebene des Romans.

Verschiedene Rückblenden über eine Zeitspanne von 1975 bis 1998 erzählen das Leben eines Herrn Meister, bestimmt von dessen Unvermögen, ein «Meisterwerk» zu schaffen. Diese Schilderungen sind stets märchenhaft eingefärbt; Leo erscheint als Prinzessin, Herr Meister als König, eingeführt mit Floskeln wie: «In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hatte» oder «Die Königstochter aber...».

Als junger Angestellter lernt Herr Meister ein Fräulein kennen, zerbricht sich den Kopf darüber, wie man eine Liebe anfängt und träumt von technischem Fortschritt und grossem Erfolg. Bald hat er Frau, Kinder und ein Haus – doch das Glück stellt sich offenbar nicht ein. Verzweifelt versucht er in seinem Biotop Frösche anzusiedeln. Leo, die Königstochter, spielt derweil mit ihrer goldenen Kugel, klatscht den Froschkönig «bratsch» an die Wand, weil sie ihn nicht heiraten möchte und findet von ihren Eltern wenig Beachtung. Herrn Meisters Scheitern geht einher mit Leos Flucht in die Märchenwelt. Manchmal als Träume ausgewiesen, manchmal unvermittelt eingeschoben, gehören diese Märchenpassagen aber nicht nur der Vergangenheit an. Der Frosch begleitet die erwachsene Leo und wiederholt betrachtet sie sich in Anlehnung an Schneewittchen und Rapunzel im Spiegel und öffnet ihre Haare. Märchenhafte Formulierungen schleichen sich in die realistische, trockene aber dennoch liebevolle Beschreibung von Leos und Herrn Meisters Leben. Die floskelhafte Sprache wirkt etwas repetitiv und die Episoden aus Leos und Herrn Meisters Leben gleichen sich. Der abrupte Wechsel aber zwischen surrealer Märchen- und grauer Arbeitswelt wirkt erfrischend. Eine Träumerei wird sogleich von nüchternen Gesprächen über die Berechnung der Westtangente abgelöst. Der Frosch lebt in allen Erzählwelten und macht so ihre Parallelen sichtbar.

In der Beziehung zwischen Leo und Herrn Meister fällt eher die Ähnlichkeit der beiden Charaktere auf als eine emotionale Verbindung. Wohl deshalb wird der Vater immer nur «Herr Meister» genannt. Vater und Tochter beschäftigen sich beide mit Zahlen, Geraden und Linien, versuchen auf ihre Weise eine Balance in ihr Leben zu bringen. Herr Meister baut ein Biotop, ein in sich geschlossenes Ökosystem, Leo versucht sich mit Yogaübungen zu beruhigen. Beide scheitern. Herrn Meisters Biotop wird nicht von Fröschen belebt, er taumelt, stakst wie ein Storch, versucht die ganze Welt zu retten und verliert den Halt in seinem Leben. Leo schwindelt es in der Umarmung von Paul ob ihrem Namen.

«Mit so einem Namen konnte sie unmöglich küssen. Sie war kein Mann, kein Kind, kein Löwe und so fügte sie noch ein langes i an, was sich besser anfühlte.»

Simona Ryser erzählt bildhaft und sinnlich. Der Text lebt von den vielen Tieren und der Natur mit ihren Geräuschen, Gerüchen, Farben. Die braungrüne Farbe des Frosches und die feucht-staubige Atmosphäre prägen die Stimmung des Texts und bilden so einen interessanten Gegensatz zur Märchenwelt. Das Märchenhafte am Roman wird mit der Sprache kreiert. Ein Märchen – im Sinne einer Gattungsbezeichnung – ist Simona Rysers «Froschkönig» aber nicht. Die Konstruiertheit des Romans widerspiegelt sowohl Leos als auch Herrn Meisters Versuch, Linearität in ihr Leben zu bringen. Trotz der klaren Zeitangaben der Kapiteltitel vermischen sich die Erzählebenen immer wieder. Der Frosch hüpft quer durch Gegenwart, Erinnerung, Realität und Traum. Ein Taumeln und Schwindeln begleitet die Protagonisten stets. Mit Rechnen und Planen versuchen sie dagegen anzukommen. So ist der Text, wie die beiden Protagonisten, stets auf der Suche nach einem Gleichgewicht. Und ob die Umarmung von Leo und Paul am Ende des Romans dieses Gleichgewicht herstellen kann, bleibt offen.

Revue de presse (sélection)

Die Autorin hält sich an Aufzählungen. Zwar breitet sie gerade im Frankfurter Teil viel Fachwissen aus, aber ob die Lesenden so genau informiert sein wollen über die Bodensanierung des Fabrikareals, über die Verkehrsberuhigung? Weitaus stärker behauptet sich das narrative Element in den Kindheitsepisoden, schält sich doch hier aus dem Schutt der Vergangenheit eine packende Familientragödie heraus. Warum hat sich Simona Ryser nicht auf diesen Erzählstrang beschränkt? (Beatrice Eichmann-Leutenegger, NZZ, 24.04.2015)