Verbeugung vor Spiegeln

Martin R. Dean

Das Fremde in uns und das Fremde um uns – beides könnte und sollte uns bereichern. Martin R. Dean hat diese Erfahrung gemacht.
Man könnte meinen, das Fremde sei allgegenwärtig. Jedenfalls gibt es kaum ein Thema, das von der Tagespolitik über die Medien bis zu den Stammtischen so heftig diskutiert wird, und immer geht es um die Fremden und um Abwehr, Regulierung und Integration. Martin R. Dean, als Sohn eines Vaters aus Trinidad in der Schweiz geboren, kennt die Debatte, vor allem aber kennt er die Erfahrung, die er in vielen seiner Romane fruchtbar gemacht hat. So auch in diesem Buch, in dem er das Fremde als radikale Erfahrungsmöglichkeit im Austausch unter Menschen beschreibt. In einer Art Selbstbegegnung sucht er nach Spuren der eigenen Verwandlung, wie sehr ihn das Fremde, die Begegnung mit dem anderen, auf Reisen, in der Literatur, zu dem gemacht hat, der er ist. Und er kommt zu einem überraschenden Schluss: Das Fremde, das eigentliche Kapital der Moderne, droht in den Prozessen der Globalisierung zu verschwinden. Um es wiederzugewinnen, müssen wir darauf bestehen, dass das Fremde fremd bleibt, wir müssen es aushalten. Und wir müssen vor allem »verlernen«, es uns verständlich machen zu wollen.

(Buchpräsentation Jung und Jung)

Die Fussangeln des Fremden: Zwei Essaybände von Lukas Bärfuss und Martin R. Dean

par Beat Mazenauer

Publié le 25/05/2015

Literatur verlangt, dass sie sich öffentlich zu Wort meldet und sich in gesellschaftliche Diskurse einmischt. Das ist leicht gesagt. Zwei Autoren, die solcher Forderung immer wieder entgegen kommen, sind Martin R. Dean und Lukas Bärfuss. In ihren aktuellen Büchern mit Essays und Reden demonstrieren sie aber, dass politisches Engagement nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern tief in den persönlichen Erfahrungen wurzelt. Die individuell erlebte Fremdheit und Befremdung weckt das Sensorium für gesellschaftliche Widersprüche und politische Heuchelei.

Verbeugung vor Spiegeln

Im Kapitel «Fremdkörper und Körperresonanzen» konstatiert Martin R. Dean (vielleicht) einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel. Angesichts der vorab jungen Menschen, die sich in ihre Smartphones vertiefen, schreibt er: «Verbote, Zwänge und Affekte werden nicht weiter 'internalisiert', sondern mit Geräten kontrolliert». Dies wäre nach seinem Dafürhalten so etwas wie eine «Schubumkehr» im Prozess der Zivilisation, so wie ihn Norbert Elias einst beschrieben hat. Die Beobachtung zielt ins Herz seiner Essaysammlung mit dem Titel «Verbeugung vor Spiegel. Über das Eigene und das Fremde».

Jüngst ist in den Medien gemeldet worden, dass der intensive Umgang mit Smartphones und sozialen Medien einer der Gründe dafür sei, dass Jugendliche heute weniger Ärgernis in der Öffentlichkeit veranstalten. Und eine zweite Meldung besagte, dass die Schweizer nicht nur das reichste, sondern auch das glücklichste Volk seien. Warum bloss ist davon so wenig zu bemerken?

Das alles könnte mitgemeint sein in Martin R. Deans zitierter Bemerkung, doch er will auf etwas anderes hinaus: «Die Externalisierung von Ichfunktionen verändert auch die Fähigkeit, dem Anderen in sich Raum zu geben. Die Begegnung mit dem Fremden wird immer mehr zum Feindkontakt.» Die Fähigkeit, das Fremde einfach als Anderes auszuhalten, «verkümmert in dem Masse, wie die globale Freiheit zunimmt». Darin besteht das eigentliche Ärgernis, das Martin R. Dean auf- und anregt. Indem wir das Fremde ausschliessen und zum Feind erklären, oder es durch Integration und Assimilation verschwinden zu lassen, kommt uns der Mut zur Differenz abhanden. Damit aber wird uns auch der Blick auf das Eigene, Gewohnte verstellt, es ist unwidersprochen richtig.

Martin R. Dean spricht diesen Zwiespalt aus eigener Erfahrung aus. Vater wie Stiefvater waren indische Einwanderer in Trinidad. Während erster in London verloren ging und vom Autor erst kurz vor seinem Tod wieder gefunden wurde, assimilierte sich letzterer als verdienter Hausarzt in der Schweizer Provinz, in der auch Dean aufwuchs, Sein Vater war angesehen, aber einsam, wie der Autor in einem einfühlsamen, bemerkenswerten Porträt beschreibt. Diese doppelten Wurzeln in der Fremde und von mütterlicher Seite in der Schweiz hat ihn nachhaltig geprägt. Im Spiegel entdeckte der Autor früh schon kein makelloses Abbild des Schweizer Bürgers, sondern eine Differenz, die er aushalten musste, und die ihn vielleicht zum Schriftsteller machte.

Martin R. Dean reflektiert das Fremde im Spannungsverhältnis zum Eigenen in den unterschiedlichsten Aspekten. Er geht prägenden persönlichen Erinnerungen an die Kindheit nach. Er reflektiert über Gärten als «Sehnsuchtsorte» und erinnert sich an seine Besuche in Metropolen, allem voran Paris, wo er «Weltoffenheit» erfuhr. Auf diesen Spuren kreist Dean den Kern seines Lebens ein: seine zwei Väter, die er literarisch im Roman Zwei Väter verarbeitet hat. Beide gaben sie ihm existentiell ein Stück Fremdheit mit, durch sie erhielten Begriffe wie Heimat und Vaterland eine doppelte Konnotation, die nicht einfach aufzuheben war. Ihnen wohnt eine tief empfundene Ambivalenz inne.

Daraus schöpft Martin R. Dean eine Antriebskraft für sein Schreiben. Sie prägt sein Sensorium für den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit dem Fremden, der zwischen Ablehnung und Einebnung schwankt – wobei die Gegensätze nicht selten täuschende Ähnlichkeit verraten. Demgegenüber beharrt Dean auf der Fremdheit, weil sie zum einen nicht einen Zustand, sondern «ein Verhältnis» beschreibt, worin zum zweiten eine eminente Kraft innewohnt. Im Vorspann zitiert er Theodor W. Adorno: «Fremdheit zur Welt ist ein Moment von Kunst, wer anders denn als Fremdes sie wahrnimmt, nimmt sie überhaupt nicht wahr.» Anstatt dem Fremden gegenüber einen «paranoiden Raum» zu öffnen, in dem Abwehr und Ausschluss argumentativ befestigt werden, ist es produktiver und gesünder, das Fremde als Teil von uns selbst anzuerkennen. Identität und Charakter, aber auch Stil sind Begriffe, in denen sich Eignes und Fremdes begegnen: «Identität ist nichts anderes als ein Echoraum, in dem Eigenes mit Fremdem korrespondiert und das Eine ins Andere hinüberspielt.» Im Spiegel ist es zu erkennen.

Anschaulich, in eleganten Argumentationsfiguren und stets an eigenen Erfahrungen geschärft untersucht Martin R. Dean dieses Widerspiel. «Verbeugung vor Spiegeln» basiert auf vorgängig bereits erschienenen Texten, Martin R. Dean hat sie für das Buch teils neu formuliert und zu einem grösseren Essay verbunden.

Stil und Moral

Das Motiv der Einebnung von Differenz und Widerspruch findet sich auch in den Essays Stil und Moral von Lukas Bärfuss wieder. «Ein ungeteiltes Ich hat keinen Grund, über sich selbst nachzudenken», heisst es in einem Text über Max Frischs «Die Schwierigen». Im Motiv der Maske vor dem Gesicht findet Bärfuss eine Entsprechung dafür, wovon ein Katalogbeitrag für das Zürcher Museum Rietberg mit dem Titel «Masken» von 2014 zeugt. Am Ufer des Kivusees in Ruanda, erzählt er darin, habe er sich vor Jahren von einem Händler zwei angeblich wertvolle  Masken aufschwatzen lassen. Nach Hause zurück gekehrt bedeuteten sie ihm nichts weiter, sie ängstigten bloss die Kinder. Dennoch und vielleicht gerade deswegen liessen sie ihm keine Ruhe: die Masken nicht und ebenso wenig ihre Träger. Was sich hinter den Masken verbirgt, ist nicht leicht zu benennen, gewiss aber ist, dass zu jeder Maske ein Gesicht gehört, das sie trägt.

Masken machen schaudern, signalisieren starke Gefühle wie Hass und Bosheit, nur für die Liebe gibt es keine Maske, fällt ihm auf. Erlaubt die Liebe keine Maske – oder, was weit verdächtiger wäre: Getrauen wir uns in Zeiten der Toleranz und Offenheit – «als Produkt der Aufklärung» – gar nicht mehr, Masken zu tragen und zu dulden. Anders herum gedacht: «Vielleicht sind nicht die Masken verschwunden, vielleicht fehlen vielmehr die Gesichter, ohne die wir die Masken als solche nicht erkennen können.»

Ähnlich wie Martin R. Dean setzt auch Lukas Bärfuss bei persönlichen Erfahrungen an, die seine Sinne für subtile Verschiebungen und Widersprüche geschärft haben. «Es gibt angenehme und schmerzhafte, aber keine falschen Erfahrungen», hat ihn Robert Walser gelehrt. Im Zentrum steht für Bärfuss dabei die Erfahrung mit dem, was wir Bildung nennen. Er sei ein schlechter, aufmüpfiger Schüler gewesen, gesteht er ein, der «obwohl er die schlechteste Schule der Stadt besuchte» zu dem geworden sei, was er heute ist. Allenfalls einzelne Lehrer haben ihn zu Neugierde und Widerspruchsgeist angespornt, wie es im Grunde der primäre Bildungsauftrag sein sollte. Heute jedoch meint Bildung ein lebenslanges Lernen, damit die Menschen flexibel bleiben für die ökonomischen Bedürfnisse. Das verbindet den Schüler mit dem späteren Bürger, Arbeitnehmer und Karrieristen. Bewegung und Beweglichkeit lassen den modernen Menschen vor lauter Entwicklungsstress zu keiner Ruhe mehr finden. Was ist, «wenn man sich ständig entwickeln soll und gleichzeitig jede Möglichkeit zur freien Entfaltung genommen ist?» Im Mahlwerk dieser Gegenbewegungen droht der Mensch zerrieben zu werden. Für Freiheit oder, wie Bärfuss es vorzieht, «Wahrhaftigkeit» bleibt da kaum Spielraum, denn wer die Flexibilität zu einer Metamorphose nutzt, verliert erst recht die gesellschaftliche Akzeptanz.

Von diesem Furor sind schliesslich auch Kunst und Literatur mit betroffen. Auch sie müssen sich stets neu erfinden, wollen sie Bestand haben. Doch was hätte ein Kunstwerk zu beweisen, worin könnte es sich selbst übertreffen? «Ein Kunstwerk, selbst wenn es ein Fragment ist, ist immer vollständig, und nur vollständig ist es ein Kunstwerk.» Mit Rückgriff auf Brechts Pathos, dem heute etwas Unzeitgemässes anhaftet und das dennoch Unbehagen bereitet, schreibt Bärfuss: «Wir müssen fähig werden, diese Andersartigkeit zu ertragen und ihre Voraussetzungen zu verstehen» – worin nachklingt, dass dies auch im Gesellschaftlich-Politischen zu gelten hätte.

Lukas Bärfuss liebt es, über vermeintliche Um- und Irrwege sein Ziel anzusteuern. Eine Erinnerung aufrufen, einen Text hervor nehmen, um innezuhalten und ihn neu zu lesen, darin besteht die Strategie vieler dieser Essays. Das ‹Entwickle dich› wird zur Flucht aus dem Glück und aus der Freiheit, dabei scheinen Glück und Freiheit einzig im innigen Moment erreichbar; und vielleicht beim Lesen. Doch Lukas Bärfuss wäre nicht er selbst, würde er nicht auch diesen Moment radikal in Frage stellen – wie es im letzten titelgebenden Text des Buches geschieht. Abermals dient eine Erinnerung, an einen Skiausflug in die Berge, als Auslöser für ein Nachdenken. Angesichts all des Elends in der Welt kann der Schreibende auf einmal im eigenen Tun nichts weiter mehr erkennen als eine «moralische Sauerei»: «Je grösser der Kunstgenuss, desto tiefer die Apathie, desto grösser die Absonderung von den Bedürfnissen Ihrer Umwelt.» Mit diesem Dilemma zwischen Stil und Moral haben wir zu leben, der Autor so gut wie seine Leser und Leserinnen.