Katalog von Allem

Peter K. Wehrli

Auf seinen Reisen in alle Welt hat der Zürcher Autor und Filmemacher Peter K. Wehrli während vierzig Jahren einen Katalog von Allem erstellt. In Form von insgesamt 1697 durchnummerierten sprachlichen Schnappschüssen unternimmt er darin den ganz persönlichen Versuch, die ungeheure «Flut der Erfahrungen ordnend in den Griff zu bekommen», sie zu strukturieren und zu kategorisieren. Wehrlis Katalog ist ein wahrhaftiges Buch von Welt, das auf schillernde Weise Bilder hervorruft, ohne selbst zur täglichen Bilderflut beizutragen.

Critique

par Beat Mazenauer

Publié le 19/01/2009

«1. der Anfang
das Gefühl von Zuversicht, das ein zurückspulender Film in mir weckt: weil, wer rückwärts läuft, stets dem Anfang entgegengeht.»

Nicht Zuversicht, sondern Bestürzung, Entsetzen – die persönliche Legende ist in diesem Punkt ungenau – stand am Beginn von Peter K. Wehrlis Katalog von Allem. Den Film, den er hätte zurückspulen wollen, den konnte es gar nicht geben. 1968 begab sich Wehrli auf eine Zugreise nach Beirut. Schon kurz nach Abfahrt bemerkte er jedoch, dass er ein wichtiges Utensil, den Fotoapparat, zuhause vergessen hatte. Wo jemand anderer unterwegs eine Kamera erstanden hätte, machte der Filmemacher Wehrli aus dem Malheur eine Tugend und begann die nicht geschossenen Schnappschüsse durch Beschreibungen und Anekdoten zu ersetzen.

«13. das Blättern
das suchend unsichere Blättern des Schalterbeamten im Bahnhof Zürich in Preislisten und Streckenverzeichnissen, weil er nur selten eine solche Fahrkarte ausstellen musste.»

So setzte er zu einem Werk an, das er seither – seit vierzig Jahren – kontinuierlich auf seinen vielen Reisen fortschreibt. Entstanden ist daraus ein umfassendes, sehr persönliches Erinnerungsarchiv in Katalogform geworden, in welchem gewissermassen ein Leben in sprachlichen Bildern katalogisiert ist. Dabei hängt alles mit allem zusammen, bleibt nichts ausgeschlossen. Die Nr. 1111 situiert das Unternehmen konzeptuell in einer solchen Ganzheit, die nur ganz sei unter Einschluss des Nichts: «Alles, das nie das Ganze sein kann, sondern nur die Hälfte ist, solange es nicht auch Nichts einschliesst, weil erst Nichts und Alles zusammen das Ganze sein können...»

Sein Katalog von Allem ist ein sehr persönlicher Versuch, die ungeheure «Flut der Erfahrungen ordnend in den Griff zu bekommen» (so Wehrli 1999), sie zu strukturieren und zu kategorisieren. Wehrlis Katalog ist ein wahrhaftiges Buch von Welt, das auf schillernde Weise Bilder hervorruft, ohne selbst zur täglichen Bilderflut beizutragen. Formal zeichnet sich der Katalog von Allem dadurch aus, dass die durchnummerierten Texte rein beschreibend gehalten sind, ohne Prädikat im Hauptsatz erweitern sie das titelgebende Stichwort mit Relativsätzen. Dies klingt wie folgt:

«107. der Sprechchor
das Lauffeuergemurmel, das jedesmal, wenn ein Fahrgast den Zug verlässt, durch die Wagen schwelt und das sich aus den Worten ergibt ‚Change address, change address...', ein Sprechchor, an dessen Stärke man die Beliebtheit des Aussteigenden messen kann.»

Das neuerdings vorliegende Buch täuscht darüber hinweg, dass Wehrli sein Werk schon wiederholt für beendet erklärt hat. 1999 wurde seine erste Edition mit der zitierten Nummer 1111 beendet. Dennoch ist es weiter gegangen. Diese erste Katalogphase bis 1999 war sozusagen noch der Vormoderne verpflichtet. Nicht allein dass Wehrli gleichsam mit Sprache fotografiert hat, seine Notate sind bis dahin 31 Jahre lang in Form eines Loseblatt-Ringordners verlegt worden, wo hinein die insgesamt 15 hektographierten Teillieferungen eingelegt wurden.

Dann entstand 1999 eine erste Gesamtausgabe in Buchform. Teilausgaben wie «Der brasilianische Katalog» begleiteten sie, bis Wehrli 2008 nun eine erweiterte, aktualisierte Neuausgabe vorgelegt hat.

Der Katalog von Allem gleicht einer Dauerwurst: Sie hält lange vor, lässt sich scheibchenweise lesen und nährt auf wundersame Weise. Kommt hinzu, dass sich heutzutage kaum ökologischer quer durch alle Welt reisen lässt. P. K. Wehrlis Aufzeichnungen appellieren weniger an ein gesichertes Wissen, sondern lösen bei den Lesern Assoziationen, Eindrücke und eigene Erinnerungsbilder aus. Er wirkt wie ein Imaginationskatapult, das einem Wehrlis Reisen in innere «Einzelbilder» heraufbeschwört.

«1447. der Leser
der Leser, der – wie jeder Leser – nicht merkt, was er tut, weil er lesend das erlebt, was er liest, und nicht das Lesen.»

Dergestalt ruft dieser Katalog – wie es Kataloge eben tun – eigene Wünsche und Bedürfnisse ab. Das entspricht zwar nicht der landläufigen Vorstellung von Archiv, Lexikon oder Enzyklopädie, aber welches Archiv, welches Lexikon ist schon vollständig? Und Wehrlis Buch definiert sich ja auch anders: Es adelt den Katalog als literarische Form! OB dieses Werk damit zum Abschluss kommt, bleibt indes fraglich, steht das letzte Bild doch unter dem Stichwort «der Neubeginn».

Revue de presse (sélection)

«[…] Obwohl darin von H. C. Artmann über Bob Dylan, Peter Handke und John Huston bis zu Andy Warhol und Orson Welles die ganze Film- und Literaturszene präsent ist, bleibt Wehrlis Buch konsequent bei seiner asketischen Anlage und macht nicht einen Augenblick auf Klatsch und Sensation, ja auch über den Verfasser selbst erfährt man aus all den Notaten nie etwas Privates oder Intimes. Und dies, obwohl man eigentlich nicht ungern erfahren würde, wer er denn nun eigentlich sei, dieser schreibende TV-Regisseur, der die Chuzpe hat, die ganze Welt in einem trockenen Katalog zu versammeln, ohne dem Leser auch nur ein einziges Mal die Aufgabe abzunehmen, die protokollierten Phänomene und Beobachtungen selbst zu Komödien oder zu Tragödien zusammenzufügen.» (Charles Linsmayer, Der Bund, 23.12.1999)