Eitelkeiten am Wendepunkt des Lebens

par Alexandra von Arx

Publié le 04/02/2013

«Das war’s» – Deckel zu, aus und vorbei. Während einem Solokonzert in der Berliner Philharmonie steht der weltbekannte Pianist Marek Olsberg mitten in der Hammersonate ohne weitere Erklärungen auf und verlässt die Bühne. Zurück lässt er 2387 ratlose Zuhörer. Das ist die Anlage, die der 1953 geborenen, in Basel und dem Elsass lebenden Schweizer Romancier Alain Claude Sulzer als Sprungbrett nutzt, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen und in menschliche Abgründe einzutauchen. Wohin geht Marek Olsberg nach dieser ihn selber überraschenden Tat? Welche Folgen hat der verkürzte Abend für das sitzengelassene Publikum? Da ist beispielsweise die 54-jährige Esther, «eine normale, gut organisierte Ehefrau, deren Kinder seit kurzem aus dem Haus waren». Mit ihrer Freundin Solveig besucht sie Olsbergs Konzert, kehrt aber aufgrund seines abrupten Endes früher als vorgesehen heim. Statt ihren Mann wie erwartet vor dem Fernseher anzutreffen, findet sie nur sein Mobiltelefon mit anzüglichen Nachrichten einer offensichtlichen Geliebten. Ähnlich und doch ganz anders ergeht es Johannes. Eine Geschäftsreise führt ihn nach Berlin, wo er die Dienste eines Escort-Services in Anspruch nimmt. Statt wie geplant Olsbergs Konzert zu besuchen, geht er mit einer hübschen, jungen Frau essen und anschliessend auf sein Hotelzimmer. Beim Telefongespräch mit seiner Frau Renate am nächsten Morgen erzählt er ihr vom grandiosen Konzert, nicht ahnend, was genau sich dort zugetragen hat, und nicht begreifend, dass Renate darüber besser informiert ist als er. Aus dem Radio hat sie bereits vom unerklärlichen Abgang von Olsberg gehört und durchschaut Johannes Lügengeschichte.

Das Leben aller neun Figuren, die Sulzer während kurzer Zeit rund um den Konzertabend unter die Lupe hält, gerät, wie der Romantitel suggeriert, aus den Fugen. Es wird rasch klar, dass jedes auf einen Wendepunkt zusteuert. Daraus entwickelt sich ein Sog, von dem man sich breitwillig mitreissen lässt. Schliesslich ist Sulzer ein grossartiger Stilist. Er arbeitet mit der Sprache wie ein Musiker, setzt Akzente, variiert Motive, verlangsamt den Rhythmus oder lässt die Spannung dynamisch anschwellen. Der einzige, jedoch ziemlich entscheidende Abstrich des neuen Romans liegt in der Zeichnung der Figuren: Sie wachsen einem nicht ans Herz. Sie sind entweder oberflächlich oder unterkühlt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die ausführlichen Schilderungen ihrer privilegierten Lebensverhältnisse, die selber schon eine gewisse Eitelkeit ausstrahlen. Das Figurenpersonal von Aus den Fugen gehört zu den oberen Schichten oder hat zumindest für einen kurzen Moment Zugang zu diesen Kreisen. Sie essen am Liebsten zuhause umgeben von ausgewähltem Design ein Scheibchen Foie gras, streichen über das Leder einer exklusiven Pariser Handtasche, bezahlen für eine weibliche Begleitung 180 Euro die Stunde in bar und schenken einem Einbrecher mal eben ein Bündel Banknoten. Für sie alle gilt, was Marek nach seinem Konzertabbruch weiss: «Geld spielte keine grosse Rolle.» Natürlich heisst das deswegen noch lange nicht, dass sie nicht einsam sein können oder sich nach aufrichtigen zwischenmenschlichen Kontakten sehnen. Doch sie bleiben mit wenigen Ausnahmen selbstzentrierte Gockel, so wie Claudius, der «im Grunde seines Herzens nicht nur davon überzeugt [war], dass er einzigartig sei, sondern auch, dass er von allen geliebt würde, egal, wie er sich gegenüber seinen Mitmenschen benahm.» Für ihr Schicksal interessiert man sich so letztendlich zu wenig. Aus den Fugen basiert zwar auf einer originellen Idee, doch hinterlässt das dichte Geflecht aus Verstrickungen und Intrigen keine tiefschürfenden Spuren. Die kunstvolle Komposition des Romans aber wurde mit der Nominierung von Alain Claude Sulzer für den Schweizer Buchpreis 2012 gewürdigt.

Note critique

Als der Starpianist Olsberg inmitten eines Konzerts mit einem lakonischen «Das war’s» die Bühne verlässt, gerät für einige Menschen die Welt aus den Fugen. Alain Claude Sulzer verfolgt sie in seinem kaleidoskopartigen Roman durch den weiteren Verlauf des Abends. Liebe kippt in Verrat, und Verrat erzeugt neue Lieben. Auf elegante Weise verbindet das Buch die verschiedenen Erzählstränge, mutet dieser Konstruktion im Endeffekt aber zuviel zu. Die glatte Politur seiner Erzählung hinterlässt am Ende einen schalen Nachgeschmack, auch wenn Sulzer einige feine Beobachtungen gelingen. (Beat Mazenauer)