Die Chronik des Zeichners

Hannes Binder

Als Hannes Binder Tagebücher und Dokumente seiner Grossmutter findet und liest, lernt er auch seinen Urgrossvater kennen. Dieser wollte Maler werden, doch sein Vater, ein von der aufkommenden Industrie bedrängter Kammmacher, bittet ihn, sich das gut zu überlegen. Auch der erfolgreiche Maler Koller, den er plein air antrifft, warnt ihn vor dem harten Brot der Kunst. Die Dokumente aus dem Schreibtisch seiner Grossmutter bef lügeln des Zeichners Fantasie, er reist in die Vergangenheit, ins neunzehnte Jahrhundert, als der junge Urgrossvater die Kunst liebt und eine Diessenhofener Wirtstochter, als die Industrie das Handwerk bedrängt und die aufkommende Fotografie die Malerei. Und er erinnert sich an seine eigene Jugend als Kunststudent in den Sechzigerjahren mit seinem Aufbruch zu neuen Ufern. Dann kam das Neue in Form der Computer, mit dem jeder Illustrationen fabrizieren kann … Sein Urgrossvater wurde Kaufmann, aber der Zeichner zeichnet noch immer.

(Buchpräsentation Limmat Verlag)

Volare – durch Zeiten und Räume

par Beat Mazenauer

Publié le 18/12/2014

Früher war alles anders – und irgendwie doch ähnlich wie heute. Als Theo, der Sohn des Kammmachers Schalch, vor Zeiten in Diessenhofen am Rhein den Wunsch hegte, Künstler zu werden, wurde ihm nicht nur von seinem Vater dringend abgeraten. Die Kammacherei stand vor dem Ende durch das Aufkommen neuer Kautschukkämme, und die Fotografie würde die Malerei ablösen. Theo hatte ein Einsehen und wurde schliesslich Kaufmann, immerhin bekam er seine Clara zur Frau. Mit Pomp wurde Hochzeit gefeiert.

In diese Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts – der Maler Rudolf Koller arbeitet gerade en plein air an seiner «Kuh im Krautgarten» von 1857 – taucht der Zeichner und Illustrator Hannes Binder ein. Anregung dazu boten ihm, wie er schreibt, alte Aufzeichnungen der Grossmutter, die sie in ihrem Biedermeiersekretär aufbewahrt hatte. Das Dilemma seines Urgrossvaters Theo: Kunst oder Karriere, kennt er aus eigener Erfahrung. Er stellte sich die Frage selbst schon mehrfach, zuerst nach dem Studium, oder später, als die Neuen Medien sein Handwerks des Illustrators zu verdrängen schienen.

Mit dem jüngsten Werk betritt Hannes Binder für sich Neuland. Hat bisher die persönlich fundierte, doch einem fremden Text verpflichtete Illustration im Zentrum seines Schaffens gestanden, so folgt er hier einem eigenen Erzählstrang. (Die 2012 veröffentlichte Bildergeschichte «Glauser im Kopf» hat dafür das Terrain geebnet.) Die Chronik des Zeichners beschreibt eine doppelte Parallelbewegung, indem sich einerseits Text und Bild auf nie simpel deckungsgleiche Weise gegenseitig anreichern, und sich andererseits die Zeiten und Orte ineinander verschlingen. Das Dilemma des Urgrossvaters erneuert sich beim Urenkel, der sich in den wilden Sechzigerjahren fragt, wie ein selbst bestimmtes Leben in Bob Dylans «Desolation Row» zu verwirklichen wäre. Während der Zeichner über Kunst diskutiert, in Mailand arbeitet, dann bei einer Hamburger Zeitschrift landet, Peter Zeindler nach Marokko begleitet und nach vielen Jahren auf den Spuren der Vergangenheit nach Schaffhausen reist, wird Theo – als kurzzeitig Verdächtiger – sogar in einen Mordfall verwickelt, der sich schliesslich als industriegeschichtliche Auseinandersetzung entpuppt. Auf je eigenen Wegen machen beide ihr Glück; in ihrer Zeit und in dieser Graphic Novel, in der sich ihre Leben begegnen.

Binders Buch überzeugt allem voran durch das freie, losgelöste Verhältnis von Bild und Text zueinander. Beide behalten sie je ihren Eigensinn, indem sie eigene Wege gehen und sich doch aufs Genaueste ergänzen. Medial bedingt reizen die stupenden grafischen Blätter mit ihrer Schabkartontechnik das Auge mehr. Binder zeigt, wie von ihm gewohnt, wechselweise mit grosser Detailschärfe und mit opulenter Grosszügigkeit die Schauplätze der Handlung, die sowohl auf Erden wie im Kopf spielt. Er zitiert munter aus der Kunstgeschichte, zeichnet  präzise Charaktere und – das vor allem – lässt unterschiedliche Optiken immer wieder in ein und demselben Tableau verschmelzen. Der Text begleitet die Bilder diskret, ohne sich ihnen unterzuordnen. Stellenweise behauptet er aber auch Eigenraum, wenn der Autor die eine oder andere Seite vornehmlich beschreibt.

So führt Hannes Binder eine rückblickende Geschichte, in der die Schaffhauser Lokalhistorie bildhaft aufersteht, mit einem Lebensgefühl zusammen, das die Sechziger- und Siebzigerjahre nachhaltig geprägt hat. Eine durchaus gewagte Mischung, die aufgeht, weil eine prägnante Handschrift die unterschiedlichen Erzählstränge auf eine gemeinsame Ebene hebt. Die eine Differenz indes bleibt bestehen. Während Theo sein Glück als Versicherungskaufmann findet, ist es Hannes Binder bis heute erfolgreich geglückt, Brotlosigkeit und Medienwandel mit seiner Kunst zu bestehen.