Kartographie des Schnees

Rolf Hermann

Strassennamen, Museumsbesuche, Youtube-Videos geben im neuen Gedichtband von Rolf Hermann Anlass zu Beobachtungen, Erinnerungen und Reflexionen. Er übersetzt die Erkundungen physischer und virtueller Landschaften in faszinierende Zeilen und Bilder der Vergänglichkeit.
Die Landkarte, die Rolf Hermann in Kartographie des Schnees entwirft, reicht weit: von einem Tübinger Friedhof bis zu den ächzenden Kränen in Novosibirsk, von einem Muldenkipper in Paris bis zu einem Schneesturm in Chicago. Vor allem aber bringt sie uns das so nahe, was im weitläufigen Gelände der Erfahrung oftmals übersehen wird: den Zitteraal im Mund, die Friedhofsschuhe im Weinberg – und dass wir im Anderswo immer hier sind.

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)
 

So weiss der Schnee

par Beat Mazenauer

Publié le 20/03/2015

Auf Schweizer Bühnen ist Rolf Hermann als Mitglied der Gebirgspoeten bekannt, zusammen mit Matto Kämpf und Achim Parterre. Zu dritt treiben sie volkstümliche Poesie auf die Spitze. Rolf Hermann schreibt seit Jahren aber auch Lyrik. Nach Hommage an das Rückenschwimmen... (2007) und Kurze Chronik einer Bruchlandung (2011) legt er mit Kartographie des Schnees seinen dritten Gedichtband vor.

Hermann ist ein Gebirgspoet, der auch in der Fläche gut zurecht kommt. Zum einen wohnt er in Biel am Rand des Mittellands, zum zweiten betätigt er sich in den Vignetten zum neuen Gedichtband als ‹Flachmaler›. Unter Pseudonym übermalt er Klassiker der Ölmalerei mit Farbroller und weisser Dispersion. Dem Tun entsprechend zitiert der Band im Vorspann einen Satz in Weiss: «Bald wird es schnein, -». Ein Satz, der mit letzter Gewissheit Friedrich Nietzsche zuzuordnen sei. Wer immer einen Philosophen zitiert, auf den färbt dessen Philosophie ab, darauf zielt offenkundig auch Rolf Hermann – freilich mit ironischem Zwinkern.

Um Schnee geht es, wie der Buchtitel signalisiert, genauer um eine Kartographie des Schnees. Die Schweizerische kartografische Gesellschaft definiert den Begriff Kartographie als ein «modellhaftes Bild der Welt» in Kartenform. Darin enthalten sind Informationen zu topographischen, meteorologischen oder gesellschaftlichen Sachverhalten. Senkt sich Schnee drauf, verschwinden diese Informationen jedoch unter einer sanften Decke in Weiss. So ungefähr liesse sich der grundlegende Zwiespalt beschreiben, oder kartografieren. Ein «vor wort» akzentuiert umgehend das Gesagte:

und tief im inneren ohr
wo die graviernadel wandert

narben des schnees
narben des

Der spitze Gegenstand, der durchs Trommelfell sticht, erzeugt Stille, Taubheit, ein weisses Rauschen der Angst... Vergleichbares bewirken diese Gedichte, deren Gemeinsamkeit in einem Faible für Winterweiss sowie für komplexe lyrische Strukturen besteht. Mit letzteren erweitert Rolf Hermann das poetische Programm seiner ersten beiden Gedichtbände. Hinzu kommt eine topographische Ebene. Zahlreiche der Gedichte sind konkret verortet, in schwäbischen Ortschaften, in Pariser Strassen oder, auch das: auf youtube.

under the same sky steht die luft
entwirrt vom schnee
mit keinem mehr auf du

Das Erzählerische, Anekdotische der früheren Gedichte ist hier aufgegeben zugunsten einer Collageform, die Bilder, Zeichen und Signale zu neuen Mustern fügt. Leitmotiv ist der Schnee, als stiller Teppich oder im wirbelnden Rauschen des Blizzards. Die lyrische Optik vervielfacht sich, es schieben sich harte Brüche, scharfe Kanten und schiefe Ebenen ein, Trompe l'oeil-Effekte werden erzeugt. «jedes gedicht ist eine bedienungsanleitung», heisst es in einem Gedicht - gewissermassen als Aufforderung des Autors an seine Leserinnen und Lesern, selbst hinein finden in diese Zeilen und sich ein zu Bedienendes zu erfinden. Subjekt, Verb und Objekt passen nicht mehr selbstredend aufeinander, sondern markieren Um- und Abbrüche, die es zu überbrücken gilt. «ins präsens ich war ich bin / mit dir mit mir noch lang nicht fertig».

In dieser rhythmisch losen, von Interpunktion befreiten Form appellieren Rolf Hermanns Gedichte weder an ein voreiliges „Ein-Verständnis“ noch an einen vergnügten Spass. Die Kartographie des Schnees spielt mit dem Staunen und Rauschen, mit Zitaten und Einsprengseln, mit der tröstenden Weissheit des Schnees. Wer sich einen Reim drauf machen will, wird mit Geduld und Gespür fündig.

unter der erde ruht
ein himmel unbehauen

als findling

Note critique

Dans ses nouveaux poèmes, le valaisan Rolf Hermann a renoncé à la prose anecdotique de ses premières œuvres au profit du collage, qui organise images, signes et signaux en de nouveaux motifs. Le leitmotiv: la neige, paisible tapis ou rugissement tourbillonnant du blizzard. Les perspectives lyriques se multiplient, des ruptures brutales, des arêtes vives et des plans inclinés viennent s'intercaler, des trompe l’œil apparaissent. Sous cette forme rythmique, relâchée et dépourvue de toute ponctuation, la «cartographie de la neige» joue avec l'étonnement et le bruissement, avec les citations et les insertions, avec la blancheur réconfortante de la neige. Il faut faire preuve de patience et d'intuition pour trouver un sens à ces vers. (bm, trad. mm)