Leben & Werk

Felix Philipp Ingold

Überraschende Reflexionen, tiefe Einsichten, skurrile Einfälle, brillante Oberflächen: Leben und Werk ist ein Meisterwerk des Tagebuch-Genres. Die hier auf über tausend Seiten versammelten und komponierten Einträge aus fünf Jahren folgen jedoch nur bedingt dem Jahreslauf, denn jeder Tag des Kalendariums verbirgt kostbare ununterscheidbar ineinander verwobene Schichten von fünfmal sich wiederholenden Jahrestagen. Die Chronologie ist aus den Angeln gehoben, die Ewigkeit findet so Platz in dieser Archäologie der Jetzt-Zeit, die aus lauter realen Versatzstücken ein mögliches Leben verwirklicht. Ein Lebensgeschenk des großen Gelehrten, Schriftstellers und Dichters.

(Buchpräsentation Matthes & Seitz 2014)

Korsett der Freiheit

par Beat Mazenauer

Publié le 05/01/2015

Verstanden zu werden sei eine Schande, habe Stéphane Mallarmé einst bemerkt, schreibt Felix Philipp Ingold in einer Tagebuch-Notiz (25. Februar). Was im 19. Jahrhundert eine Provokation darstellte, ist es noch heute angesichts der Beobachtung, dass die meisten Textsorten «darauf angelegt sind, sich auf der Aussageebene rasch und problemlos zu erschliessen». In diese Falle tappt Felix Philipp Ingold mit seinen «Pataphysischen Fermaten» mit Sicherheit nicht. Ganz im Gegenteil öffnen sie sich dem Spiel mit Bedeutungen, Lesarten, Zitaten und Anleihen.

Der unpaginierte Band Nee die Ideen beinhaltet Verse, ein bis zwei pro Seite, die waagrecht oder senkrecht auf der Seite stehen. Die Schriftgrösse variiert je nach ihrer Länge, die sich präzise durch die Seitenbreite respektive Seitenhöhe definiert. Über die Doppelseite hinweg und durchscheinend in die Tiefe des Buches bilden sich so Gitter-Strukturen, die grafisch an Mondrian in schwarz-weiss erinnern. Die Verse sind Einzeiler, in sich geschlossene (Ei-)Zellen: poetische Monaden – die eingespannt sind in den Rahmen der leeren Buchseite. Dieser «typoetischen» Form nach stellen sich die « pataphysischen Fermaten» in die Tradition Mallarmés oder Jarrys.

«Am meisten zählt, was fehlt» – lautet einer der Einzeiler. Fermaten sind Pausenzeichen – im Getriebe des Lebens/Lesens. Sie setzen Zäsuren, kehren die Verhältnisse um und nötigen zum Innehalten. Demzufolge könnte der Wetterbericht so klingen: «Der Himmel leer, als wär er wer. Ein Heer. Frau Blau. Doch immer gilt er nicht für länger.»

Felix Philipp Ingolds Fermaten-Gedichte repräsentieren visuell und formal die Ambivalenz, ja Paradoxie, die der Poesie genuin einbeschrieben ist: eingespannt in ein enges lyrisches Korsett behauptet sie die Freiheit des Sagbaren. In dem Sinn entfaltet sich das Spielerische erst in der formalen Begrenzung.

Davon zeigt sich auch die Lektüre beeindruckt. Die Leserinnen und Leser haben aus den abstrakten Versen eine persönliche Bedeutung herauszuarbeiten. «Kein Gerät reicht bis zum Sinn, den es nicht hat.» Anklang, Anleihe, Aufzählung, Beschichtung, Verschiebung, Verrücktheit, Variation – all das gilt es lesend letztlich (für sich) selbst zu entdecken und zu erfahren. Deshalb ist hier nichts auszudeuten, denn: «Ja! die Wahrheit ist Einhalt; Beifall nie.»

Apropos Ausdeutung: Mit Nachworten zu literarischen Werken wird nur allzu oft doppelmoppelnder Unfug getrieben. Mit Sabine Meinbergers Notizen zu Nee die Ideen jedoch verhält es sich anders. Sie sind nicht blosse Auslegung, sondern geben vertiefte, hilfreiche Hinweise auf eine mögliche Auslegeordnung. Indem die Autorin ein paar optionale «Bewegungsgesetze» der Ingoldschen Poetik vorführt, erinnert sie, woran zu denken ist, damit die Lektüre gelingen könnte. Zum Beispiel, dass Verse in verso mit der Ferse voran führen.

Ein Gegenstück zu solchen lichten Strukturen bildet die festgefügte Textur im tausendseitigen Band Leben & Werk, in dem Ingold en bloc Tagebuchnotizen aus fünf Jahren gesammelt hat. Der Dreh dabei ist: Die fünf Jahre sind auf einen einzigen Jahresablauf eingeebnet, der 1. Januar umfasst also in einem fünf Neujahre. So gerät die Originalität der Ereignisse in eine Schlaufe der Gleichzeitigkeit. Gegensätze finden unvereins zueinander und singuläre Ereignisse sehen sich mit ihrer gleichzeitigen Wiederholung konfrontiert.

Felix Philipp Ingold ist ein scharfer Beobachter, seine Aufzeichnungen sind präzis, skeptisch und entschieden im Urteil. Dabei steckt er seinen Zaun durchaus weit. Er berichtet von Spaziergängen in seinem jurassischen Revier, protokolliert seine Träume, macht Anmerkungen zu ästhetischen Praktiken, spricht von der eigenen literarischen Arbeit und entdeckt Bücher an den Rändern des Bestsellerbetriebs. Vor allem aber weiss er sich auch an vordergründig trivialen Dingen zu erfreuen, beispielsweise dem «Faszinosum des Zweikampfs» am Beispiel eines Tennisfinales zwischen Andy Murray und Novak Djokovic (17. Mai). Alltägliches, Anekdotisches, Aufzählendes gerät notwendigerweise mit in den Blick.
Kritiker mögen einwenden, dass der opulente Band auch etwas Monomanes, vielleicht Eitles enthalte. Was indes schwergewichtig zählt ist weit mehr, dass er Einblick gibt ins Leben und Werk, Schreiben und Denken eines Geistesverwandten der klassischen Moderne. Seit Jahrzehnten setzt er sich theoretisch und literarisch mit den Ästhetiken und Avantgarden von Mallarmé und Mandelstam bis hin zu Oulipo oder der Wiener Moderne auseinander. Dies äussert sich hier beispielsweise in einer Variation auf Mallarmés Würfelwurf mit dem Schluss (10. Oktober):

– so man's bedenkt –

die Habe ist dem Reim zum Trotz das Gegenstück
der »Gabe«.


Natürlich stellt sich da die Frage, wer das denn lesen soll. Auch dafür weiss Ingold einen Rat (2. August).


«Noch mehr Bücher! Noch mehr lesen? Und was bleibt mir von diesem Gewicht? Was bleibt mir davon präsent? Mit schwindelnder Erinnerungskraft wächst die Intensität der Lektüre – das Lesen wird mir wichtiger, bringt mir mehr als das Gelesene.»

Genau so spricht ein Leser. Und gleich anschliessend gibt er einen zweiten Hinweis, indem er die Frage stellt, «inwieweit Leben und Werk, zeitgeschichtliche Person und intellektuelle Präsenz […] aufeinander einwirken...». Sie gehören zusammen und sind doch voneinander loszulösen.

In diesem Sinn und Geist lesen sich diese Tagesberichte am besten Tag für Tag. Sie zielen nirgendwo hin, sondern sind selbst genug: einzigartig und reizvoll, auch berührend und zuweilen sperrig, stets abwechslungsreich und in der gedanklichen Konsequenz höchst stimmig. Derart erhält das strenge Werk, ohne die Strenge zu verleugnen, auch etwas Leichtes und Spielerisches.