Inslä vom Glück

Stefanie Grob

Stefanie Grob beherrscht ironische Einfühlungskraft. Die Ironie entsteht durch das Talent der Einfühlung bzw. die Einfühlung gelingt paradoxerweise dank Ironie. Dieses Kunststück ist vermutlich überhaupt DER Kochlöffel der Satire.

(Stefanie Grob, Inslä vom Glück, aus dem Nachwort von SRF-Redaktor Lukas Holliger, Luzern, Der Gesunde Menschenversand)

Dialektik in Dialekt

par Beat Mazenauer

Publié le 22/04/2014

Lifestyle, Kinder, Multitasking – das sind zentrale Themen der Berner Spoken Word-Autorin Stefanie Grob. Darüber hat sie viel zu sagen, und sie tut es mit Verve und einem Sprechtempo, das weder Einspruch noch Antwort zulässt. Dabei beginnen ihre Figuren oft eher beiläufig zu erzählen: beispielsweise jene Ex-Frau, die am Telefon erfährt, dass ihr Mann sie verlässt. Die Anruferin sei dessen neue Flamme gewesen, berichtet sie – und steigert sich allmählich in eine Suada ganz ohne Bedauern über den verlorenen Jammerlappen, der im Leben nie nichts entschieden und die Initiative nur immer ihr, der Frau, überlassen habe, so dass man beinahe Bedauern mit ihr bekommt, wären da nicht die fünf Kinder. Ja woher kommen die denn?
So mündet das Ganze in eine komische Ernüchterung, wenn's gut geht – oder in die Katastrophe wie bei der «Iweiigsparty» von Silä und Rouf. Die Bemerkung, «äs isch gmüätläch gsi, am Anfang», lässt Böses erahnen. Unter der Regie der Schwiegermutter verwandelt sich das schöne und cool eingerichtete Haus ziemlich schnell in eine Bauruine. So kann's gehen.Stefanie Grobs geschwätzige Monologe ziehen über die Umwelt her und stellen zuletzt unweigerlich auch die Erzählerin ins schiefe Licht. Nicht selten ereifert sich sich über den Preis der Freiheit, den zu entrichten ihr schwer fällt. Beispielsweise wenn sich ausgerechnet d'Sönä - «itz numä nid diä» - im Berner Marzili-Bad neben sie legt. Innerlich ist sie am Kochen, «abr was wott mä da machä?» Das ist Dialektik im helvetischen Dialekt.

In ihrer Performance, die sich in den Lektüren widerspiegelt, akzentuiert Stefanie Grob zwei Sprechtempi. Betont sie in den einen Texten die sprichwörtliche Berner Gemächlichkeit (in «Ä Vormittag» etwa), beschleunigt sie ihren Redeschwall in anderen mit untypischer Rasanz. Letzteres geschieht in einer ihrer Lieblingsrubriken, «Heit dir gwüsst»: eine  Aneinanderreihung von Wissen, das von verblüffender Belanglosigkeit ist und gerade dadurch besticht. «Heit dir gwüsst, dass d Vrpackig vo Cornflakes meh Nährstoffe enthautet aus d Cornflakes irä drin?» – «Itz wüsst drs».
Und tatsächlich werden wir in diesen Texten manchmal etwas schlauer, weil Stefanie Grob gern gesellschaftliche und wissenschaftliche Themen aufgreift, um sie gegen den Strich zu erklären. «Üses Land brucht originelli Ching», glaubt sie, deshalb ist es gescheit, sie als «vrhaltensoriginell» zu bezeichnen. Die «Brävali» seien dann ihretwegen «vrhaltensgstört». Dabei gibt sie sich nicht immer nur lustig, wie in «Füdläblut dr Hogr z dürab», einer Miniatur über das Dorf, in dem gerne über alles getratscht wird, doch wenn einer tatsächlich seine Frau verhaut, dann «luägt ds Dorf lieber Fernseh».

Stefanie Grobs Texte funktionieren am besten und gewitztesten, wo sie das Publikum ganz direkt miteinbeziehen. Mit Wendungen wie «Dir, das gloubet er nid» suggeriert sie eine Gesprächssituation, in der dem vermeintlichen Gegenüber keine Pause bleibt, um sich auch nur bemerkbar zu machen. Die Sprecherin zieht ohne Rücksicht ihren monologische Rede durch.
Nicht immer gelingt das. So enthält «Z Züri ufem Spiuplatz» – notabene in Zürcher Dialekt – zu viele rhetorische Floskeln («he, waisch»), die (ausbleibende) Reaktionen eines Gegenübers erwarten lassen respektive bedingen, mit dem Effekt, dass der Redeschwall künstlich und unglaubwürdig klingt.
Das Monologische verliert sich auch in Texten, die mit lyrischen Formen spielen. Diese wirken meist eher leichtgewichtig und nicht immer subtil in ihrer Reimstruktur. Der Witz gerät hier oft zum Kalauer, weshalb sie abfallen gegenüber den besten Schnellsprechtexten.
Stefanei Grob schreibt in Berner Dialekt. Wer sich in diesem Band ans Lesen macht, sollte diesen Dialekt daher «fei» ein wenig im Ohr haben. In dem Fall ist er, leise oder laut mitgelesen, meist gut verständlich. Mit schönen Ausnahmen allerdings. Wer wie was, fragt sich, wenn einigen Politikern – es geht ums Rauchen - «ä ganzi Lawinä … i Gräng ichäbrättärät sii (muess) u Gröu, füf Tonna, wo aus achämäit, wonim id Queri chunnt». Das ist Mundart-Poesie jenseits von Bedeutung.