Werke in acht Bänden

Hermann Burger

Hermann Burgers Sprachkunst hatte ein klares Ziel: dass der Boden unter dem Leser zu schwanken beginnt. Zum 25. Todestag des eigenständigsten und überraschungsstärksten Schriftstellers der Schweiz der jüngeren Zeit erscheinen seine Werke in einer Leseausgabe. Wortmächtig, witzig, obsessiv und bis ins skurrile Detail genau recherchiert – Burgers Geschichten umgarnen, verführen und schillern, und das gilt auch für seine Selbstinszenierung als Lebenskünstler und Magier. Wie eng das miteinander zusammenhängt, erklären die exzellenten Nachworte, etwa von Harald Hartung, Kaspar Villiger und Ulrich Horstman, die außerdem viele persönliche Erinnerungen enthalten.

(Buchpräsentation Nagel & Kimche)

Leser und Verausgabungsartist

par Beat Mazenauer

Publié le 25/03/2014

Was am Ende eines Schriftstellerlebens zählt, ist das Werk. «Schriftsteller sein, heisst Sprache haben über den Tod hinaus», schliesst Hermann Burger seine Erzählung «Der Schuss auf die Kanzel». Doch was, wenn die Bücher eines Autors – wie in Burgers Fall, posthum – vergriffen sind und so in aller Stille vergessen gehen? Zuletzt war einzig der Roman Schilten noch im Handel erhältlich. Umso erfreulicher ist es, dass dieses Werk nun in einer achtbändigen Ausgabe neu aufgelegt wird. Der ganze Hermann Burger, von den frühen Gedichten über die ersten Erzählungen hin zu den grossen Romanen und dem Epitaph unter dem Titel Brenner. Mit dazu kommen literaturkritische Texte, Essays und sein finaler Tractatus logico-suicidalis. Damit wird, wie der Herausgeber Simon Zumsteg sein eigenes Verdienst umreisst, «das zum Grossteil seit vielen Jahren vergriffene Oeuvre dieses Schweizer Autors, der zu den bedeutendsten seines Sprachzeitraums gehört, wieder allgemein zugänglich».

Damit sind beispielsweise auch die frühen Erzählungen aus dem Band Bork endlich wieder greifbar, «Die Leser auf der Stör» etwa oder «Der Büchernarr». Sie begründen eine zentrale Perspektive auf den Verausgabungsartisten Burger: Er war immer und vor allem auch ein besessener Leser, einer, der nach eigenen Worten an Morbus Lexis litt, also an einer Schwächung der «postsynaptischen Rezeptoren» infolge einer «andauernden Belastung des Einbildungsvermögens», wie es in der Erzählung «Blankenburg» eingehend beschrieben ist. Oder anders gesagt, wie in der Erzählung «Der Büchernarr»: «Büchernarren sind nicht diejenigen, die den Narren an Büchern gefressen haben, sondern das sind Narren, die sich von den Büchern fressen lassen». In Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben, seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen, setzte sich Burger 1986 intensiv dem «massstabsgerechten Lesen» auseinander. Im Sinne von Bichsel erkennt er darin eine Gegenwelt: «Ich würde hinzufügen: nur wer dem Gelesenen seine Welt entgegenhält, bleibt unbeschadet Leser. […] Ein Buch kann zwar die Summe einer Existenz enthalten, aber man muss ihm auch sein eigenes Gewicht entgegensetzen.» Lesend also – und darüber schreibend – therapierte sich Burger so die eigene «Angst vor dem Lesen» hinweg.
Das Lesen als Rettung und zugleich die Literatur als gefährliches Terrain. Anlässlich des Stadtschreiberfestes in Bergen-Enkheim hatte Burger 1987 zum Thema «Die Lebensgefährlichkeit der Literatur» gesprochen. Dabei entwarf er ironisch ernsthaft das Schicksal eines Lesers, der «an der Lektüre Ulla Hahns oder Gerhard Köpfs gestorben» ist.
Dass derlei bei Burger nicht nur kokettes Spiel und literarische Besessenheit war, zeigen die Rezensionen und Aufsätze zur Literatur in den Sammelbänden Ein Mann aus Wörtern und Als Autor auf der Stör, die Hermann Burger als einen genauen, kritischen Leser ausweisen. Auch sie sind mit der Werkausgabe (Band 7) wieder greifbar. Am Ende schien ihn die Gefährlichkeit der Literatur selbst eingeholt zu haben, als ihm die überlebensnotwendige Distanz zwischen Leben und Fiktion immer weniger gelang.

Mit Burger ist, so verstanden, auch der Leser ein Aussenseiter – womöglich ein Büchernarr.Darin vergleicht er sich mit all den anderen Aussenseitern in Burgers Werk, stellvertretend mit jenem Jungen in der Erzählung «Puck» im Band Blankenburg (1986, Band 3). Der Junge darf nie mittun beim Eishockey, deshalb verwandelt er sich in einen Puck um gleichwohl daran teilzuhaben. Er spielt nicht mit, sondern ihm wird mitgespielt. Darin widerspiegelt sich die prekäre Befindlichkeit vieler dieser Narrenfiguren von Bork und Diabelli über Schildknecht bis Schöllkopf. Sie sind begnadete Käuze und zugleich Manifestationen des Schreibenden einerseits, des Autors Burger andererseits. Am Ende wird es Brenner sein, sein Alter Ego, der in diese Rolle schlüpft.
Die unvollendet gebliebene Trilogie Brenner bringt die Sprache zum Glühen und zum Rauchen. Die Grenzen zwischen Realität und Fantastik verschwimmen. Die rhetorische Obsession droht leer zu drehen, die Gedanken- und Satzkaskaden münden in ein brillantes, zugleich irrlichterndes Zuviel, in dem alles Erzählen förmlich ertrinkt. Doch gerade durch die paraphrasierende, persiflierende, auch plagiierende Wortmaschinerie erfüllt sich eine grundlegende Intention dieses Schreibens: «die Auslöschung des Ichs mittels Sprache», wie Beatrice von Matt schreibt (Band 2).

Simon Zumsteg zeichnet als Herausgeber für diese «Leseausgabe» verantwortlich. Er selbst hält sich darin mit Kommentaren zurück. Von ihm liegen bereits zwei umfassende Bände zu Burgers Werk vor: «poeta contra doctus. Die perverse Poetologie des Schriftstellers Hermann Burger» (2011) sowie als Ko-Herausgeber «Zur zwanzigsten Wiederkehr seines Todestages» (2010). Deshalb lässt er bei den Nachworten zu den acht Bänden anderen Autoren und Autorinnen den Vortritt, die sich unterschiedliche Zugänge zu Burgers Werk suchen, mal glückend, mal weniger. Die Nachworte werden jeweils ergänzt durch ausgewählte Abbildungen, präzise Nachweise und im Band 8 durch eine ausführliche Zeittafel zu Burgers Leben und Werk.
Am Ende zählt das Werk, darin besteht die Hinterlassenschaft eines Autors. Manchmal jedoch macht es den Anschein, als ob vom Ex- und Egozentriker Hermann Burger nur Launen und Kapriolen in Erinnerung geblieben wären, darunter vor allem die drei «hohen C»: das Cimiterische, Cigarristische und Circensische. Dazu, natürlich, sein feuerroter Ferrari «Mondial 3,2 Liter, 270 PS». Letzterer ist die verzweifelte Eskapade eines Schriftstellers, der auf die Frage «Was ist für Sie das grösste Unglück?» erwiderte: «Eine moderne Zivilisationskrankheit: die Depression....» Er kannte sie nur zu gut. Leben und Tod standen am Ende bei ihm nahe beisammen, doch selbst da noch durch eine überraschende Volte verbunden, wie es im Mortologismus 666 des Tractatus heisst: «Jeder Selbstmörder erlebt kurz vor der Tat eine fastnächtliche Kehraus-Stimmung. Die zentnerschweren Lebensargumente der unheilbar Gesunden werden für ihn zu einem Konfettiregen. In diesem Zustand ist er am splendidesten, da muss man von ihm profitieren».