Critique

par Beat Mazenauer

Publié le 25/01/2002

Posen des Künstlertums prägen das Werk des gebürtigen Basler Autors Alain Claude Sulzer. In seiner neuen Novelle Annas Maske treten eine Sängerin und ein Kapellmeister in konflikthafte Beziehung zueinander.

Die Schicksalsmacht der Liebe

Annas Maske heisst das neue Buch von Alain Claude Sulzer, eine Novelle aufgrund einer historischen Begebenheit.

«Könnten wir doch, und wäre es nur für ein paar Stunden, Figuren eines Romans sein, wir verlören alle Erdenschwere.» Im kusntvollen Roman Urmein von 1998 beschrieb Alain Claude Sulzer eine Gruppe von Lebenskünstlern, die sich die Kunst als zweite Natur herbeiwünschen.
In Annas Maske, der neuen Novelle von Alain Claude Sulzer, erneuert sich dieser Wunsch, nur anders. Verzweifelt wünscht sich Pauline, dass nicht wirklich wäre, was sie eben erlebt hat. Dann wäre gar nichts geschehen. Dann lebte Anna Sutter noch und würde mit ihrer Stimme die Menschen verzaubern. Doch alles Wünschen und Hoffen nützt nichts. Die ruchbare Tat ist geschehen.
«Am 29. Juni 1910, 12.45 Uhr / Stuttgart, Schubartstrasse Nr. 8», registrierte der Polizeiinspektor Heid nüchtern: zwei Tote im Schlafzimmer der Sängerin Anna Sutter. Die Wohnungsinhaberin sowie ihr ehemaliger Liebhaber, der Kapellmeister Aloys Obrist - beide erschossen mit seiner Waffe.

Frei geboren und frei verstorben

Ein ebenso grausiges wie sensationelles Verbrechen, war Anna Sutter in Stuttgart doch geliebt für ihre gesanglichen Leistungen wie für ihre Lebenslust. Sie kam, wie es einmal heisst, «zu ernster Arbeit wie zu einem Feste». Sogar die zahlreichen Liebesaffären wurden ihr nachgesehen. Einzig Obrist konnte über seine Verstossung nicht hinwegkommen. So griff der eher schüchterne Mann zur Pistole und tötete die, wie er in der Schweiz gebürtige, Geliebte.
Der Fall rief damals in Stuttgart Unverständnis hervor. Nicht nur bei Pauline, Annas Zofe, die dem Täter noch die Wohnungstür geöffnet hatte, weshalb sie sich schuldig fühlte. Doch sie würde darüber hinweg kommen. Der Polizeiinspektor Heid bewies bei der Befragung rührende Geduld mit ihr.
Die Carmen war Anna Sutters Glanzrolle. In ihen Posen brillierte sie, und in ihnen starb sie. Bizets Oper begleitete ihr frohgemutes wie tragisch endendes Leben: «Frei wurde sie geboren und frei wird sie sterben!»

In der ihr gewidmeten Novelle erzählt Alain Claude Sulzer abermals eine Geschichte aus dem Künstlermilieu. Ausgeprägter als früher noch stellt er hier seine Kunstfertigkeit ganz in den Dienst dieser wahren Begebenheit.
Sulzer gibt sich als zurückhaltender Chronist, der verschiedene Quellen zurate zieht, um ein vollständiges Bild der tragischen Vorfälle von 1910 zu vermitteln. Er zitiert aus der Lokalpresse und aus Musiklexika, passagenweise gibt er einen Brief Paulines an ihre Mutter wieder und referiert die Befunde des Inspektors. Die Grenzen zwischen historischen Quellen und Hinzufügungen aus der Phantasie des Autors verwischen sich allerdings.

Recherche und Phantasie

Was vordergründig einer historischen Reportage gleicht, erweist sich schnell als ausserordentlich subtil gebaute Erzählung. Getreu der Definition der Novellenform geht Sulzer sachlich in medias res, um den unglückseligen Fall aus unterschiedlichen Blickwinkeln immer präziser zu sezieren. Als Hintergrundfolie dient ihm Prosper Mérimées berühmte Carmen-Novelle.
Lediglich die daraus extrahierten Zitate, die jedes seiner Kapitel abrunden, wirken gesamthaft gesehen unnötig, weil sie bloss verdoppeln und illustrieren, was allenthalben spür- und erfahrbar ist. Nämlich das Walten der Schicksalsmacht Liebe, die in Sulzers wunderbarer Erzählung nach und nach ihre sehr menschlichen Züge offenbart.
Und zum Schluss in ihrer irdischen Form obsiegt. Im Brief an die Mutter gesteht Pauline abschliessend, dass sie den Polizeiinspektor Heid ehelichen werde. Eine einfache Person wie Pauline versteht nichts von tragischen Liebesaffären.