Am Ufer des Flusses

Jürg Amann

«Am Ufer des Flusses» steht das Haus, in dem ihre Mütter zur Welt gekommen sind. Am Fluss liegen die Städte, in denen die Söhne in ihren Familien ihre Jugend verbrachten. Und auf den Fluss hinaus geht auch das Zimmer, in dem sich die beiden Cousins, älter geworden, jetzt gegenübersitzen – vielmehr: der eine sitzt, der andere liegt – und auf ihre Leben zurückblicken. Zwei Leben, die sich bis auf den einen, aber entscheidenden Punkt gleichen, dass sie sich nämlich nicht auf derselben Flussseite abgespielt haben. Dass der eine «vom anderen Ufer» ist. Und dass er sich, ohne noch von ihr wissen zu können, an der Pest unserer Zeit angesteckt hat. Bald muss er über den Fluss.

Das Leben, ein endloses Verhängnis

par Beat Mazenauer

Publié le 09/10/2001

Wer zu nahe ans Wasser baut, sagt der Volksmund, neigt zum Weinen. Ums Weinen ist es auch zwei Männern in Jürg Amanns neuer Erzählung zu tun. Doch sie lachen, solange sie noch können.

Das Leben, ein endloses Verhängnis

Ihre Mütter sind zusammen aufgewachsen, in einem abgeschiedenen Kinderheim am Ufer des Flusses. Dahin hatte sie der Zufall und die Schande der Unehelichkeit verschlagen. Die Vertrautheit zueinander haben sie zeitlebens beibehalten und auf ihre Söhne übertragen.
So haben es diese akzeptiert. In die Jahre gekommen treffen sie sich am Krankenbett des einen und tauschen Erinnerungen an ihr «Paradies der Kindheit» aus: das einzige, das sie je gekannt haben, gekannt haben wollen. Inzwischen haben sich Jud und der Ich-Erzähler längst ihrem trostlosen Schicksal ergeben.
Um die Mütter kreist all ihr das Erinnern. Um das erstickende «Übermass an Mutterliebe», die diese bei ihren schwachen, schweigenden Männern nicht loswurden. «Aufgefressen vor Liebeshunger in Wahrheit hatten sie uns», sind sich, innerlich erschauernd, die beiden einig.

Das war alles

Mit trockenem Humor erzählt Jürg Amanns jüngstes Buch in sorgsam arrangierten, sich windenden Satzschlaufen von zwei Helden, die trotz allem Hass nie von ihren Müttern losgekommen sind. Gleichermassen trübselig wie maliziös beschwören sie nochmals den vermissten Mief der Fünfzigerjahre herauf.
Das vom Ich-Erzähler aufgezeichnete Gespräch an Juds Krankbett gleicht einer gehässigen Suada, die freilich nie über ihre fortwährende mütterliche Abhängigkeit hinwegtäuscht. In der bitteren Radikalität dieses Erinnerns liegt so insgeheim eine lächerliche Tragik vergraben.
«War es das schon?» Ja, denn der Rest des Lebens ist für beide bloss Anhängsel an die Kindheit geblieben.
Jud und der Ich-Erzähler haben sich prächtig im Unglück eingerichtet. Es blieb ihnen gewissermassen an den Sohlen kleben, auch wenn sie in der Welt herumkamen und die ausgetretenen Familienpfade verliessen. Erst in fortgeschrittenem Alter widerfuhr beiden unverhofft ein Glück, das sich freilich von Beginn weg als ein Unglück entpuppte, «weil ja das Ende des Glücks schrecklicher war als das Ende des Unglücks».
Sie vermochten es nicht zu behüten, deshalb haben sie darüber nichts ausser ein paar Belanglosigkeiten mitzuteilen. Folgerichtig trat das erwartete Unglück, also das Glück, bald auch ein, wobei die Schuld allein beim Schicksal, dieser «Kakophonie von Zufällen», liegen konnte.

Unglück und Ende

Die Erzählung Am Ufer des Flusses überzeugt, weil sie auf subtile, differenzierte Weise die Balance zwischen Lächerlichkeit und Ernst halten kann. Ihre erzählerische Raffinesse besteht darin, dass Amann die beiden Alten über alles plaudern lässt, ohne dass sie das Entscheidende: ihre verpasste Abnabelung, direkt äussern. Der eine hat es mit der Liebe zu Männern versucht, der andere die Angst vor Frauen kultiviert. In den Pausen ihrer Dialoge aber kommt es in feinen Andeutungen trotzdem zur Sprache.
Das Leben ist ein langer Weg zurück zur Mutter. Nicht ganz: Spät hat sich der an einem Virus tödlich Erkrankte doch befreit: «mit meiner letzten Kraft» habe er ihr vom Krankenbett aus die Krücke über den Schädel gezogen. Ein fulminantes Ende für eine tragikomische Lebensgeschichte und für eine vorzügliche Erzählung.