Slugo

Dieter Zwicky

«Handlungsreisende mögen vor diesen verbalen Turbulenzen verzagen und alle Hoffnung fahrenlassen. Abenteuerlich disponierte Leser werden sich dem verwegenen Flugkünstler gerne anvertrauen und seinen Kapriolen und Volten Satz für Satz ein unvergleichliches Vergnügen abgewinnen.» 

(Werner Morlang, Präsentation pudelundpinscher)

Eine ausgekochte Prosa

par Beat Mazenauer

Publié le 14/11/2013

Antonin Artauds Diktum, wonach alles «haargenau in eine tobende Ordnung» zu bringen sei, passt haargenau auch auf Dieter Zwicky Prosa. Sein jüngstes Buch Slugo. Ein Privatflughafengedicht winkt schon mit einem Titel, der in Rätseln spricht und sein Geheimnis vielleicht, vielleicht am Ende sogar preisgibt.
So beginnt's, ganz manierlich: «Judith, das Essen ist fertig! Ich rufe so froh, so frisch, weil ich auf dem Flughafen koche.» Die Leser und Leserinnen landen unvermittelt auf einem privaten Gelände, auf dem aufgetischt und gegessen wird. Es umfasst Küche, Fleischerei, Gemüsespeicher, Hangar, Startbahn und auch eine Vogelschar, die den Flugbetrieb stören könnte. Bald jedoch zeigt dieses Territorium sein wankelmütiges Gesicht, sprachlich zuerst, vor allem sprachlich. Es ist nicht bloss, dass die «Nudeln stampfen, strahlen», die erwarteten Neuankömmlinge werden überschwänglich und eigentümlich begrüsst: «Man fuhr sich gegenseitig unter die knisternde Kragenwand des blauen, federleichten Dienstmantels aus Palmnussbast, strich sich über Achseln und Schultern, munterte auf, gratulierte, gähnte: gestisches Alphabet der Flughafenjugend, der verspätet gezeugten Kinder der Flugzeuge.»
Mit zur Gemeinschaft, zum Personal gehören der Erzähler und seine Frau Judith, die kühn auf Türme von Gemüsekisten steigt, der schweigende Sohn Geoffrey, die ungleichen Brüder Jean und Robert sowie das aviatische Faktotum Brian, ein «Nordire, allerdings aus Strassburg». Sie alle heben von hier aus zu wagemutigen, vor allem sprachlichen Volten ab. «Flugfeld: Das ist unser ganz privates Wort.» Ein Privatort, der in der kleinen Verschiebung im Privaten das «Depravierte» mitführt.

Und die Handlung? Vor einer handfesten Beschreibung versagt der gute Wille, denn Dieter Zwicky geht es nicht darum, eine Geschichte herzuerzählen, die Anfang und Ende hätte. Viel lieber formuliert er mit Akkuratesse geradezu mustergültige, formvollendete Sätze, die er virtuos in Nebensätze ausufern lässt und mit poetischem Leichtsinn auflädt, der alle vorgefassten Bedeutungen auflockert und unterminiert.

«Ich staune: wie ein kurzer Hauptsatz über Jean sich umgehend verformt, erweitert, verästelt, verzweigt, sich zu Ahnungen eines Geheimnisses weitet!»

Der Begriff Un-Sinn liesse sich darauf anwenden, doch nicht im Sinn von Irrtum und Blödsinn, sondern als kreative Verneinung der gängigen Denkgewohnheiten in den üblichen Satzschlaufen. In einem Interview, das online nachzulesen ist, hat der Autor seine Prosa treffend qualifiziert: «Alles ist gelogen, doch alles ist aufs Herrlichste ausgekocht. Mein strengster Kochlehrer beim Schreiben: eigene Regeln. Das Eigene verweist auf dieses bisschen Wahrhaftigkeit in all dem Geflunker ungedeckter Worte.»
Aufhebungen, Verschiebungen, Abdriften drücken Zwickys Prosa ihren Stempel auf. Sie erzählt von einer «geschichteten Welt und Wirklichkeit».

«Jean kam ganz ohne den Hang aus, die Distanz zwischen zwei Gedanken zu verringern.
Ein Satz, ein Pflock, so ungefähr.
Totholz schlägt keine Wurzeln zum nächsten Satz, so ungefähr.»

Das ist launig und wunderlich zu lesen, die eine oder andere längeratmige Stelle mitbedacht. Es öffnet die Sinne für die vielen Zungen, mit denen wir sprechen. Doch man sollte sich nichts vormachen. Wo herkömmliche Erzählungen die Lektüre tragen und auch mal eine kleine Absenz auffangen, verliert hier den Faden, wer einen Satz aussetzt. Dieter Zwicky ruft nach hellwachen Lesern und Leserinnen. Die Müden werden abgehängt, wer aber seinen Kapriolen folgt, wird intuitiv auf unerfindliche Territorien geführt. Sprache ist eben mehr, als was wir daraus machen.

Note critique

Dieter Zwicky bringt seine Leserschaft zum Fliegen – wenigstens sprachlich. Sein neues Buch mit dem Titel Slugo. Ein Privatflughafengedicht foutiert sich um Handlung und Kohärenz, dementsprechend verspricht es eine verzwickte Lektüre. Der Erzähler, seine Frau Judith und das Personal des Privatflughafens heben hier zu wunderlichen Volten und Kapriolen in den Himmel der Sprache ab. Was äußerlich grammatikalisch korrekt ausschaut, besitzt im Inneren ein Drehmoment, das dem Unsinn neuen Sinn verleiht. Wer mitfliegen möchte, kann dabei seine blauen Wunder erleben.

(Beat Mazenauer, Viceversa 8, 2014)