Niedergang

Roman Graf

«Vielleicht fürchtete er sich nicht vor dem Berg, sondern vor sich selbst?»

Ein junges Paar bricht zu einer Tour in die Schweizer Berge auf. André und Louise wollen hoch hinauf, doch je näher sie dem Gipfel kommen, desto mehr entfernen sie sich voneinander. Als Louise aufgibt, ist das für André kein Grund, es ihr gleichzutun. Denn er will, ja er muss zu Ende bringen, was einmal angefangen ist.

(Buchcover Knaus Verlag)

Immer weiter feststecken

par Ruth Gantert

Publié le 02/10/2013

Niedergang heisst ein Roman, der in allen Details einen Aufstieg beschreibt. Der Zürcher André will seiner Mecklenburger Freundin Louise die Schweizer Berge zeigen. Er hat alles minutiös geplant. Nach einer ersten Nacht in der Hütte wird das Paar auf einem Hochplateau zelten, um schliesslich auf dem Berg einen Iglu zu bauen. Eine kurze Kletterpartie soll das Abenteuer zum krönenden Abschluss bringen. Der Aufstieg wird Etappe für Etappe geschildert, in kurzen Kapiteln, deren Titel von «Unfreundlicher Empfang» über «Einsamer Sieger» bis «Aufbruch» reichen. Das Wetter, die körperliche und geistige Verfassung, die Lichtverhältnisse, der Einsatz des mitgebrachten Proviants sowie der Hilfsmittel wie Gaskocher, Gamaschen und Gletscherbrille lassen die Bergtour lebendig vor dem inneren Auge erstehen.

André und Louise, wohl um die dreissig Jahre alt, wohnen beide in Berlin, allerdings in verschiedenen Vierteln. Sie lebt im ehemaligen Osten, er im Westen. Zur Vorbereitung ihrer Tour waren sie einige Male wandern und kletterten regelmässig in der Halle. Nun beharrt André trotz des schlechten Wetters auf der Durchführung seines Vorsatzes: Es gilt, den Gipfel zu bezwingen. Die androgyne Hochbauzeichnerin Louise hingegen ist wankelmütig. Erst will sie wegen des Regens gleich wieder umkehren, dann besteht sie plötzlich auf dem ursprünglichen Plan, begeistert von der Schönheit der Landschaft, bis es ihr dann doch zu viel wird und sie wieder absteigt – alleine, denn unterdessen kommt für André eine «Kapitulation» nicht mehr infrage. Er steigt verbissen weiter auf, getrieben von der Pfadfinder-Maxime seiner Jugend, «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg».

Niedergang und Bergfahrt

Warum will, ja muss André unbedingt diesen Berg erklimmen? Eine erste Antwort findet sich gleich zu Anfang des Buches:

Im Gehen drehte André sich zu Louise um, die zwei Meter hinter ihm herkam: «Weißt du, warum die Schweizer auf die Berge klettern?», witzelte er. «Um aus dem Gefängnis zu entkommen.» Oben sei es traumhaft, sie werde schon sehen, und ein bisschen Nebel und Regen gehöre dazu, das mache den Reiz des Abenteuers aus.
André wusste nicht mehr, wo er den Satz mit dem Gefängnis gelesen hatte, aber er gefiel ihm. Er hatte dieses Bonmot schon mehrmals in eine Runde geworfen, wenn sich eine Gelegenheit bot.

Weiss es auch André nicht mehr, so wird der Leserin, dem Leser die Herkunft des Frage- und Antwortspiels nicht allzu schwer gemacht: Dem Roman ist ein Zitat von Ludwig Hohl vorangestellt. In dessen 1975 erschienenen Erzählung Bergfahrt findet sich nicht nur der zitierte Kurzdialog, sondern ein Grossteil der Motive von Niedergang, vom Aufstieg zu zweit (bei Hohl sind es zwei Freunde) über die Trennung bis zum Ende. Niedergang nimmt die Geschichte auf, verwandelt sie aber, indem die Wanderung metaphorisch um Themen wie die moderne Wirtschaftswelt, das Geschlechterverhältnis oder die Beziehung zwischen der Schweiz und Deutschland kreist.

Wirtschaftswelt, National- und Genderthematik

Das Gefängnis, dem André im Scherz vorgibt, entrinnen zu müssen, hält ihn tatsächlich fest umschlossen. Es besteht aus den Gitterstäben einer stereotypen Managersprache, die sich nur zu gut mit der Beschreibung einer Bergtour verträgt. Da will sich André «schlechtes Wetter zum Verbündeten machen», spricht von «Herausforderung», die «den Charakter formt», will Widrigkeiten «mit seinem Willen niedermähen», erreicht sein «Zwischenziel», «analysiert die Lage», «trifft Entscheidungen», ist «übermotiviert», warnt davor, zu «zweifeln» oder gar «innerlich zu kapitulieren», denn «da muss man durch», schliesslich ist «alles zu schaffen», und so geht er «über die eigene Grenze hinaus»: ironischer könnten diese Versatzstücke aus dem Managerjargon kaum entlarvt werden.

Ebenso witzig stellt Roman Graf mit seiner Figur auch den typischen Schweizer dar, der sich voller Stolz auf die Qualität der einheimischen Produkte beruft, und den Vertretern einer anderen Nationalität (hier in Gestalt des deutschen Hüttenwarts) mit einer Mischung aus Minderwertigkeitsgefühlen, Eifersucht und Verachtung begegnet.

Die Beziehung zu Louise schliesslich thematisiert die Geschlechterunterschiede, die in Andrés Darstellung ebenfalls arg klischiert erscheinen. Sie ist launisch («besonders, wenn sie ihre Tage hatte»), er konstant; sie liebt französischen Charme, er schweizerische Präzision; sie lebt im Moment, er in der Erinnerung und in der Planung der Zukunft; sie ist unentschlossen und genügsam, er zielstrebig und ehrgeizig; ihr Element ist das Wasser, seines der Stein. 

Kanalisation und Sog der Sprache

Die Geschichte wird konsequent aus Andrés Sicht erzählt, wobei die uneingestandenen Schwächen des «Helden» recht klar zutage treten. In seiner Verbohrtheit und seinem Festhalten an vorgefassten Meinungen erinnert der in Berlin lebende Zürcher an Herrn Blanc, den Protagonisten des gleichnamigen Erstlings von Roman Graf: beide haben ihre Macken, sind zwangsneurotisch, unflexibel und selbstgerecht – und beide hadern mit ihrer Gefährtin, die sich nicht genau so verhält, wie sie es möchten. Allerdings ist André jung und hält sich fit, während Anton Blanc alt und verfressen war.

Sind die Stereotypen über Männer und Frauen, Flachländer und Gebirgler, Deutsche und Schweizer auch der Perspektive des Helden zuzuschreiben, wirken sie manchmal doch etwas ermüdend in ihrer holzschnittartigen Wiederholung. Der Autor scheint seiner Leserschaft nicht ganz zu trauen und winkt mehr als einmal mit dem Zaunpfahl. Sätze wie der auf dem Buchcover zitierte «Vielleicht fürchtete er sich nicht vor dem Berg, sondern vor sich selbst?» sind überflüssig, da sie längst Verstandenes erklären. Dennoch liest man das Buch in einem Zug, mitgerissen von dem Sog der kurzen Kapitel, der sachlich-poetischen Beschreibung der Natur, der witzig-ironischen Art, festgefahrene Ausdrucksweisen zu parodieren und der spannenden Geschichte – vor der Lektüre am Vorabend einer anspruchsvollen Bergtour sei allerdings abgeraten.

Note critique

In seinem zweiten Roman Niedergang beschreibt der Autor einen Aufstieg: Es gilt, einen Berg zu bezwingen. André, ein in Berlin lebender Zürcher, will seiner Mecklenburger Freundin Louise ein unvergessliches Erlebnis in der Schweiz bescheren. Die Tour verläuft jedoch anders als geplant und stellt die Beziehung auf eine harte Probe. Die konsequent aus der Sicht Andrés erzählte Geschichte lässt die Schwächen des »Helden« klar zutage treten. Stereotype des Managerjargons, der Unterschiede zwischen den Geschlechtern oder den Ländern wirken etwas ermüdend, doch die Abfolge der kurzen Kapitel mit ihren poetisch-sachlichen Naturbeschreibungen fesselt und fasziniert.

(Ruth Gantert, Viceversa 8, 2014)