Kurt Aebli: Zusammenkehrverse

par Beat Mazenauer

Publié le 21/08/2004

Zusammenkehrverse: Neue Gedichte von Kurt Aebli

Kein Wort zuviel, auch keines zu wenig. Kurt Aebli sucht die optimale Balance zwischen Aufwand und Ertrag. «Er träumt von allem, was schweigt», heisst es im neuen Gedichtband Ameisenjagd. Diskretion ist darin eine bedeutsame Stilfigur, eine «Obsession»:

Magnetisch angezogen
von meiner eigenen Abwesenheit:
auf Diebestour
bei mir selbst.

Solche Selbst-Erkundung ist zugleich Sprach-Sondierung. Aebli beschränkt sich gern auf das einzelne Wort, um sein volles Aroma abzuschmecken. Viele Gedichte bestehen aus aneinander gereihten, losen Setzungen, die frappieren, irritieren, Hallräume öffnen.

Wie ein Kreisel in Erwartung einer grossen Unebenheit.
Wesen ohne Anhaltspunkte.

Der listig veränderte Wortlaut wird dabei zum kieseligen Stolperstein für die Lektüre.
Stilistische Verknappung und Konzentration prägt auch die poetisch erzählenden Texte in diesem Band. “Ihn selbst verstimmte die eigene Redseligkeit” heisst es einmal. Der Dichter schwankt daher permanent zwischen Ausdrucksbedürfnis und Skepsis gegenüber der eigenen Aussagekraft. Die Sprache richtet sich gegen ihn, das Subjekt, selbst. Spielt ihm mit, bringt ihn schliesslich zum Verschwinden:

Weil mir bald alle Worte fehlen,
kann ich auf einmal
verdunsten.

Dieses Verschwinden, dieser Rückzug in den stillen Winkel, probt Opposition, wie das «Selbstgespräch am Abend» bezeugt. Während die Kinder draussen lärmen, macht das poetische Du sich auf die Jagd nach Ameisen.

Erstaunlich viel
Angriffsfläche, diese
Lebewesen,
und dabei so
klein.

Im Blick des Jägers formen sich im scheinbar konfusen Gewusel Koinzidenzen von schöner Unvermeidbarkeit heraus. Aebli fängt sie eilig ein, das lange Warten hinter dem Findeglück verbergend. Wegschauen heisst hier aber nicht: ignorieren. Nur: anders sehen, anderes.