Krumme Geschichten

par Beat Mazenauer

Publié le 26/04/2013

Der Knecht Krummen hat den geraden Lebensweg eines Verdingbubs vorzuweisen. Er wird von einem Bauern zum nächsten herumgereicht, damit dieser sich seiner nach bestem Nutzen bediene. Knechte und Mägde haben nicht viel zu bestellen, sie sollen arbeiten und das Maul halten. Dafür dürfen sie beim Essen dem Bauern zuschauen, wie er die Würste verspeist und dazu eine Schnitte harten Brotes zu sich nehmen.

Heinz Stalder hat seit langem ein literarisches Faible für diese geduldigen  Schaffer in fremden Diensten. Auch Krummen, dem Stalders neuer Roman gewidmet ist, gehört zu ihnen. Krummen der Verdingbub, Krummen der Knecht. »Krummen war nirgends zu Hause. War noch nie irgendwo daheim gewesen. Wo immer er hinkam, wurde ein Grund gefunden, ihn abzuschieben.« Denn: Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Zum Beispiel kann er rechnen wie der Teufel, so dass beim Herbstmarkt 1925 sogar ein Stier durchbrennt und den Bauern zu Tode stösst. Krummen wird herumgeschubst, doch er ist klug genug, dass er irgendwie heil davon kommt. Und vor allem steckt etwas in ihm, dass sich auch die bösesten Bauern nicht erklären können. Die Anwesenheit Krummens wirkt Wunder, als ob ein Zauber in ihm stecken würde. So geschehen mit ihm und um ihn herum wunderliche Dinge.
Stalder hat es nicht darauf abgesehen, dieses Geheimnis zu lüften. Krummen verschafft sich Respekt bei seinen Dienstherren. Und er redet mit in dem neu gegründeten Dienstbotenverein, mit dem er eine Theateraufführung anzettelt, die zwar schief heraus kommt, dennoch ihren Zweck nicht verfehlt. Die Knechte und Mägde zeigen, dass auch sie etwas auf die Bühne bringen.
Krummen allerdings besitzt mehr als nur Organisationstalent. Als der Krieg 1945 zu Ende ist und Krummen – Uniform und Gewehr hat er gleich bei der Demobilisierung in die Reuss geschmissen – während einer Gewitternacht seinen Dienst bei einem neuen Bauern antritt, überträgt sich die nächtliche Stimmung auf die Bauersfrau Anna. Unter zuckenden Blitzen gibt sie sich als zauberisches Johanniskind zu erkennen. Später ist davon keine Rede mehr. Dafür wird später gemunkelt, Krummen könne übers Wasser gehen und ähnliches mehr. Zwischen den Zeilen bleibt Krummen ein Mysterium.

Stalders Roman schmiegt sich dieser Welt der Bauern in Form und Stil an. Krummens Geschichte erhält sprachlich Atmosphäre durch eine  bodenständige, zuweilen geradezu maulfaule Prosa, in der sich die ungehobelte bäurische Umgebung spiegelt. Mal erzählt der Roman in sprudelnder Ausführlichkeit, etwa von der besagten Theateraufführung, mal schweigt er sich beharrlich aus über all die Gerüchte und das Gerede. Heinz Stalder erlaubt sich viele Sprünge und Auslassungen in seiner Erzählung.
Das liest sich greifbar und mit Vergnügen – und dennoch glückt der Roman am Ende nicht ganz. Das Unfassbare im Wesen Krummens fragt mit Fortdauer der Lektüre nach einer Quelle, einem Grund, einer Mutmassung, woher es rühren mag. Eine Antwort darauf würde vielleicht Krummen, vor allem aber den Leser erlösen und dem Buch eine ungeahnte Dimension verleihen. Doch darauf lässt sich der Autor nicht ein. Im Gegenteil bringt er seinen Helden im ausführlichen letzten Teil des Romans förmlich zum Verschwinden. Krummen hat für pensionierte Mägde und Knechte eine Ausfahrt in den Jura organisiert, der Autor erzählt es in aller Lebendigkeit, indem er die Mitreisenden dialogisch hin und her tratschen lässt. Bloss Krummen hält sich raus und bleibt stumm. Er versinkt still und leise in seinem Sitz, nickt irgendwann ein – und ist tot.
Der sich lang hinziehende Schluss bringt den Roman aus der Balance und lenkt von seinem Innigsten ab. Geht einer wie Krummen so von dieser Welt?
Am Ende bleibt der Eindruck zurück, dass der Autor selbst, der die von ihm beschriebene Welt offenkundig gut kennt und mit Empathie zu beschreiben weiss, seinem wunderlichen Helden nicht recht getraut hat.

Unter dem Titel Wenn Chnächte Puure spile hat Heinz Stalder die Theateraufführung der Dienstboten jüngst auch als Dialekt-Hörspiel arrangiert. In ähnlicher Form lässt sich der Schluss denken. Ohne Krummen. 

Note critique

Krummen ist ein Verdingbub, der von einem Bauern zum nächsten herumgeschubst wird. Mehr als ein einfacher Knecht wird aus ihm nie werden. Und dennoch ist Krummen ein wunderliches Kind, später ein sonderbarer Mann. Etwas Rätselhaftes, ja Zauberisches haftet ihm an, sagt man. Heinz Stalder, der die Welt der Bauern ebenso kennt wie liebt, erzählt Krummens Geschichte mit Lücken und Sprüngen, ohne seinem Helden den Zauber zu rauben. Allerdings scheint er ihm selbst nicht ganz zu trauen, wie der Schluss glauben machen könnte. Krummen verschwindet sang- und klanglos aus dem Buch und lässt die Leser unerlöst zurück.

(Beat Mazenauer, Viceversa 8, 2014)