Der Mann mit der Tür oder Vom Nutzen des Unnützen

Klaus Merz

Der vierte Band der Werkausgabe von Klaus Merz versammelt eine repräsentative Auswahl seiner Feuilletons – Aufsätze, Kolumnen, Reden und Aperçus –, die seit den frühen 1970er Jahren für Zeitungen und Zeitschriften entstanden sind. Sieht man von den «Achtzehn Begegnungen» im Band Das Turnier der Bleistiftritter (2003) ab, liegen diese Texte erstmals in Buchform vor. Eine Vielzahl der Reden erscheint hier überhaupt zum ersten Mal in gedruckter Form. Die vier Abteilungen bieten daher einen tiefen Einblick in das erweiterte Schaffen von Klaus Merz. Selbst da, wo der Schriftsteller scheinbar journalistische Gefäße bedient, bleibt er seiner literarischen Diktion treu. Gleichwohl zeigt sich Merz in den Feuilletons auch als ein Autor, der sich auf das aktuelle Zeitgeschehen einlässt und den Menschen und Ereignissen um sich herum nicht nur poetisch, sondern stets auch politisch und mit Witz begegnet.

(Klappentext Haymon Verlag)

Dichter und Verdichter

par Beat Mazenauer

Publié le 26/08/2013

Kolumnistischer Formenreichtum

Über keine literarische Form wächst schneller Gras als über die Kolumne – schreibt Klaus Merz in einer solchen von 1999. Deshalb darf, ja muss der Kolumnist «zuweilen das Gras wachsen hören», auch wenn die Leserschaft das daraus resultierende Heu nicht auf derselben Bühne habe.
Klaus Merz ist ein Autor, der den Kosmos auf 100 Buchseiten einzufangen weiss. Doch sein jüngstes Buch Der Mann mit der Tür umfasst stattliche 570 Seiten. Ein Novum, das dennoch nicht für einen Regelverstoss taugt. Im Rahmen der Werkausgabe hat Markus Bundi aus dem reichen Konvolut an Kolumnen, Reden, Aperçus und kleinen Aufsätzen eine Auswahl getroffen, die nicht geringfügiger ausfallen konnte. So knapp und konzentriert Klaus Merz auch schreibt, in 45 Jahren literarischer Arbeit ist eine Fülle von Gelegenheitstexten entstanden, die es verdienen, erstmals in Buchform gebündelt zu erscheinen. Dabei erweist sich Merz auch in diesem Format als grosser Verdichter von unscheinbaren Begebenheiten, Bildern, Utensilien und Reminiszenzen. Im Untertitel ist das poetische Leitmotiv angezeigt: «Vom Nutzen des Unnützen» steht da auch in der Bedeutung von Wachsamkeit fürs Beiläufige und Sorgfalt für den täglichen Sprachgebrauch. Merz subsummiert höchst Unterschiedliches darunter: die Nutz-Niessung von Stofftaschentüchern gleichermassen wie in Anspielung auf Günter Eich das unnütze Singen von Liedern, also die Kunst.
Mit welchem Formenreichtum er aufwartet, demonstriert der Zeitungsaufsatz «Auf die Welt gekommen» von Weihnacht 2000. Auf wenigen Seiten gibt er fünf Variationen des Themas anhand einer Pressefotografie, einer Bildbeschreibung (eine unnachahmliche Stärke), in Gedichtform, mit einer biographischen Erinnerung und schliesslich einer Anekdote von Saint-Exupéry. Bloss die Geburt Jesu darf fehlen, weil beim Stichwort Weihnacht ohnehin alle bloss daran denken, irgendwie.
Von seinem kleinen Sohn hat sich Merz einst sagen lassen: «Das wirklich Schwierige steht wahrscheinlich sowieso nicht in den Büchern.» Das mag (tollkühnerweise) stimmen – oder gerade eben nicht angesichts dessen, dass der Satz hier in diesem Buch nachzulesen ist.

Die neuen Gedichte

Die langjährigen Arbeiten als Verdichter werden von einem neuen schmalen Band des Dichters Klaus Merz gefolgt. In Unerwarteter Verlauf bleibt er sich treu und beweist aufs Neue, wie subtil er uns mit einfachen Wendungen in Irritationen stürzen kann. Über Merz, den Meister der poetischen Miniatur, ist fast alles gesagt. Vielleicht aber geht es gar nicht um die Miniatur an sich, sondern um die Klüfte, die sich in ihnen auftun; um all das Ungesagte und Angedeutete und Lockende. Also um das «Kerngeschäft» des Dichters, wie das gleichnamige Gedicht besagt:

Es geht um die Rück-
führung hinter den Sinn.
Um Ankunft im reinen
Entsätzen.

Die neuen Gedichte erinnern von ferne zuweilen an Mathematik. Sie stellen Gleichungen auf, die eigentlich nicht aufgehen – dennoch in den Köpfen der Leser aufgehen. «Aus der Forschung» ist eine Abteilung überschrieben, und «Was zu beweisen war» heisst ein Gedicht, wobei die Beweisführung fadenscheinig bleibt, also poetisch schlüssig klingt.

Wir bestünden im Grunde
aus Sternenstaub
erklärte unser Lehrer
ins Eindunkeln hinein.

Wir lauschten
und gewahrten
in seinen Augen
das Funkeln.

Eine feste Spur zieht sich leitmotivisch durch den Band. Flüchtige haben uns «eine feste Spur hinterlassen», formuliert Merz eine nur scheinbare Contradictio in adjecto («Passau»). In einer Welt, in der die Flucht längst Festigkeit gewonnen hat, drohen Echtheit und Dauer flüchtig zu werden («Im Zug der Zeit»). Die «besseren Zeiten, sie liegen meist hinter uns», heisst es ein paar Gedichte weiter, «uneinholbar für unsere vorwärts gewachsenen Füsse» – doch die Welt ist rund und hinten herum lauert die Hoffnung. So sei er den Tagen «bedachtsam auf der Spur» geblieben, nimmt Merz den Faden am Schluss nochmals auf: «Nur fehlte ihm der Ehrgeiz, nicht zu sterben.»

Die Gegensätze halten sich gegenseitig aus: Dauer und Vergänglichkeit in ihren Spielarten. Je klarer und prägnanter Klaus Merz formuliert, desto vertrackter sind die Leerstellen, und genauer die Fragen, die seine Gedichte als unausgesprochenes Echo hinterlassen. Fragen nach dem Wie?, dem Wovor?, dem Wozu? Derlei zu beantworten ist nicht die Pflicht des Dichters, bloss die Antwort anzuregen.

Wechselkurs

Vom helleren Licht
hinter den Scheinen
erzählt das Gedicht.

 

Klaus Merz: Unerwarteter Verlauf. Gedichte. 80 Seiten. Haymon Verlag, Innsbruck 2013.

Klaus Merz: Der Mann mit der Tür oder Vom Nutzen des Unnützen. Feuilletons. Werke, Band 4. 572 Seiten. Haymon Verlag, Innsbruck 2013.