Der seltsame Fremde

Christian Haller

Als der Fotograf Clemens Lang eine unerwartete Einladung in eine ferne Metropole erhält, fühlt er sich geehrt. Er beschliesst zu reisen, um seine Arbeiten einem internationalem Publikum vorzustellen. Doch bereits am Flughafen trifft er einen Fremden, der behauptet, sein Begleiter zu sein. Dem Fotografen fallen zwar ein paar Seltsamkeiten an dem älteren Herrn auf, doch schon bald führt dieser ihm eine Welt vor, die undurchschaubaren Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Während am Kongress internationale Experten über die Wahrnehmungsgeschichte, über den Bruch zwischen analoger und digitaler Fotografie diskutieren, arbeitet Clemens Lang an einer Fotofolge. Er dringt mehr und mehr in das Labyrinth der Metropole ein, gerät dabei aber auch zusehends in die eigenen Irrgänge. Und sein zwielichtig diabolischer Begleiter konfrontiert ihn nicht nur mit seiner Vergangenheit, sondern auch mit überraschenden Befunden der Zeitgeschichte. (Klappentext Luchterhand)

Critique

par Katja Fries

Publié le 22/05/2013

Das neueste Werk des aus Brugg stammenden Schriftstellers Christian Haller knüpft mit seinen poetischen Bildern an die 2007 mit dem Schillerpreis bedachte Trilogie des Erinnerns an. Der ebenso sprachgewaltige Reiseroman Der seltsame Fremde erzählt die Geschichte des Fotografen Clemens Lang, der mit seiner Leica die Kontraste des Lichts festhält und die Farbenspiele fließender Bewegungen auf Papier einfängt:
 
Das Fließen zurückgehalten, verlangsamt, als wirke eine Kraft des Stillstandes. Durch sie wird das Wasser einem polierten Speckstein ähnlich, in den unauffällige Muster geschnitten sind. Ketten kleiner Wirbel. Bänder, die um eine Nuance dunkler im Grünton sind, eine leicht gewölbte Oberfläche haben, deren Ränder von gegenläufigen Strömungen aufgeraut werden. Dazu Rippungen oberflächlicher Wellen, vom Wind gegen den Fluss getrieben. Ein fließender Stein. Auf seine eingearbeiteten Muster aus Wirbeln, Bänder, Windschauern legt sich das Spiegeln der Ufer: Die Böschung, die Stützmauer, der Bahnhof, das dahinter ansteigende Gelände – Felsen und Büsche –, abgeschlossen von Häusern, deren Giebelzacken eine scharfe Schattenlinie in die Mitte des Stromes ziehen; Ein stehendes, sich dennoch dauernd veränderndes Bild. In diesen Wandel aus Beharren und Fließen, aus Mustern und Spiegelungen zieht ein Kormoran beim Aufsetzen aus dem Flug eine schäumende Linie, kurz, von rasch verströmender Vergänglichkeit. (S. 12)
 

Aufgrund einer Verwechslung zu einem Kongress eingeladen, begegnet der Fotokünstler schon am Flughafen einem seltsamen Fremden, der zuweilen Züge eines possenhaften Kaffeehaus-literaten annimmt. Als amüsante Hommage an den österreichischen Kritiker Egon Friedell spart der Zigarre qualmende »Causeur« nicht mit süffisanten Aphorismen zu Barthes, Baudelaire oder Benjamin. Goethes Farbenlehre und nicht zuletzt dessen Faust-Dichtung, wie auch Dantes Göttliche Komödie werden zudem mannigfach in dem Roman assoziiert. Die dantesken Kreise und Stufen strukturieren nicht nur die Fotografien Langs, sondern organisieren auch den poetischen Text über ein »sehr konkretes Inferno«. Die Reise zu dem Kongress in eine ungenannte, vermutlich in Indien gelegene Metropole ähnelt mehr und mehr einer wahnwitzigen Höllenfahrt, auf der jener diabolische Dandy ein Vexierspiel der Täuschungen inszeniert. In diesem Labyrinth der Wahrnehmungen äußert der versonnene Causeur einmal treffend: »In den unbedachten Augenblicken entscheidet sich unser Leben. Ob Sie am Morgen aufstehen oder sich für fünf Minuten nochmals zur Seite drehen, Ihr Leben wird je nachdem, wofür Sie sich entschieden haben, nicht mehr gleich verlaufen« (S. 75).
Eine weitere Vorlage für diesen postromantischen Reiseroman ist die Erzählung The mysterious stranger des Amerikanischen Schriftstellers Mark Twain, der mit wirklichem Namen Samuel Langhorne Clemens hieß und seine Karriere als Autor mit Reiseberichten vor den Mississippi Writings begann.
Mephistophelisch wechselt der Causeur die Gestalt und sinniert dabei kongenial über die Schattenseiten von Sein, Schein und Scheitern, nicht ohne zeitweise aus seinem Buch der Halbwahrheiten oder Twains Unheimlichem Fremden zu zitieren. So lässt er über die Entwicklung des Sehens einmal verlauten:

– Der kaleidoskopische Weltmann Baudelaires, wie ihn das 19. Jahrhundert hervorbrachte, war ein zur Sehmaschine umgeformtes Agglomerat physiologischer Eigenschaften. Seine Bilder waren subjektiv geprägter Schein, dem kein fester Standpunkt mehr entsprach. Dadurch erst ist die Fotografie zum »Papiergeld der Wirklichkeit« geworden: beliebig tausch- und handelbar; zu horten, zu verkaufen und über große Distanzen leicht zu verschieben. Ein zur Entfremdung und Kolonisierung geeignetes Mittel. (S. 267)

Hallers poetische Impressionen über die Kunst der Fotografie handeln nicht zuletzt auch von der Suche des Protagonisten nach sich selbst und jenem einzigartigen Augenblick beim Abdrücken des Auslösers.
Über den Unterschied eines Schnappschusses zu einem professionellen Foto befragt, erläutert Clemens einmal einem jüngeren Kollegen die Kunst der Fotografie. Ihm gehe es dabei »um das Wesen des Augenblicks, und der besteh[e] aus einer Komposition, der Wahl des Bildausschnittes und der technischen, vor allem aber der künstlerischen Fähigkeit, einer flüchtigen Realität, deren wahre Bedeutung zu entreißen« (S. 245). Diese rare Fähigkeit des künstlerischen Instinkts, jenes ‚gute Bild’ auszuwählen, wird vom Nachwuchsfotografen kopfschüttelnd als »altmodische Auffassung« abgetan.
Schließlich kann Hallers Faust sein Portfolio nicht den Fachkollegen präsentieren, sondern zeigt es nach der Rückkehr in die Schweiz im heimatlichen Wohnzimmer seiner Lebensgefährtin Sarah. Die Astrophysikerin und Liebhaberin der Lichtvisionen Botticellis und Dantes vermisst in seinen realistischen Fotografien über Menschen, Orte und Nichtorte den neunten Kreis des Infernos – doch da reicht er ihr das letzte Bild des Grauens, das den Fotografen und sein Sujet vereint.

Note critique

Christian Haller begleitet einen Fotografen an einen Kongress über moderne Bildpraktiken. Die Reise in ein fremdes Land wird überschattet von irritierenden Eindrücken. Vor allem sein unheimlicher Reisebegleiter, der für andere unsichtbar bleibt, beunruhigt den Protagonisten. Der seltsame Fremde rührt alte Geschichten und Bilder in ihm an. Mit Anleihen aus Mark Twains gleichnamiger Erzählung spürt Hallers Roman einem Gefühl der Befremdung nach, das sich auch in der Fotografie niederschlägt. Wie viel Wirklichkeit können wir wahrnehmen? Das Buch ist sorgfältig komponiert, am Ende aber fehlt ihm etwas von Twains Rätselhaftigkeit.

(Beat Mazenauer, Viceversa 8, 2014)