Mit dem letzten Schiff

Eveline Hasler

Im Imperium des Hotels Splendide schien der vierte Stock ein ausgelagertes Reich zu sein, das nach eigenen Regeln funktionierte.
Im Flur saßen an diesem frühen Abend nur noch wenige Wartende. Eine Sekretärin erkundigte sich nach Miriams Anliegen. Sie nannte den Namen Mehring und wurde sofort zum Büro des Rettungsengels geführt.
Eine stickige Wärme erfüllte den schmalen Raum, das Fenster konnte wohl des Straßenlärms wegen nicht geöffnet werden. Da saß der Amerikaner in Hemdsärmeln. Sein Gesicht blieb trotz ihres Eintretens eine Weile lang weiter den Blättern auf
der Tischplatte zugewandt, er studierte Listen.
Als er zu ihr hochblickte, sah Miriam in ein unbewegliches «Buster-Keaton-Face», wie sie es später einmal beschreiben wird.
Sie nannte ihren Namen und ihre Herkunft, darauf erhob sich Fry und schüttelte ihr die Hand. Er war großgewachsen und schlank, ein gut aussehender Mann mit intellektuellem Einschlag.
Er bot ihr jetzt einen Stuhl an und nahm die Hornbrille ab, um sie von nahem zu betrachten. «Schön, dass Sie kommen, Miss Davenport. Sie wissen, wo Walter Mehring ist?»
Miriam erzählte von ihrer Bekanntschaft mit dem Künstler, seinen Pechsträhnen, seinen Ängsten.
Fry zeigte sich sofort einverstanden, ihn am nächsten Tag im Café Pélican zu treffen. Mehring sei eine der am stärksten gefährdeten Personen, Joseph Goebbels, der Minister für Volksaufklärung und Propaganda, habe ihm persönlich Rache gedroht! «Wissen Sie, Mehring hat mutige Songs verfasst gegen den Terror, in Berlin und später in Wien haben diese Texte viele Leute in ihrer Antipathie gegen Hitler bestärkt.»

(Evelyne Hasler, Mit dem letzten Schiff)

 

Verschleierte Quellen

par Beat Mazenauer

Publié le 04/06/2013

1940 war Marseille der Fluchtpunkt, die letzte Hoffnung und allzu oft auch die letzte Station in Freiheit für viele Menschen, die vor den Nazis flüchten mussten. Das Gerücht von einem letzten Schiff, das von hier abgehen und Rettung verheissen würde, hielt sich hartnäckig und lange wider besseres Wissen. Der Exilant Hans Sahl erlebte diesen Tumult als einen «Zustand von Hoffnungslosigkeit, das Warten auf Gespensterschiffe, die niemals abfahren, auf Visa, die niemals ankommen würden – den Gedanken, eingeschlossen zu sein, hier am Rande Europas, verloren zu sein, am Wege liegenzubleiben und zu verenden».

Dieser schreckliche Hotspot der Exilgeschichte ist Schauplatz von Eveline Haslers Buch Mit dem letzten Schiff – im Untertitel «Der gefährliche Auftrag von Varian Fry».

Der amerikanische Journalist Varian Fry war für viele Menschen damals eine Lichtgestalt - der «Schutzengel einer ganzen Sippe exilierter Intellektueller und Poetaster», wie Walter Mehring schrieb. Ein gutes Jahr lang versuchte er 1940/41 im Auftrag eines amerikanischen «Emergency Rescue Committees» unter dem Patronat der Präsidentengattin Eleanor Roosevelt mit allen Mitteln, auch illegalen, Flüchtlinge von hier wegzubringen. Insbesondere Künstler und Schriftsteller standen auf seiner Liste, wie Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann oder Walter Mehring. Alle die Genannten fanden nach teils grotesken Irrwegen schliesslich in den USA Zuflucht. Um die zweitausend Menschen konnte so gerettet werden, vielen anderen war aber nicht zu helfen, auch deshalb, weil Varian Fry mehr und mehr von der Vichy-Polizei, ja sogar vom eigenen Konsulat in seinem Bestreben behindert wurde. Sein couragiertes Eintreten gegen die Barbarei störte politische Chargen nicht zuletzt, weil damit auch Kommunisten geholfen wurde. So musste Varian Fry im Spätsommer 1941 in die USA zurück reisen. Bis zu seinem Tod haderte er mit dieser ihm auferlegten Kapitulation – und mit dem Undank seiner Zeitgenossen.

Mut und Engagement

In ihrem Buch erzählt Eveline Hasler von diesem leidenschaftlichen Einsatz für die in Marseille gestrandeten Flüchtlinge. Sie veranschaulicht es in einem grossen Bogen, den sie mit einzelnen Anekdoten bestückt. Dabei hält sie sich weitgehend an Varian Frys eigenen Erinnerungsbericht «Surrender on Demand» (Auslieferung auf Verlangen), den er schon 1945 publiziert hatte.

Allerdings vertraut Eveline Hasler ihrem Stoff nicht ganz, weshalb sie ihn erweitert: mit Episoden aus Walter Mehrings Exilbiographie etwa und vor allem mit Erinnerungen von Justus Rosenberg, der damals als 15-jähriger Waise im Umfeld von Varian Fry Zuflucht fand. Auf ihn ist Eveline Hasler einer Notiz gemäss während ihrer Recherchen gestossen. Rosenbergs Reminszenten verleihen ihrem Buch eine menschlich anrührende Note. Doch nicht genug damit. Diesen zwei Erzählsträngen klebt Hasler nochmals zwei weitere Geschichten in aller Kürze an. Die eine erzählt von Rösy Näf, der guten Seele im südfranzösischen Kinderheim La Hille, die andere von Elsbeth Kasser, der aufopferungsvollen Rotkreuz-Schwester im Internierungslager von Gurs. Beide hätten mehr als eine nur kursorische Aufmerksamkeit verdient.

Zwiespältige Darstellung

Eveline Haslers Buch hinterlässt einen höchst zwiespältigen Eindruck. Positiv gewendet ruft es mit einer eher leichtgewichtigen Erzählung das mutige Engagement von Varian Fry und anderen in Erinnerung. Dafür gebührt der Autorin ein Kränzchen.

Negativ gewendet paraphrasiert sie ein Kapitel Exilgeschichte, das andernorts eindrücklicher, pointierter festgehalten worden ist. Beispielsweise bei Varian Fry selbst. Es lohnt sich, dessen Bericht und Haslers Buch anhand einer kurzen Passage zu vergleichen.

Varian Fry kommt in Marseille an. Eveline Hasler schreibt dazu:

Er schritt die monumentale Treppe vor dem Bahnhof Saint Charles hinunter, die Marmorstufen hatten die Schwere und Kühle von Grabplatten. Im Taxi nannte Fry das Hotel Splendide.
'Haben Sie dort reserviert?' fragte der Chauffeur.
Fry verneinte.
'Marseille quillt über von Reisenden und Emigranten, in den grossen Hotels finden Sie heute garantiert keinen Platz!' Und er fuhr den Gast zu einem kleinen Hotel mit dem Namen Suisse. Dessen Zimmer waren sauber, aber zu klein für Frys Aufgabe (...) (S. 11)

Bei Varian Fry liest sich die entsprechende Stelle wie folgt:

Vor dem Bahnhof gab es keine Taxen, aber viele Gepäckträger. Einer nahm meine Koffer.
'Welches Hotel?' wollte er wissen.
'Splendide', sagte ich.
'Haben Sie ein Zimmer bestellt?'
'Nein.'
'Dann werden Sie wohl auch keines bekommen', sagte er. 'Versuchen Sie es lieber im Hotel Suisse. Das ist das einzige Hotel in der Stadt, wo es noch Zimmer gibt. In Marseille ist alles von Flüchtlingen belegt.'
'Ich möchte es trotzdem im Splendide versuchen', sagte ich. (...) Zimmer war keines frei, aber ich hinterliess meinen Namen mit der Bitte, mir sobald wie möglich eines zu reservieren. Dann gab ich der Hartnäckigkeit des Gepäckträgers nach und ging mit ihm ins Hotel Suisse. Offensichtlich hatte er mit der Hoteldirektion seine Abmachungen getroffen.
Das Hotel Suisse war eines dieser Familienhotels, von denen es in Frankreich nur so wimmelt. Es roch stark nach Kanalisation und Knoblauch. Aber ein Zimmer war frei (...) (S. 13)

Es ist natürlich das gute Recht der nacherzählenden Autorin, Sachverhalte literarisch zu bündeln oder Elemente umzustellen. Ärgerlich wird die Sache da, wo die Geschichte auf diese Weise verkitscht und planiert und mitunter auch verfälscht wird (nur damit beispielsweise die Schweiz sauber und rein bleibt); oder wo es einfach nur darum geht, Sätze nicht als Zitat erscheinen zu lassen. Eveline Hasler schwankt im Umgang mit ihrer Hauptquelle bedenklich zwischen sachlicher Treue und mutwilliger Abgrenzung.

Nebst den Protagonisten glänzen in ihrem Buch eine Reihe von weiteren Figuren mit Kurzauftritten, die kaum Kontur erhalten, sondern höchstens Verwirrung schaffen. Varian Fry hat präziser erzählt und die eigenen Ängste und Gefährdungen dringlicher spürbar zu machen vermocht.

Verschleierte Quellen

Aber, und das sei hier speziell betont: Eveline Hasler erwähnt Frys Erinnerungsbuch in keiner Vor- oder Nachbemerkung. Einzig im Epilog findet sich eine höchst beiläufige Erwähnung. Dabei hat Eveline Hasler, wie im obigen Beispiel, reichlich daraus geschöpft. Es wäre somit ein Gebot der Redlichkeit und vor allem des Respekts gegenüber ihrer Titelfigur Varian Fry gewesen, wenn sie dessen Vorarbeit mit einer expliziten Erwähnung gewürdigt hätte. Zumal diese in der gut dokumentierten deutschen Übersetzung 1986 im Hanser Verlag erschienen, zu dem Nagel & Kimche gehört. Aber vielleicht wollte die Autorin bloss nicht an ihrer Quelle ertappt werden.

So sei zum Abschluss an Walter Mehrings «Wir müssen weiter» (noch so eine ungenannt bleibende Quelle) erinnert – sowie an drei beherzigenswerte Zeilen aus einem Gedicht von Hans Sahl:

Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.