Schauen oder Beobachten

par Beat Mazenauer

Publié le 21/10/2012

Es ist längst Legende, dass Peter Bichsel mit der Bahn fährt. Doch im Grund ist er kein Reisender, er möchte bloss reisend sein – unterwegs, was auch zuhause geschehen kann. Seine neuesten Kolumnen unter dem funkelnden Titel Im Hafen von Bern im Frühling begeben sich nur sporadisch auf Reisen. Viel lieber denkt Bichsel darin übers Reisen nach.
Die Differenz beginnt beim Gehen. «Ich will nichts mit Spazieren zu tun haben, ich will nichts mit Wandern zu tun haben, ich gehe.» Die permanente Verfeinerung allen Tuns ist bloss Ablenkung vom Eigentlichen. Peter Bichsel beklagt es seit je. Wie beim Gehen, so auch beim Reisen - in ferne Länder, beispielsweise mit dem Fotografen Guido. Begeistert kehrt Guido aus Bulgarien zurück, mit schönen Fotos im Apparat und mit der Gewissheit, nun alles über Bulgarien zu wissen. «Dabei hat er», wendet der Kolumnist ein, «gar nicht geschaut. Er hat beobachtet, das ist etwas ganz anderes als schauen». Und weiter: «Beobachten ist schauen mit Vorurteil». Bichsel aber schaut lieber.

In seinen neuen Kolumnen dreht sich vieles um dieses Gegensatzpaar. Peter Bichsel erkennt darin einen grundlegenden Antagonismus, dem auch Begriffe wie Erinnerung versus Zuversicht, Sicherheit versus Offenheit zugeordnet werden können. Ja, auch Erzählen und Schreiben stehen einander entgegen.
Mit geradezu störrischem Charme behauptet Bichsel seinen Traum vom geistesgegenwärtigen Erzählen, das ausgeht von Fragen wie «Weisst du noch?» oder «Woher kommt es?». Darum, und nur darum geht es. Erzählen kennt kein Ziel, sondern ist etwas an und für sich – aus dem Augenblick des Jetzt ins Ungesicherte hinaus.
Erinnerungen bilden dafür bloss Anlässe, weil sich nur Vergangenes erzählen lässt. Aus der Erinnerung sind unsere Gewohnheiten abzulesen. Zum Beispiel in jenem «Lied vom einfachen Leben, das fast alle singen», sogar die Reichen. Die Schweiz ist ein Land, in dem auch Millionäre aus einfachen Verhältnissen stammen möchten.
Was sehnen wir uns doch immer wieder nach jener Vergangenheit, die wir früher einst kaum ertragen haben – nur um den Jungen heute etwas voraus zu haben! Alle diese Bilder aus früheren Zeiten sind nur «Quittungen dafür, dass ich da war», lange bevor die anderen geboren worden sind: bezahlt und abgeheftet.
Gerade wenn sich leise Melancholie in den Kolumnen bemerkbar macht, dreht Bichsel gerne den Spiess um und hält ihr die Offenheit fürs Ungesicherte, Künftige entgegen. Peter Bichsel ist alles andere als ein Nostalgiker.

Die neuen Kolumnen erzählen die alten Geschichten fort – und variieren sie. Nichts Neues, und trotzdem finden sich auch in diesem Band unvorhergesehene Kabinettstücke. Beispielsweise die Titelgeschichte «Im Hafen von Bern im Frühling». Der Besuch in einem Tabakgeschäft in Bern und die Antwort einer Verkäuferin, dass in diesem Herbst kein Schiff mehr mit kubanischen Zigaretten ankommen würde, weitet sich in eine offene Fantasie über Fern- und Heimweh. Darin vermischen sich auf engstem Raum aufs raffiniert Einfachse Kolumne, Märchen, Erzählung, ja sogar Roman miteinander. Derart vermag das nur Bichsel.
Das Gewirr der Zeiten löst er schliesslich mit einer Geschichte auf, die von Korea erzählt. Liegt in Europa die Zukunft sprichwörtlich vor uns, heisst es in Korea, «die Zukunft liegt hinter uns». Im Rücken, wo wir sie nicht sehen können. Das klänge zu schön, würden wir es nicht falsch verstehen.