Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch

Jörg Steiner

«Alles, was er erzählt, erzählt er allen, und wenn er einem etwas anderes erzählt, erzählt er nachher allen, er habe einmal einem etwas anderes erzählt, das sei aber auch wahr.Er bleibt bei der Wahrheit. Dass die Wahrheit eine Geschichte ist, heute eine andere als morgen, ist nur natürlich. Das kann man nachprüfen am Most, zum Beispiel. Im Frühling blüht der Apfelbaum nach dem Kirschbaum, die Apfelblüten sind nicht weiss, sondern rosa, dann wachsen die Früchte heran, Goldparmäne oder Sauergrauech oder Bernerrose, und die Früchte werden, wenn sie reif sind, zur Presse gebracht und zu Apfelsaft gepresst, das ist dann Süssmost, den kann man trinken oder gären lassen, bis er sich zu saurem Most verwandelt, der viel gesünder ist als Süssmost, und so ist es eben mit der Wahrheit auch. Würde sie sich nicht verwandeln, wie alles, was lebt, müsste man sagen, die Wahrheit sei tot. Da ist nichts zu machen: Eisinger spricht alles aus, was ihm durch den Kopf geht.»

(Jörg Steiner: Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch)

Reichtum in der Reduktion und Verdichtung

par Beat Mazenauer

Publié le 09/10/2001

Der Ton macht die Musik

1996 erschien von Jörg Steiner der schmale Roman Der Kollege. Mit seiner Entlassung hat der Arbeitslose Bernhard Greif auch seine gesellschaftlichen Bindungen verloren. Er ist aus der Ordnung der Ordnungsliebhaber herausgefallen. Allein, mit gesenktem Blick schlendert er durch die Strassen der Kleinstadt und registriert, was um ihn herum vor sich geht. Gesellschaft leistet ihm dabei einzig sein letzter Kollege, der, bevor er sich umgebracht hat, mit ihm die Erinnerung an das Arbeitsleben teilte. In Greifs Erinnerungen wird dieser Kollege nochmals zum Leben erweckt, als Spielfigur der Phantasie.

Erzählen heisst flunkern, auch erfinden. Erfinden, um zum Beispiel die Einsamkeit auszufüllen. In abgewandelter Form kehrt dieses Motiv in Steiners neuem Roman wieder. Goody Eisinger ist ein Erzähler, der mit seinen Geschichten die Leute unterhält und sie derart für sich einnimmt. Im Unterschied zu Greif hat er noch Arbeit. Er amtet als Aufseher im Museum für Vorgeschichte, dessen verbleichende Schätze es ihm erlauben, mit Phantasie darüber zu fabulieren. Die Besucher wiederum lieben diese Geschichten, nur den Bruder nerven sie. Immer ist ihm Goody mit seinem sonnigen Gemüt vorgezogen worden, obwohl er doch besser in der Schule war. Dass er die frühere Anstellung als Vorarbeiter beim städtischen Werkhof wegen einer Unterlassungssünde verlor, hat ihn nicht aus der Bahn geworfen. Goody trägt es mit Einsicht und ohne Reue, er hat die verstellte Schrift des Denunzianten längst erkannt.

Verzweifelte Bruderliebe

Goody sei ein Philosoph, sagen alle; ein zurückhaltender Mensch, der keinem was zuleide tut, ein feiner Geniesser, der dazu wenig bedarf. Etwas Musik von Schostakowitsch bei offenem Fenster, eine Flasche Wein und einen Mithörer, der diese Klänge liebt wie er. Doch auf einmal ist er verschwunden und mit ihm die Amerikanerin, die ihn im Museum immer besucht hat.

Goody ist der Held dieses schmalen Romans, doch nicht sein Erzähler. Goodys Bruder, der ihm in verzweifelter Liebe zugetan ist, sucht nach Spuren des Verschwundenen. Er berichtet, was er über Goody erfährt und wie er sich selbst an ihn erinnert. Krampfhaft sucht er nach der Wahrheit, einer Wahrheit, die Goody nie angestrebt hat. «Alles was er erzählt, erzählt er allen», heisst es gleich zu Beginn des Buches, und auch wenn er allen etwas anderes erzählt, wahr ist es dennoch. Wahrheit gibt es nur im Plural, und den Zweifel schliesst sie notwendigerweise mit ein: Wahrheit je nachdem. Damit kann sich der Bruder, der es zu einer bescheidenen Karriere als Versicherungsagent gebracht hat, nicht abfinden. Er fragt herum und ärgert sich, dass ihm die Freunde Goodys mit Zurückhaltung begegnen.

Wie schon Der Kollege schweigt sich auch dieser neue Roman über die Wahrheit aus. Steiner deutet nur an, setzt wie zufällig Anekdoten und Erinnerungen nebeneinander und reduziert, verdichtet Goodys Leben aufs scheinbar Unwesentliche. Doch: C’est le ton qui fait la musique. Die Brüchigkeit dieses Berichts offenbart sich zwischen den Zeilen. Hier verbergen sich, oft nur halbherzig verdeckt, brüderliche Ressentiments und Rankünen.

Schwebendes Verfahren

Nicht allein, dass er sich schon immer als kleiner Bruder zurückgesetzt und durch Goodys offenes Wesen herausgefordert gefühlt hat, dem Bruder sitzt auch eine alte Schuld im Nacken. Seit einem dummen Unfall beim kindlichen Krocketspiel ist Goody auf dem linken Auge beinahe blind. Dass ihm dieser diese Unbedachtsamkeit nicht mehr nachzutragen scheint, verstärkt bloss seinen Argwohn. Einerseits würde er ihm gerne etwas zuliebe tun, zum Beispiel dabei helfen, die Fahrprüfung zu bestehen, indem er ihm beim Augentest einflüstern würde. Andererseits träumte es ihm, nur einmal zwar, «dass es ihm gelingt, Goody umzubringen». In diesem wahren Märchen jedoch vermag Kain nichts gegen Abel.

Steiners Roman ist ein schwebendes Verfahren. Was daran wahr ist, kann nur erahnt werden, zum Beispiel zwischen den Zeilen. Aus lichten Anekdoten und ein paar dunklen Gedanken knüpft er eine wunderbar leichte Textur, in der sich die vermeintliche Bruderliebe selbst ins Netz geht. Der aufgestaute Hass des Bruders bleibt ebenso in die luftigen Zwischenräume verbannt wie die soziale Härte der Aussenseiterexistenz, wie Steiner sie in Der Kollege beschrieben hat.

Jörg Steiner ist hier seinem leichten, auf das unscheinbar Wesentliche verdichteten Erzählstil treu geblieben. Harmlos, arglos wirkt er manchmal, doch der Schein trügt. In der Schilderung des Bruders verbergen sich Heimtücke und Kummer, die sich in nur halbherzig verdeckten Ressentiments Luft verschaffen.

Die eigentliche Ironie dieses «Steckbriefs zum Unkenntlichmachen einer Person» aber besteht darin, dass der verbissene, misstrauische Wahrheitssucher auch nur ein Fabulierer ist. Vielleicht gibt es Goody ja gar nicht, vielleicht hat ihn der Bruder nur erfunden, um sich eine leichte Alternative zu seinem verbissenen Leben vorzustellen. Aus Gehörtem und Erinnertem spinnt er die Legende von Goody, dem lieben Kerl. Ob’s wahr ist, ist unwichtig. Die Gesetze des Erzählens zählen schliesslich auch für den Bruder. So lässt ihm Steiner am Ende gar Gerechtigkeit widerfahren.