Ein Fotoalbum im Kopf

par Beat Mazenauer

Publié le 08/04/2008

Laetizia, oder genauer L. wie «Elle» oder «El Punkt», hat ein Album voller Fotografien im Kopf – Bilder aus der Vergangenheit, die durcheinander schwirren und ihr vereinzelt immer wieder ins Gedächtnis rutschen. Eine Fotografie zum Beispiel zeigt sie bei einer Hochzeit. Sie anschauend beginnt L. über die Regeln für den «Gebrauch des Lächelns» nachzudenken. Wer lächelt wen an, wer darf wen anlächeln und wenn: Kompromittiert sie sich damit? Der Alltag ist nicht leicht zu bewältigen, doch mit behutsmaer Vorsicht geht es schon.

L. kommt im Grunde gut über die Runden, seit je her. Auch wenn sich später die Eltern beinah unvermittelt trennen, hat sie eine gute Kindheit gehabt, wie ihre gesammelten Kopfbilder zeigen. Dabei müssen dies nicht immer Fotografien aus einem Apparat sein, manchmal finden sich darunter auch ungemachte Fotos, innere Bilder oder Spiegelbilder, in denen sich L. zu erkennen sucht. Wie gleicht sie sich mehr, geschminkt oder ungeschminkt? Wenn sie in den Spiegel blickt, schaut ihr kein hässliches gesicht entgegen – bloss manchmal scheint dieses nicht sie selbst zu sein: «Das Wort ‹Ich› war nun auf einmal kein passender Name mehr für den Menschen, den sie im Spiegel sah.»

L. ist eine wunderliche Frau, voller charmanter Flausen im Kopf und einem Blick, der mitunter auch ganz gewöhnliche Dinge zu verzaubern weiss. Die Meteorologie scheint ihr gerade recht als Studium: Wolkenschau und Schneegestöber. Doch ihr Praktikum in der Wetterstation Weissfluhjoch-Davos endet abrupt, als sie in ein Schneebrett gerät. So lässt sie die Meteorologie bleiben und unterrichtet dafür Schüler in der Tier- und Wolkenkunde. Die Systematik der Wolken, wie sie Luke Howard erfunden hat, ist keine streng definierte. Jede Wolke ist irgendwie einmalig, eine Mischung aus ungefähren Typen wie Cirrus, Cumulus oder Stratus.

Bei den Menschen verhält es sich genauso.

In ihrer Mädchenzeit achtete L. streng auf ihre Jungfräulichkeit. Sie war fasziniert von der heiligen Agathe, die für ihre Reinheit gefoltert wurde. Deshalb glaubte L. damals, «ein keusches Leben sei ein kurzes Leben», denn die Verteidigerinnen der Jungfräulichkeit mussten jung sterben.

Irgendwann war sie aber zu alt dafür, und das Zusammensein mit Markus gefällt ihr, es ist «wohl eine Art Liebe». Doch welche? Die grosse Liebe! Die braucht sie nicht, die kleine Liebe würde ihr genügen – aber mit Markus wohl auch nicht. Denn zur Liebe welcher Art auch immer gehört ihr wichtigstes Gut: ihr Eigenwille. L. mag es nicht, wenn sie, wie auf einem alten Fotobild, zwar hübsch aussah, «aber leichter zu verwechseln … als zu erkennen». Deshalb macht sie sich schliesslich allein auf nach Cuba / New Mexico, auf die Suche nach der von ihr bewunderten Malerin Agnes Martin, die da gewohnt und gearbeitet hat.

Beobachtungen «wider den Strich»

Diesen unspektakulären Lebensbogen beschreibt Jürg Schubiger in seinem schmalen Roman mit lächelnder Zurückhaltung und zartem Einfühlungsvermögen – letzteres ist zentral, wenn der männliche Autor die Perspektive seiner Erzählerin einnimmt. «Die kleine Liebe» erinnert mit ihrer anekdotischen Entfaltung an die präzise verdichtete Prosa von Klaus Merz und deren Hang zur feinen Lakonik. Schubiger glänzt dabei vor allem durch abseitige Beobachtungen «wider den Strich» und durch ungekünstelt originelle Sprach-Bilder: «Sie war im Moment keine geeignete Hirtin ihrer Gedanken». In solchen Bildern tun sich oft unvermittelt kleinste, entzückende Welten auf. Schubiger erweist sich diesbezüglich als Meister.

Vor allem aber erscheint L. vor uns als eine Frau auf der Suche nach einem eigenen Leben, eine Frau, die sich behauptet, ohne sich selbst gewiss zu sein. Sie zieht den kleinen Eigensinn dem grossen Glück vor. Das Versprechen des kleinen Eigensinns ist letztlich grösser und schwerer einzulösen: eine leichte Federwolke, wie diese Prosa.

Note critique

Als L. stellt sich Laetizia immer vor, «El Punkt». Dieselbe Lakonik prägt die Darstellung ihres Lebens durch eine Erzählinstanz, die L.s Perspektive durchweg übernimmt und zugleich verfremdet. Anekdotenhafte Episoden evozieren Alltagsszenen, die so schwebend bleiben wie L.s Gedanken: «L. überlegte, ob ja oder nein. Beides war richtig.» Zwingend bleiben nur die nüchterne Ironie und die pointierte Sprachkunst des Autors. (Daniel Rothenbühler)