Der Irrsinn der Normalität

par Beat Mazenauer

Publié le 21/10/2012

Auf seine skurrilen Erzählungen Alles wird wie niemand will (2009) lässt Jens Nielsen neuerdings drei längere Stücke folgen: Das Ganze aber kürzer. Oder sind es doch wieder Erzählungen? Wie auch immer, Jens Nielsen greift abermals zum stilistischen Mittel des lockeren Flattersatzes, bei dem die Texte nicht nur formal ausfransen, sondern  gerne auch syntaktisch unvollendet bleiben.

Das sah sicher aus

Das heisst

Falls überhaupt jemand

Ja so waren eigentlich die andern

Die Mit

Ja

Die Mit uns so Bürger

Diese Form verrät den Schauspieler und Rezitatoren Nielsen. Egal ob mit «Tragikomödie», «Eine Zeitlupe» oder «Ein erzähltes Manifest» untertitelt, sind die drei neuen Texte im Kern rhythmisch organisierte Monologe, die gut in den Mund passen. Kurze und lang Zeilen variierend stellt ein Erzähler-Ich monologisierend schräge Beobachtungen an und erfindet absonderliche Begebenheiten. Beispielsweise im Text 1 «Niagara». Allein ist er ins Paradies der Brautpaare gereist, zu den Niagara-Fällen. Beengt von lauter Hochzeitskitsch fühlt er sich allerdings unwohl, weshalb er «aus einer wie mit der Blödheit gezeugten Freude» wilde Abenteuer erfindet. Viel aufregender als der enttäuschende Wasserfall dünkt ihn der Gedanke an einen Zoobesuch, beispielsweise, wo er, anstatt nur eintöniges Wasser zu sehen, in einem Gehege Zwergbakterien suchen und nicht finden würde. 
Das klingt unsinnig, ist es auch – allein es hat System. Jens Nielsen bettet sein Niagara-Abenteuer in eine Folge von entzückenden Einfällen, die oft in abstrus schöne Sätze münden.

Sie haben recht

Ich bin verrückt

Aber man merkt es kaum.
Weil ich mich um es zu verbergen vollkommen normal verhalte

Nur manchmal verrät (verrennt) sich diese eigene Logik in kleinen Verschiebungen: «Ich falle um und bin allmächtig». Darin besteht die Essenz diese Texte. Eine fortlaufende Handlung geben sie nur widerstrebend preis – beispielsweise die Nummer 2 «Die Uhr im Bauch». Der Erzähler besucht eine medizinische Bibliothek und holt einen Baby-Test nach, der in den Sechzigerjahren bei ihm vergessen ging, zum Erstaunen einer Studentin, die nebenbei bemerkt, dass er verletzt ist, von einem Hund gebissen... Aber Schwamm drüber: «Und der Rest des Tages war anders / Und an andern Tagen geschahen andere Dinge».
Das Ganze aber kürzer zeichnet sich durch solche, zuweilen slapstickhafte Komik in kleinen Ein- und Überfällen aus. Es liegt gewiss nicht falsch, wer hierbei an Daniil Charms denkt. Auch bei Nielsen steckt im Komischen zugleich eine Grimmigkeit, die zuweilen brutal durchschlägt – etwa in Text 3 «1 Tag lang alles falsch machen». Ohne Rücksicht auf die Gesundheit unternimmt der Erzähler mit langem Anlauf den Versuch, tanzen zu dürfen. Dabei geht vieles schief, doch «schief strebe ich an». «Falsch als Plan und Absicht» –  so ist alles im Lot. Gewissheiten vermittelt Nielsen nicht, wer danach sucht, sollte die Hände von diesem Buch lassen. Liebhaber des tiefern Blödsinns dagegen finden sich darin gut aufgehoben. Laut zu lesen, ist dabei nicht verboten, ganz im Gegenteil. Wer je Jens Nielsen beim Vortrag zuhören konnte, wird sich genau dies hier wünschen. Nun denn:

Liebe Esel

Erlaubt ist was nicht stört

Also Ruhe bitte

Ich möchte a capella tanzen.

Revue de presse (sélection)

Ein besonderes Lesevergnügen freilich sind auch diese Erzählungen, deren Ich- Erzähler gegen alle Vernunft und wider besseres Wissen den täglichen Aufstand gegen die Wirklichkeit üben und sich ebenso zuverlässig wie regelmässig den Kopf an unsichtbaren Mauern einrennen. Gegen die Macht der Konvention und die Evidenz des Faktischen haben sie nichts aufzubieten als das starrsinnige Festhalten an der Wortwörtlichkeit des Gesagten und Geschriebenen und den Glauben an die subversive Kraft der Naivität. (Roman Bucheli, NZZ, 2.8.2012)