Schlafwandel

Helen Meier

Sechs Jahre sind seit ihrem letzten Geschichtenband Liebe Stimme vergangen. Nun meldet sich Helen Meier mit einer langen Erzählung zurück. In Schlafwandel beharrt eine ältere Frau resolut auf ihrem Anspruch auf Glück und Liebe. Damit beschreitet sie Neuland. Von der Kritik ist das neue Buch kritisch aufgenommen worden, weil es stilistisch ruhiger, versöhnlicher ausgefallen ist als frühere Erzählungen von Helen Meier. Tatsächlich liegt seine Brisanz eher im Stofflichen als im Sprachlichen.

Eine gefährliche Beziehung

par Beat Mazenauer

Publié le 13/07/2006

Helen Meier beschreitet Neuland in ihrer Erzählung Schlafwandel
«Vom Tod und von der Liebe mag sie es noch», hiess es am Schluss von Liebe Stimme: «Sonst gibt es nichts zu erzählen.» Als ob Helen Meier diesem Verdikt die Treue halten wollte, hält sie sich in ihrer neuen Erzählung exakt daran. Sie erzählt von der Liebe und dem Schatten des Todes, der auf sie fällt. 
Das Leben von Nora Korn, einer Frau um die 65, ist ohne grosse Höhepunkte verlaufen. Zwei sie selbst überraschende Akte tragen sie nun jedoch aus ihrer geordneten Lebensbahn. Den Tod ihres langjährigen Partners beklagt sie mit einem wüsten Theaterstück, in dem sie die Kirche beschuldigt, sie um ihre Jugend und ihre Lust beraubt zu haben. Wider alle Erwartung wird dieses Stück beim Theater angenommen. 
So kommt sie in Kontakt mit einer Dramaturgin, der hübschen, klugen Celestina. Rund um das geplante Stück verdichten sich ihre Gespräche und erhalten zunehmends intimere Züge. Die gegenseitige Sympathie verwandelt sich in dem Moment zu etwas Neuem, als Nora mit einem «Mut unbekannter Herkunft» die um Jahrzehnte jüngere Frau auf den Mund küsst. Celestina erwidert den Kuss und willigt ein. So beginnt unvermittelt eine ebenso schöne wie gefährliche Liaison.
Die Vertrautheit zwischen ihnen nährt sich aus der Differenz an Alter, Bildung und Erfahrung. Im körperlichen Begehren, das eine zentrale Rolle spielt, hebt sich die Differenz auf. Nora gewinnt neuen Lebensmut und lebt erstmals aus, was sie früher, auch in der Beziehung mit Davide, vernachlässigt hat. 
Dabei verdrängt sie die heimtückisch lauernde Angst vor dem Alter. Solange Einhelligkeit herrscht, lacht ihr das Glück. Doch immer öfter lässt sie sich von Nichtigkeiten kränken und beginnt sich einsam zu fühlen. Sie braucht die Nähe der Freundin als Lebenselixier. Der Zusammenbruch erfolgt, als sie gewahr wird, dass Celestina – vorhersehbar – eine neue Beziehung eingegangen ist. 
Nora erhebt vehementen Anspruch auf eine Liebe, die die Sexualität mit einschliesst. Ohne Körper gibt es für sie keine Liebe, auch wenn sie spürt, wie ihr Verlangen abnimmt. Den lebenslang geübten Verzicht vor Augen, will sie nicht als Pensionärin aufs platonische Altenteil gesetzt werden. Helen Meier verleiht dieser Forderung, von einer «alten Frau» erhoben, eine streitbare Kraft, die durchaus irritiert. 
So glücklich Nora eine Weile ist – sein darf –, so vermessen wirkt am Ende ihr rigoroser Anspruch gegenüber Celestina. Ihr Widerstand ist ein kräftiges Lebenszeichen, und zugleich eine Selbstdemütigung, weil in letzter Konsequenz kein Widerstand die biologische Uhr aufzuhalten vermag. Am eigenen Widerstand aber droht ihr Leben zu zerbrechen.
Zwischen den Zeilen erzählt uns Helen Meier hier eine zweite Geschichte, die das traditionelle Motiv vom reifen Herrn und der jungen Geliebten neu belichtet: die Lolita-Geschichte. Meier tauscht die Geschlechterdissonanz jedoch zu Gunsten der Generationenfrage ein und lässt so die andere Dimension dieser Geschichte hervortreten: die Angst vor dem Altsein, die Nora heimsucht und dazu verführt, sich an der jungen Geliebten selbst zu verjüngen. In dem Sinn wäre auch Nabokovs Held bloss ein alternder Liebhaber, der sich krampfhaft an seine vergängliche Jugend klammert. 
Stilistisch präsentiert sich Schlafwandel ruhiger, manchmal fast zu ruhig und zu glatt. Dies weckt auch Kritik. Es fehlen die sprachlichen Haken und Ösen, die Helen Meiers frühere Prosa so sehr auszeichnet. Stellenweise kommen Noras Liebesprojektionen etwas gar idealisiert und versöhnlich daher. Als Ausdruck ihres Strebens und mehr noch Vorbeugens gegen Angst und Alter verfehlen sie die Wirkung aber nicht. Die Brisanz hat sich vom Sprachlichen ins Stoffliche verlagert. Auch wenn Helen Meier hier gradliniger und vor allem gesitteter als in früheren Büchern erzählt, hat sie sich ihre Ungebärdigkeit bewahrt. Das macht sie noch immer zu einer wichtigen literarischen Stimme.

Note critique

«Eine junge Geliebte haben, welch ein Wunder!» Nicht ein Mann, eine alte Frau ruft das aus. In der kunstvollen Erzählweise Helen Meiers aber tritt in der Liebesgeschichte zwischen Celestina und Nora nicht nur der Tod, sondern auch die Liebe in all ihrer Kraft und Unbedingtheit auf. (Charles Linsmayer)