«Das unbezwungene Wort»

par Beat Mazenauer

Publié le 24/05/2002

Mariella Mehr schliesst mit Angeklagt ihre Romantrilogie ab und legt einen neuen Band mit Gedichten vor.

«Mariella Mehr gehört zweifellos zu den sprachmächtigsten Autorinnen der Schweizer Gegenwartsliteratur. Dabei schreibt sie kein erkennbares Idiom, das sich von Buch zu Buch wiederholen würde. Vielmehr gelingt es ihr immer wieder, eine ihren Inhalten angemessene, man möchte sagen eigens geformte Sprache zu finden.»

Dies schrieb die NZZ zu ihrem Lyrikband Nachrichten aus dem Exil. Mit neuen Gedichten und vor allem mit dem Roman Angeklagt bestätigt Mariella Mehr diesen Ruf auf eindrückliche Weise.

Widerwelten – auf Heimat hoffend

Sie schreibt weiter, Mariella Mehr, «trotz aller Enthäutung», denn «Widerwelten, behaupte ich, bedürfen meiner». Trotz und Widerstand sind Charaktereigenschaften, die ihre literarische Arbeit wesentlich prägen. Sie bedarf ihrer, um die eigene verletzliche Haut zu schützen.
Nachrichten aus dem Exil war 1998 ihr vorletzter Gedichtband betitelt. Widerwelten schliesst nahtlos daran an. Aus dem «Widerleben» spriessen neue Widerworte. Doch Mariella Mehr begnügt sich nicht mehr damit, «aus allen Liedern verstossen» zu sein. Sie singt neue Lieder, um hoffend «die Zukunft schön zu schreiben».
Dass diese Zukunft erkämpft ist, bedeutet jede Zeile, jede Metapher. In der Vorsilbe «Wider» steckt die Auflehnung gegen Ausgrenzung, aber auch gegen innere Ängste und Zweifel. Zugleich formt sich aus dieser Vorsilbe die Brücke zur Selbstbehauptung, denn es kommt keiner «mir das Haar zu kämmen, / an dem ich hinabstiege, / schamlos vor Freude / Heimat zu finden.»
Solche Zeilen runden Mariella Mehrs neue Gedichtsammlung ab und lassen sie versöhnlich ausklingen. Das Wort «genesen» markiert den Schluss. Es setzt dem Versuch, noch einmal «der Blutspur entlang» zu tasten, «bis zum Öhr», ein gutes, vorläufiges Ende.
Kompromisslos und schonungslos brüllt und klagt das lyrische Ich gegen die Welt an, heult und lacht es vor flüchtigem Glück. Diese unbändige poetische Wortgewalt löst Mariella Mehr nicht nur in ihrer Lyrik, sondern auch in ihrer Prosa ein.

Angeklagt – fest auf unsicherem Grund

Angeklagt heisst das dritte Buch, das sich zusammen mit Daskind und Brandzauber zu einer nun abgeschlossenen Romantrilogie verbindet. Ihre Motive sind dieselben und sprachlich bleibt sie sich treu, dennoch geht Mariella Mehr in ihrem neuen Roman einen Schritt weiter. Hinab ins Unergründliche, ins Grundlose. Angeklagt erzählt die Geschichte der Mörderin und Brandstifterin Kari Selb in deren eigenen Worten.
«Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin.» So setzt ihr Bericht mit lakonischem Gleichmut ein. Kari ist verwahrt, und niemand, auch der Richter nicht, weiss, wie er die 25-jährige Frau verstehen soll. Äusserlich ungerührt erzählt sie ihrer therapeutischen Betreuerin von erschreckenden Untaten. Kari sieht der Protagonistin von Daskind ähnlich, doch ihre Herkunft ist weniger belastet. Die zerrütteten Verhältnisse zuhause lässt sich das Kind nicht anmerken. In der Schule lernt es fleissig und erträgt die Hänseleien ohne Murren. Für die besoffene Mutter kauft es ein, den Vater vermisst es längst nicht mehr.
Karis Gegenüber, dem sie ihre Geschichte erzählt, bleibt stumm. Einzig ihre Furcht vor der Gefangenen spiegelt sich zwischendurch in deren eigenen Reaktionen: besänftigendem Zuspruch, aber auch leisen Drohungen.
Mariella Mehr rollt hier ihre Themen neu aus und spitzt sie nochmals zu. Ein Foucault-Zitat gibt den Tarif an: «Weibliches Töten ist ein Schritt aus der weiblichen Sprachlosigkeit.» Ein Beweis der Existenz. Im Unterschied zu den voran gegangenen zwei Romanen zeigt die Heldin aber keine Stigmata der Andersartigkeit. Kari ist weder Fahrende noch Jüdin. Sie stammt aus einer normalen Kleinbürgerfamilie, die nach aussen hin den Schein zu wahren versteht.

Ohne Grund

Bezüglich der sprachlichen Ausdruckskraft reicht Angeklagt nicht ganz heran an jene beiden Bücher, an deren stammelnde Fiebrigkeit und sezierende Präzision. In Karis Monolog schleichen sich ein paar leere Umdrehungen ein. Auch ist die Geschichte im Grunde einfacher aufgebaut. Ihre Spannung resultiert aus der scheinbaren Unanfechtbarkeit der Erzählerin, die grausamstes Tun zugibt, ohne Motive dafür zu benennen.
Grundlos wirkt alles – trotz der Unordnung im Elternhaus. Das Kind scheint sich gut gewappnet zu haben. Malik aber, halb Freundin, halb Phantom, weist dem Mädchen neue Wege, die verdrängte Not lustvoll auszuleben. Gemeinsam fackeln sie Häuser ab. Dann muss auch die Nutte aus der Kneipe dran glauben, weil sie rote Schuhe trägt wie Malik.
Ein gebranntes Kind sucht das Feuer, das Motto eines Romans von Stig Dagerman beschreibt Karis Tun. Denn die Grundlosigkeit besteht nicht darin, dass es keine Motive für die unerbittliche Grausamkeit der Erzählerin gibt, sondern dass ihr Leben keinen Grund, keinen Halt hat ausser der Tat. Sie rächt sich, indem sie das Feuer schürt.
Zu ihrer Zuhörerin scheint Kari jedoch Vertrauen zu fassen. Sie will ihr nichts Böses, weil sie Verständnis spürt. Je mehr sie erzählt, je präziser sie auf ihre Taten eingeht: die roten Schuhe, das rote Blut, um so tiefer senkt sich die verdrängte Erinnerung hinab in die Kindheit. Bis stockend, gestammelt, in einem ungeordneten Stakkato schliesslich der Vater in seiner monströsen Gestalt ins Bewusstsein zurück kehrt. Das Eis der Unerschütterlichkeit schmilzt. Und unglücklicherweise trägt die zusehends verschreckte Zuhörerin auch noch rote Schuhe. Kari ergibt sich den dumpfen Impulsen und boshaften Schimären.
Am Ende zerfliesst Mariella Mehrs Roman in ein grausames Rauschen, das zutiefst irritiert und ob seiner Grundlosigkeit auch erschreckt. Es gibt kein Halten mehr, die unbezähmbare Wut muss heraus, im Tun sich beweisen.