Am strömenden Band

par Beat Mazenauer

Publié le 12/02/2013

Wer das Meer gesehen hat, der gibt sich mit «einem Krug voll Wasser» nicht mehr zufrieden, zitiert Werner Lutz den persischen Dichter Rumi. In Wirklichkeit und in Versen schaut der in Basel wohnhafte Lutz schon seit langem dem Rhein zu, wie dieser vorüberströmt. Ihm gibt er seine Zeilen als Treibgut mit, auf dass sie zum Meer finden. In seinem jüngsten Gedichtband hebt er sie aber auch für seine Leserinnen und Leser auf, als Dokumente einer bedachtsamen Zeugenschaft am Ufer des Flusses:

Ich sitze am Ufer
knüpfe Beziehungen an
Beziehungen fliessen mir zu

Solche Beziehungen stiften indessen nicht nur Eintracht. Sie rufen Gegensätze herauf, und Widersprüche. «Meine Sorgen» sind «so leicht dass sie schwer / zu schweben scheinen». Die Heiterkeit des Schauens ist beschattet von Melancholie, das Bleiben wird zum Gehen gebracht. Der Fluss ist das Bewegte und das Bewegende, die dunkle Tiefe und der schillernde Spiegel. Er verklammert Gegensätze, die der Dichter in seiner Poesie aufhebt.
Darin zeigt sich Werner Lutz als ein genauer Beobachter, wie eines der schönsten Gedichte in diesem Band bezeugt.

Achte bei Wind
nicht auf den Wind
achte auf das
was er bewegt
meint Leonardo

Mit Rückgriff auf das Renaissance-Genie stellt er uns ein Rätsel. Wir achten, wenn wir dem unsichtbaren Wind zusehen, auf die bewegten Blätter, beispielsweise. Doch erkennen wir dabei wirklich die Blätter an sich? Oder nur deren fremd bestimmtes Wehen? Das wäre zu ergründen.
Nicht alle Gedichte in diesem Band erweisen sich als derart sublim. Werner Lutz ist sich nicht zu schade, geradezu profan «dem Tag / einen guten Tag» zu wünschen. Er liebt es, kleine Phänomene am Rand des Flusses zu benennen, oder den Blick vom Wasserspiegel zu heben, zu den Türmen und Wolken hinauf. Das Verschattete nimmt Anteil an diesen Zeilen, der Zweifel, den der Zweifler «zu schiefergrauem Schiefergestein» schichtet. Oder der herbeigewünschte dichte Nebel, «um wieder einmal / von dir vermisst zu werden».
So steht immer wieder auch ein «doch» oder ein «trotzdem» allein in der Zeile, im Kampf mit sich selbst; oder ein Konjunktiv lotet das Mögliche aus. «Nicht resignieren / nie» beschwört sich das lyrische Ich, denn es könnte noch etwas Anmutiges werden aus dem Altweibersommer.
«Jahre zählen» heisst es mit listiger Zweideutigkeit. Und der Fluss fliesst weiter, der Dichter mit ihm, mitsamt seiner Lebenszeit. Vielleicht gibt es für ihn ein «Ankommen / wo Heilige sich um die Teufel kümmern». Dann hätte er Arkadien erreicht. Noch aber lebt Werner Lutz in Basel am Rhein und schaut, wie der Rhein dem Meer zustrebt.

PS. Der Band ist illustriert mit Tuschzeichnungen des Autors, in denen sich en detail Mikrostrukturen von Sedimenten erkennen lassen, oder auch weite Fliessgebiete, aus grosser Höhe über der Erde betrachtet. Je nachdem.

Note critique

In seinem jüngsten Gedichtband folgt Werner Lutz dem Lauf des Rheins, «meinem Gefährten seit vielen Jahren». Sein Strömen lädt ein zur Kontemplation. Der Fluss ist das Bewegte und das Bewegende, die dunkle Tiefe und die schillernde Oberfläche. So verklammert er Gegensätze, die der Dichter in seiner Poesie aufhebt. Im Spiegel des Flusses werden auch die Wolkenzüge sichtbar, die ihre Schatten über ihn werfen. «Trotzdem könnte es ein Pfirsichtag werden», redet sich der Dichter gut zu. Der Fluss lehrt Demut, und er lehrt Beharrlichkeit. Werner Lutz ist beidem auf der Spur. (Beat Mazenauer)