Die Verdächtige

Judith Kuckart

«Selbst wenn er das Rätsel löste, würde die Welt danach unerklärlicher zurückbleiben als zuvor». Wenn ein Kriminalkommissar solche Gedanken hegt, dann muss ein Fall ja sonderbare Wendungen nehmen. Judith Kuckart beschreibt sie alle in ihrem Roman Die Verdächtige. Ein Mensch verschwindet, eine Frau macht sich verdächtig, ein Kommissar ermittelt. Mit diesen Komponenten täuscht Judith Kuckart listig einen Kriminalroman vor, der sich den gesetzen des Genres aber immer wieder entzieht. Kuckarts Spannungsbogen beginnt zu mäandern, zu trudeln. Der Zauber dieses Buches liegt aber darin, dass er dennoch langsam, zögernd auf das eigentliche Ziel zusteuert: die Auflösung des Falles. Und die Meisterschaft der Autorin beweist sich darin, dass die aller Umwege zum Trotz diesen Fall auflösen will, auch wenn die Welt danach unerklärlicher zurückbleibt.

Es geschieht leicht, dass sich zwei Menschen missverstehen. Mit diesem Roman bestätigt Judith Kuckart ihr feines Gespür für leicht verwackelte Beziehungsgefüge.

Critique

par Beat Mazenauer

Publié le 04/11/2008

Von Zeit zu Zeit lohnt es sich über Alltäglichkeiten zu staunen. Beispielsweise darüber, dass so viele Menschen ihren Alltag bewältigen, ohne daran irre zu werden. Einfach ist das nicht, denn unwillkürlich kann es passieren, dass einem das Leben aus der Spur fällt. In ihrem neuen Roman Die Verdächtige erzählt Judith Kuckart von zwei Menschen, die mit dieser Schwierigkeit kämpfen. Robert ist seit fünf Jahren Kriminalhauptkommissar, er lebt getrennt von seiner Frau und fängt allmählich an, «die Wochenenden zu hassen, an denen er keinen Dienst» hat. Die Begegnung mit Marga, die bei ihm auf der Posten eine Vermisstenanzeige aufgeben will, irritiert ihn. Weder aus der Anzeige noch aus der Frau wird er recht klug. Ihr Bekannter – oder ihr Freund? – soll vor zwei Wochen in einer Geisterbahn verschwunden sein. Allerdings scheint ihn ausser Marga niemand zu vermissen. Routinemässig leitet Robert eine Untersuchung ein, die aber nichts zutage fördert, weder vertiefte Erkenntnisse noch eine Leiche. Dennoch kommt ihm der Fall rätselhaft, ja verdächtig vor. Vor allem berührt ihn Marga selbst auf eine sonderbare Weise. Sie verfolgt ihn, er verfolgt sie, beide suchen sie einen Dritten.

Seit Isa ausgezogen ist, fühlt sich Robert in seinem Haus unbehaglich und einsam. Knapp vierzig, und das Leben schon vorbei? Er tröstet sich mit Bob Dylan und seiner wöchentlichen «Theme Time Radio Hour», sie bestätigt ihm seine Melancholie. Doch in dem tristen, regnerischen November verwischen die Konturen immer mehr. «Also, was war los mit der Wirklichkeit, die es eigentlich gar nicht gab?» Robert sucht einen Verschwundenen in einer Geisterbahn. Gleicht nicht die Wirklichkeit selbst einer Geisterbahn? «Es geht darum, dass wir zurechtkommen und trotzdem verzaubert sind», bemerkt eine Filmkollegin des Vermissten, Robert möchte es sich selbst zu Herzen nehmen.

Für ein paar Tage meldet er sich von dem Fall ab und begibt sich auf Vortragsreise. Sein Spezialfach ist die «Kälteidiotie»: Wenn bei Menschen die Körpertemperatur unter 30 Grad fällt, erzeugt dies ein paradoxes Wärmegefühl, das die Opfer dazu verleitet, sich auszuziehen. Doch in Dresden holt ihn Marga ein, sie ist ihm nachgereist. Er lässt es zu, dass sie ihn begleitet.

Feine Psychogramme

Um Robert und Marga, zwei einsame, seelenwunde Figuren, baut Judith Kuckart einen Kriminalroman auf, der sich den Gesetzen des Genres auf poetische, ja märchenhafte Weise unterwirft. Es ist nicht leicht, die Vernunft zu bewahren, wenn einem Traurigkeit den Kopf verdreht. Robert in seinem Haus, und Marga in ihrer Geschwisterehe mit einem infantilen, verfetteten Bruder stecken in ihren Leben fest. Kuckart beschreibt mit Feingefühl und sanfter Melancholie, wie die beiden umeinander taumeln, die sachlichen Recherchen treten dabei immer mehr in den Hintergrund. Doch auf einmal geschieht Dramatisches. Jemand schiesst nachts auf Robert. Danach legt sich wieder eine nebulöse Ruhe über den Fall, in welche sich nun aber ein Prise Angst und der Keim eines bösen Verdachts mischen.

Auf verspielt versonnene Weise, mit präzisen, die schwermütige Stimmung subtil verstärkenden Bildern knüpft Kuckart zarte Bande zwischen Robert und Marga, die ein Paar bilden, ohne dass sie ihre Fremdheit voreinander ablegten. Ihre Zuneigung bleibt rätselhaft auch deshalb, weil Robert durchaus bemerkt, dass Marga etwas verwirrt wirkt, «einen Schatten hat», wie es der Geisterbahnbesitzer Schlegel formuliert. Es scheint, als falle sie leicht und leise aus der Wirklichkeit heraus. Vielleicht liegt es an Isa, die den verwundeten Robert pflegt, oder an seiner resoluten Kollegin Nico, dass er selbst den Kopf nicht ganz verliert.

Kuckart lässt ihre Personen lebendig agieren und verleiht ihnen zugleich suggestiv traumhafte Züge. Die Wahrnehmung verrückt sich dabei ganz behutsam, wie auch Robert bemerkt: «Nichts schien ihm mehr nach den Regeln der Polizei überprüfbar zu sein, aber es stimmte ihn sich.» In diesem Sinn ist auch dieser Roman in sich stimmig, wenngleich sich Kuckart darin die eine oder andere Formulierung leistet, die in anderem Kontext leicht verrutscht oder sentimental anmuten könnte.

Robert ahnt schliesslich, dass er auf «ihre kleine Geschichte und ihre spröde Zuneigung hereingefallen» ist, weil sein Herz einen Moment lang «offen stand und bewohnt werden wollte». In solchen Situationen ist es leicht, sich zu missverstehen. Marga gesteht Robert ihre Liebe, doch dieser hat in seinem Dienst auch gelernt, «dass der grösste Feind der Wahrheit nicht die Lüge ist, sondern der Irrtum». Trotzdem weiss er nicht, wo ihm der Kopf steht.

Als sie einmal über den Vermissten sprechen, bemerkt Marga knapp: «Er meinte nicht mich, wenn er etwas von mir wollte.» Damit spricht sie aus, worum dieses Buch im Kern kreist.

Wenn diese eigentümlich gelassene Kriminalgeschichte am Ende doch noch eine Auflösung findet, so mag dies auf den ersten Blick enttäuschen. Gibt es doch eine Wirklichkeit, deren Ordnung sich wieder herstellen liesse? Auf den zweiten Blick aber beweist Judith Kuckart gerade damit ihre Subtilität. Auch wenn sie beinahe märchenhafte Töne anschlägt, blendet sie die tatsächlich existierende Welt nicht aus. Die Frage ist nicht, ob es eine Wirklichkeit gibt, sondern ob und wie wir sie wahrnehmen. Ob wir dabei den Mut und die Geistesgegenwart bewahren. Es gäbe schliesslich genügend Gründe, am Leben irre zu werden.