Die nächsten fünf Minuten entscheiden

par Beat Mazenauer

Publié le 22/08/2003

Der Grat ist schmal zwischen Überleben und Zugrundegehen. In seinem Debütroman Sara tanzt erzählt der Journalist und Reporter Erwin Koch («Tages Anzeiger Magazin») von einer Frau, die auf diesem Grat tanzt. 


Die nächsten fünf Minuten entscheiden. Wer sie besteht, wird überleben. Immer wieder flüstert ihr Rico dies ein. Seine innere Stimme hilft Sara, Haltung zu wahren, die Angst nicht zu zeigen, denn die Angst ertragen die Schergen nicht.
Rico ist vor drei Jahren verschwunden, tot aufgefunden worden. Offiziell hiess es: Opfer eines Beziehungsdelikts. Nun haben sie auch Sara geholt. Die Übergabe des Mikrofilms wurde überwacht. Die Handlanger der Junta wissen alles. Fast alles: Von Sara erhoffen sie sich weitere Namen und Adressen. Doch weil sie keine kennt, Rico war der Aktivist, erfindet sie in ihrer Zelle welche, und summt dazu Kinderlieder. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, Sara also etwas wissen muss, wird sie nicht «weggebracht». Bleibe für sie wichtig, hat ihr Rico eingeschärft.
So mutiert das Verhör im Lauf der Monate zum leeren Ritual, zur peinlichen Farce. Solange Sara nicht gelogen hat, bleibt sie am Leben, weil nach lautender Doktrin «alle lügen». Sara und ihre Bewacher gewöhnen sich aneinander. Der Musiker, der täglich spielt, ursprünglich damit Saras Schreie nicht nach aussen dringen, wirft gar ein besonderes Auge auf die zurückhaltend starke Frau.
Der durch seine mehrfach ausgezeichneten Reportagen bekannt gewordene Erwin Koch siedelt seinen Roman Sara tanzt in einer imaginären Diktatur an. Unter den Generälen «Carpento, Buchi, Peirse, Kemczyk» wurde ein Aushorchsystem perfektioniert, das jede feindliche Bewegung registriert. Namen und Orte hat der Autor bewusst mit einer Esperanto-Sprache bezeichnet, die keine exakte Zuordnung erlaubt. Wer an Argentinien oder an das faschistische Spanien denkt (es liegt Schnee im Winter), liegt gewiss nicht ganz falsch.
Dieser geographische Bezug wird angeregt auch dadurch, dass Kochs Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basiert, inhaltlich wie stilistisch an die Prosa von Erich Hackl erinnert. Koch erzählt betont einfach in kurzen, prägnanten, manchmal fast gestanzten Sätzen von einer Frau, die dem Namen nach aus Hackls Sara und Simon entnommen sein könnte. Freilich behauptet Koch dabei seine Eigenständigkeit. Refrainartige Satzwiederholungen und Modulationen innerhalb der Zeitstruktur verleihen seiner Prosa ein eigenes Gepräge.
Als Erzähler fungiert Saras späterer Mann Frits, der im Dienst des Innenministeriums Bürodienste übernimmt und das Cello bedient. Seiner Notenkenntnisse wegen erhält er auch die Aufgabe übertragen, in den Kinderliedern, die Sara beständig summt, die darin verschlüsselte Botschaft zu entdecken. Irgendwie, irgendwann verrieten sich alle: «Sie drängen darauf, sich mitzuteilen, um sich zu erlösen.» Mit einem kleinen Geniestreich – der freilich auch eine etwas fantastische Note hat – befreit er schlieslich Sara. Frits ist der Idealtypus des dienstfertigen subalternen Beamten, der nichts wissen will, damit er nichts weiss. Im Cello findet er seine Ersatzbefriedigung. Seinen Bericht über Sara erzählt er selbst im Gefängnis, wo er wegen seiner Mittäterschaft im alten Regime einsitzt. Aber Sara wird ihn rausholen, ist er sich gewiss.
Seine Ich-Erzählung offenbart indes einige Schwächen. Zwar hält Frits zunehmend klarer die Erzählfäden in Händen, viele Passagen jedoch entziehen sich seinem direkten Wissen, sind also einer übergeordneten Erzählinstanz geschuldet, die jedoch unbekannt bleibt. Wer also erzählt wirklich? Die Unsicherheit darüber ermöglicht weitere kleine Ungereimtheiten und Lücken. Verständlich ist, dass Frits sich in Sara verliebt, warum aber sollte diese ihn mögen und heiraten? Erwin Koch hält sich bezüglich der Beziehung dieses ungleichen Paares doch allzu bedeckt. Insgesamt aber vermag dies den gefestigten Erzählbogen nicht zu unterminieren. Trotz der erwähnten Schwächen, die den Journalisten verraten, ist Erwin Koch mit Sara tanzt ein bemerkenswertes Erstlingsbuch gelungen.