Ekstasestarr im Kosmosschlamassel

par Beat Mazenauer

Publié le 01/08/1998

 

Prosavariationen von Birgit Kempker sowie ein sonderbarer Kasus

«Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag war es Cornelius Busch…». Allerhand konnte da geschehen und allerhand geschah gleichzeitig um dieses eine Bett herum. Das Arsenal des Eros ist vielfältig. Er droht und lockt und meuchelt und erfüllt, so dass die Hingabe an ihn im Widerstreit der Gefühle aufgehoben wird. Doch nur in diesem Widerstreit der Gefühle ist die Lust ganz, ungeteilt.

In exakt 195 poetischen Variationen und Aberrationen erkundet Birgit Kempker diesen magischen Moment, in dem die Sexualität erstmals zum Blühen kommt. Cornelius Busch ist dabei nicht der einzige Mitspieler. Draussen vor der Tür wetzt die geile Anneliese die Messer, zuhause beim Buschgeliebten lauert die Buschlisa mit ihrer Eifersucht, und im Kopf der Erzählerin geistert der erste Bettmann Marcus Anton Scott herum: «zuviel Leute für Intimität … eher wie im Schwimmbad».

Nicht genug der Unsicherheit. Cornelius Busch ist ebensowenig eine klar umrissene Person wie seine Bettgenossenschaft einen klaren Ablauf kennt. Das erzählende Ich misstraut solcher Eindeutigkeit. Zugleich hinterfragt es den Zauber dieser Initiation ins Reich des Eros: «ich hatte eine so grosse Vorstellung davon in meinem Kopf, in Sachen Bett bin ich in die Grösse meiner Vorstellung davon bei der winzigen Kleinheit des Gegenstands dazu derart hineinverloren, ins Liebesbett, in Kopfstrom, wie wenn die Nadel den Busch klopft».

Das Zitat deutet an, dass Birgit Kempker keine erzählende Prosa schreibt. Sie kreiert vielmehr sprachliche Bilder, um dessen habhaft zu werden, was im Bett mit Cornelius Busch und daneben und davor alles passiert. Genauer passieren könnte, passieren müsste, passieren würde. Und was eben gerade nicht passiert.

Ihre Prosa kringelt sich in zahllosen Wiederholungen und betrachtet das eine ums andere Mal mit dem Möglichkeitssinn neu. Auf diese Weise zersetzt sie das initiale Betterlebnis sprachlich und setzt es verändert zusammen. Überschäumend und eskalierend, lustvoll und geübt in der Enttäuschung, neugierig und voller Bange. Die «Organe mit diesem seltsam bestimmten Flatterschwimm- und Flimmerorganhändchen» drohen aus ihrer Haut zu fahren, wenn sie sich im Widerstreit des Begehrens auf den Bettgeliebten «ekstasestarr richten im Kosmosschlamassel».

Eros, Sexualität und Liebe, demonstrieren uns diese Prosavariationen, sind nicht nur in sich widersprüchlich, von unterschiedlichen Trieben geleitet; sie sind wesentlich auch Sprache. Nach Kräften hilft sie mit Worten und Bildern, des Unbeschreiblichen habhaft zu werden.

Nachgerade in den siebziger Jahren, auf die Kempker sich erinnernd bezieht, haben die ersten sexuellen Erfahrungen noch machtvoll unter dem Eindruck dessen gestanden, was die Hüter der Moral rechtschaffen darüber gedacht und gesagt haben. Die schmutzige Phantasie findet in der Sprache der Moral statt, derweil die Wirklichkeit damit oft nichts zu schaffen hat. Indem sie dieses erste Mal mit Cornelius Busch poetisch umgarnt, nimmt ihm Birgit Kempker den falschen Zauber und gibt ihm die ungeteilte Lust zurück.

Diese Lust an Cornelius Busch, ihrer flattrigen Titelfigur, hat sich für Birgit Kempker spätestens in dem Moment geteilt, als ein wirklicher Cornelius Busch von seiner Namensnennung Wind bekam und gleichsam die literarische Figur einklagte.

Nun wissen es alle: Cornelius Busch heisst der Mann wirklich, mit dem Birgit Kempker in 200 Mal poetisch das Bett teilte. Ein Essener Gericht hat ihm für die 300fache Namensnennung jüngst 5000 DM Honorar zugesprochen und der Autorin bei Bussandrohung von 500 000 DM jede weitere Veröffentlichung des Buches verboten.

Die Literaturzeitschrift «Schreibhefte» (Nr. 55) widmet diesem skurrilen Kasus Kempker, der zugleich ein gefährlicher Präzedenzfall darstellt, einen umfangreichen Schwerpunkt.

«Bis ein Mann, der mit einer Frau im Bett lag, weggeübt ist, vergeht viele, für das Üben unerspriessliche Zeit.» Dieser Satz aus dem Hörstück «Iwan steht auf» hat mit obigem Urteil nichts zu tun, dennoch entgegnet er ihm auf wohl ungewollt lakonische Weise. «Aufstehen ist für Giganten und nicht, wenn dich einer zu sich nimmt.» Iwan erfährt es am eigenen Leib. Sich den «tintigen Morpheusarmen» entwinden, in die blendende Sonne nicht nur blinzeln, sondern sich ihr entgegen strecken, ist keine Leichtigkeit. Iwan drückt, widersetzt sich, will nicht ins Erwachen wachsen, ins Erwachsen wachen. So wird er von den Wortgirlanden Kempkers (beziehungsweise der weiblichen Sprechstimme auf der CD) emporgezogen.

«Iwan steht auf» ist eines von zwei neuen Hörstücken, die Birgit Kempkers neues Buch (mit CD) nebst drei kurzen Rahmentexte vereint. Seinem Aufstehen geht eine andere Übung voran, die im Ertrinken: Ein Sprachspiel auf Englisch und Deutsch gegen die Angst vor Hitchcocks Vögeln und Haien wie vor der Liebe und ihrer Verlassenheit. Beide Texte, Sprachexperimente aus der innovativen Küche von Kempker, sind als Hörstücke (für Radio DRS 2) konzipiert und wirken aufs Ohr stärker. Im Falle der «Übung im Ertrinken» decken sich die beiden Fassungen denn auch nicht. Auf der CD erhören wir den Text in kurze Sequenzen aufgegliedert und als eigentliches Klangstück für mehrere Stimmen inszeniert.