Grabschrift auf ein wildes Leben

par Beat Mazenauer

Publié le 01/11/2002

Die skurrilen Geschichten aus dem Innenleben einer unbehausten Artistenfamilie, mit denen Aglaja Veteranyi vor drei Jahren debütierte, überraschten und verzauberten eine breite Leserschaft. Mit scheinbar lapidarem Gleichmut liess sie darin ein kindliches Ich von seinen Ängsten und seiner Sehnsucht nach Geborgenheit erzählen. Der Erfolg wurde noch gesteigert durch das schauspielerische Talent Veteranyis, das es ihr erlaubte, die eigenen Texte ausgesprochen lebhaft vorzutragen.
Doch selbst die überschäumendsten Reaktionen vermochten die Schwermut nicht zu erleichtern, die Aglaja Veteranyi immer wieder heimgesucht hat. Im Februar dieses Jahres ist sie auf traurige Weise aus das Leben geschieden.
Der Tod spielte schon im Polenta-Roman eine zentrale Rolle, genauer die Angst davor: «Ich muss immer an den Tod meiner Mutter denken», sagt das Kind, daran, dass die Mutter bei ihrer Zirkusnummer verunglücken könnte. Um sich zu beruhigen und sich gegen diese Angst zu schützen, nimmt es Zuflucht zu bösen Märchenspielen wie jenem vom Kind in der kochenden Polenta.
«Schreiben war für Aglaja Veteranyi Mittel der Weltbewältigung» bemerken Werner Löcher-Lawrence und Jens Nielsen im Nachwort zu ihrem neuen Buch. «Schreiben war ihr Weg, in einer anderen, besseren Welt einen Platz zu finden.» Der Erfolg des Polenta-Romans schien dieser Hoffnung Recht zu geben. Doch sie zerbrach. Geblieben ist davon einzig dieses nachgelassene und, wie die beiden Freunde versichern, «fertiggestellte» Manuskript.
Der Tod drückt auch diesem zweiten Buch seinen Stempel auf. Das erzählende Ich, nun mehr eine erwachsene Frau, sitzt am Totenbett der geliebten Tante. Sie wacht über deren Sterben, beobachtet die Rituale des Gedenkens und erinnert sich. Die Tante hat auch im realen Leben von Aglaja Veteranyi eine wichtige Rolle gespielt.
«Wir sind viel länger tot als lebendig, sagt die Tante, Tote brauchen viel mehr Glück.» Deshalb müssen wir Lebende der Toten gedenken und sie auf dem Friedhof besuchen. Um ihrer, aber auch um unserer selbst Willen.
Die Tante liegt nicht das erste Mal in dem sterilen Spital, das sich «Erholungsklinik» nennt. Ihr Sterben zieht sich seit langem schon hin. Zuerst starb nur eine Zehe, dann der Fuss, jetzt gilt es ernst. Wie es vorbei ist, bedeckt Costel, der Onkel, gefasst und ruhig ihr Antlitz, in dessen Spiegel die Gesichter der Anwesenden gefrieren. Neben ihm verflucht die Mutter verzweifelt den abwesenden, ungerechten Gott. Die Erzählerin hat die Tante lieber gemocht als die zürnende, strenge Mutter. Danach werden Totenkuchen gebacken, so wie es sein muss. Und Beerdigung gefeiert.
Die Tante floh wie die ganze Familie aus Rumänien, dem verschlossenen Reich Ceausescus, um anderswo ihr Glück zu finden. Sie tingelte durch die Welt und erwarb schliesslich den roten «Pass der auswendiggelernten Heimat».
Wer in die Fremde geht, muss stets ein Bett frei haben für Verwandtenbesuch. Zwar ärgerte sich die Mutter regelmässig darüber, dass dieser sich aufführte, als käme er aus Rumänien, die Tante aber hielt sich strikte an die Gebote der Gastfreundschaft. Auch im Fall von Onkel Petru, der nach 1989 endlich ausreisen durfte. Petru war ein schwuler Artist und Künstler, der in Ceausescus Arbeiterparadies den Mund nicht halten konnte und dafür die Zähne ausgeschlagen bekam. Die Schweiz musste ihm wie ein Paradies vorkommen, doch bleiben durfte er nicht – und zurückkehren würde er auch nie mehr.
«Jeder Tote bringt Gott seinen letzten Atemzug», tröstet sich Costel über den Tod der Tante hinweg. In einer himmlischen Bibliothek werden sie allesamt aufbewahrt. Dem weiss der Pfleger nur «Es ist besser so» hinzuzufügen. «Wenn uns nichts mehr einfällt, fallen uns solche Sätze ein, dachte ich.»
Die Figuren, die erinnerten Episoden, die Sprache, in allen diesen Aspekten schliesst dieses zweite Buch nahtlos an den Erstling an. Aglaja Veteranyi erzählt weiter, wo sie vor drei Jahren stehen geblieben ist.
Eine feine Differenz signalisiert indes der Titel. Das Regal der letzten Atemzüge wirkt weniger schrill, auch weniger gefährlich als jener des Erstlings. Zwar hat Veteranyi ihren lakonischen Tonfall bewahrt, doch geht der neuen Prosa die sprudelnde, sarkastische Frische ab, die die kindlichen Reminiszenzen auszeichnete. Dies mag daran liegen, dass die Erzählerin älter geworden ist, und auch daran, dass der Tod der geliebten Tante der Autorin persönlich sehr nahe gegangen ist. Das Schreiben darüber verlangte grösseren Ernst.
In «Das Regal» klingen die Qualitäten des ersten Buchs an, ohne dass sie mit der selben Virtuosität ausgespielt werden. Wiederum gelingen Aglaja Veteranyi wunderbar schräge Formulierungen und funkelnde Metaphern. Doch neue Akkorde sind wenige zu hören, umso mehr haben sich Wiederholungen und Überschneidungen eingeschlichen, in denen der Erstling gut wieder erkennbar ist.
Ein Roman ist es dergestalt nicht so recht, und beinahe auch kein wirklich neues Buch. Dennoch bleibt Das Regal der letzten Atemzüge ein berührendes Vermächtnis einer schillernden, unglücklichen Persönlichkeit.