Am Hang

Markus Werner

Der junge Scheidungsanwalt Clarin freut sich auf ein ungestörtes Pfingstwochenende in seinem Tessiner Ferienhaus, wo er einen Aufsatz für eine Fachzeitschrift schreiben möchte. Am ersten Abend lernt er auf der Terrasse des Hotels Bellavista einen älteren Mann kennen, einen scheinbar Verwirrten, einen Verrückten vielleicht. Sie reden und debattieren bis tief in die Nacht, und allmählich erzählen sie sich auch ihre Geschichten und Liebesgeschichten. Was als stockendes Gespräch zwischen Zufallsbekannten begonnen hat, entwickelt eine fiebrige, beklemmende Dynamik, der sich weder Clarin noch der Leser entziehen kann. Es sind zweifelhafte Umstände, unter denen Loos seine geliebte, fast vergötterte Frau verloren hat, und dieser Verlust scheint ihm die Welt schwer und verhasst zu machen. Clarin hingegen lebt leicht und gern. – Ferner könnten zwei Menschen einander nicht sein. Wie nah sie sich sind, stellt sich erst spät heraus.

(Klappentext Fischer Verlage)

Klärendes Gespräch am Hang

par Beat Mazenauer

Publié le 11/10/2004

Zwei Männer am Tisch erzählen sich von ihren Frauen. Am Hang heisst der neue Roman von Markus Werner. Ein Buch, das die Erwartungen nicht vollauf erfüllt.

Auf der Terrasse des Hotels Bellevue in Montagnola sitzen sich zwei Männer gegenüber und kommen miteinander ins Gespräch. Auf der einen Seite Loos, eine skeptische Kraftnatur, ihm gegenüber Clarin, ein kontaktfreudiger Geck. Trotz ihrer widersprüchlichen Temperamente fühlen sie sich voneinander angezogen. Die Abgeschiedenheit des Ortes und ein guter Wein regen zu Erörterungen über Beziehungen, Liebschaften und den Ehestand an. Loos verarbeitet gerade eine traumatische Trennungserfahrung, der ihn an diesen Ort bindet. Clarin, der Ich-Erzähler, steuert eine Liebesaffäre mit der verheirateten Valerie bei, die vor einem Jahr exakt hier, bei einem Kaninchenfilet, ihr nüchternes Ende gefunden hat. Die Diskrepanz dieser Erfahrungen hält das Gespräch in Gang, obwohl Clarin eigentlich einen Aufsatz zum Thema Eherecht schreiben sollte. Loos aber fragt hartnäckig nach, verdüstert sich und erregt sich handkehrum wieder. Bitter-lustvoll inszeniert er Widersprüche, um am Ende den Luftibus um seine Bindungsfreiheit zu beneiden.
Je intimer die Aussprache der beiden wird – sie findet am nächsten Tag eine Fortsetzung –, umso mehr lässt sich erahnen, dass die beiden unterschiedlichen Liebesgeschichten eine gemeinsamen Kern haben: die beiden Männer als Betrogener und Betrüger womöglich Nebenbuhler gewesen sind.
Markus Werner führt in einer wunderbaren Eingangspassage gleich in medias res, um die Dringlichkeit dieser Begegnung anzudeuten: «Alles dreht sich. Und alles dreht sich um ihn» – Loos. Es geht um viel, doch worum exakt? Eine Antwort darauf gibt erst der Schluss, freilich in einer Weise, die nicht restlos befriedigt und der Erzählkunst, die Werner in frühern Büchern bewiesen hat, nicht gerecht wird.
Am Hang ist leider kein geglücktes Buch. Es erfüllt die hoch gesteckten Erwartungen nicht, weil in seiner Zufallskonstruktion zuviel Anstrengung steckt. Was bewegt vor allem Clarin, derart freimütig zu plaudern? Das Gespräch unter Männern wirkt in seiner Anlage nicht so recht glaubhaft und in Details mehr als nötig auch ungereimt. In überdeterminierter, mithin klischeehafter Weise dreht sich alles um den Kern des «Ehe-Elends», worin das Elend des Zeitgeists und gleich auch das Thema Tod mit einbegriffen sind. Aufgeplusterte Formulierungen täuschen zudem Dringlichkeit eher vor als dass sie sie erzählen. Vor allem Loos ergeht sich gerne in simplen Beschimpfungen der restlos verblödeten Welt, in denen der Roman jene kulturkritische Nüchternheit und erzählerische Souplesse vermissen lässt, die Werners frühere Texte so sehr auszeichnet.
Im Grunde aber scheitert Am Hang daran, dass die listige narrative Doppelperspektive sich am Ende nicht zum homogenen Bild fügt. Die Figur des betrogenen Ehemanns Loos und die Figur des Gesprächspartners Loos kommen nicht wirklich zur Deckung. Valeries Ehemann, so wie er in Clarins Erzählung über die Beziehung zu Valerie auftaucht, ist ein allzu anderer als der, der vor ihm sitzt. Zudem ist der versöhnliche, auch hilflose Schluss – für Markus Werner ungewöhnlich – mit einer zufälligen Schlüssigkeit aufgeladen, die eher befremdlich wirkt und der Erzählung das Schwebende, Verheimlichte raubt. Davon: tückisches Ergebnis des Reissbrettcharakters dieses Romans, werden letztlich auch die teils raffiniert inszenierten Gesprächspassagen beeinträchtigt.
Derart hinterlässt Am Hang einen ambivalenten Eindruck. Es ist, als ob im Endeffekt nicht der Luftibus Clarin die Hoheit über den Text behält, sondern die Kraftnatur Loos. Seine mal bärbeissige, mal pathetisch unverhüllte Gedankenschwere drückt ihm ihren belastenden Stempel auf.

Revue de presse (sélection)

Markus Werners neuer Roman ist wieder ein Wunder an Ökonomie, Sprachbewusstsein, Gestaltungskunst und Anspielungsreichtum (...). Wunderbar gelungen ist in Am Hang aber vor allem die Balance der beiden Helden, deren einen, den unbedarften, er in einem raffinierten Kunstgriff zum Ich-Erzähler macht - und damit zum Leser, am Schluss aber auch (das darf man verraten) zum Autor der Geschichte, die wir gerade gelesen haben. (Martin Ebel, Tages-Anzeiger)

Spitzig durchsticht das Vokabular der Effizienzstrategen den sanften Wellenschlag einer gepflegten Prosa, die nicht ganz frei ist von altherrenhaften Zügen. Werners Alter Ego ist sie auf den Leib geschneidert, seinem Opponenten nimmt man sie nicht ab: Thomas Clarin ist eine Projektion des Gegenwartsekels, eine Spielfigur, ins Rennen geschickt, um dem verlorenen Posten eines moralischen Weltverhältnisses zum Triumph zu verhelfen. Ein Manko, gewiss, aber es soll nicht am Ende stehen, sondern Loos, der nicht Loos heisst und die wahre Geschichte, die nie erzählbar ist, im Reflex einer fabulierten fängt. Am Ende also: die Verteidigung der Poesie. Sie ist Markus Werner virtuos gelungen. (Andreas Nentwich, NZZ, 03.08.2004)

Es gibt in diesem Roman keine Zeigefingerdidaktik, auch keine eindeutigen Meinungsbastionen. Die Verhältnisse sind viel zu widersprüchlich, die Figuren zu zerrissen, als daß man sich an schlichten Rezepten festhalten könnte. Getrieben von einem Verlangen, das sie nicht verstehen, verführt von einer Sehnsucht, deren Ursprung ihnen verschlossen bleibt, und hungrig nach einem ursprünglichen Glücksgefühl, sind Markus Werners Protagonisten alles andere als kaltblütig Agierende. Genau in der Darstellung dieses verborgenen Bruchs demonstriert sich die überlegene Meisterschaft des Autors. (Pia Reinacher, FAZ, 14.08.2004)

Am Hang' ist - man verzeihe den banalen, aber treffenden Ausdruck - wunderbare Literatur. (...) Am Ende will man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, beneidet alle, die das Lektürevergnügen noch vor sich haben. (Julian Schütt, Die Weltwoche)

Es gibt Bücher, die man zweimal lesen will - das ist der Glücksfall. Und es gibt Bücher, die man zweimal lesen muss - das ist der Fall von Markus Werners Am Hang, dem siebten Roman des bald sechzigjährigen und von Buch zu Buch bislang nur immer virtuoseren Schweizer Erzählers. (...) Aber die Abgründigkeit, der kalte Rückenschauder über dem dünnen Eis der Täuschung, auf den Werner gehofft haben mag, stellt sich nicht ein. Eher fühlt man sich in einer Scharade. Und es bleibt auch doppelsinniges Schwadronieren eben Schwadronieren. (Andreas Isenschmid, Die Zeit, 16.09.2004)

Ein Garant für Sucht erzeugende Prosa (Oliver Pfohlmann, Die Tageszeitung, 16.08.2004)