Einblicke in die Seele des Dichters

par Beat Mazenauer

Publié le 11/05/2011

Seit beinahe zwanzig Jahren kommunizieren Matthias Zschokke und der Literaturwissenschafter Niels Höpfner intensiv miteinander, die letzten acht Jahre auch über E-Mail. Auf diesem Weg haben sie Tausende von Nachrichten ausgetauscht, in denen sie sich Lektüren empfahlen oder über Ansichten stritten. Daraus ist ein dickes Buch geworden: ein Tagebuch der Freundschaft.
In Lieber Niels kommt allerdings nur Zschokke zu Wort, sein Dialogpartner hält sich zurück – und ist gleichwohl stets präsent, denn im Unterschied zur Selbstbefragung im Tagebuch stösst der Autor hier auf Resonanz. Seine Klagen über die Nöte des Alltags gleiten so nie ins Lamento ab, sondern provozieren klärenden Widerspruch und Aufmunterung. Der Freund wird zum Spiegel, in dem der Schreibende sich klarer erkennt.
Zschokke mag Opern, sieht sich gerne Filme an, sträubt sich gegen konfektionierte Literatur. Darüber tauscht er sich mit Niels aus. Seine Kritik äussert er mit erfrischender Unverblümtheit, auch wenn dabei namentlich genannte Kollegen aus dem Betrieb kräftig ihr Fett abbekommen. Er bekundet sichtlich Mühe mit dem windigen Literaturmarkt, dessen Anforderungen er nicht erfüllen kann. Letzteres impliziert eine dauerhaft angespannte, den Schlaf raubende Finanzlage.
Als Autor bewahrt Matthias Zschokke den hohen Anspruch, allein der Kunst zu dienen – nutzlos, sich selbst treu.
«Tatsächlich glaube ich nicht ans handwerkliche Schreiben… Ich meine heute noch, Kunst müsse aus dem Überfluss kommen, sie müsse unnütz sein, frei von jedem Kalkül, sie müsse von selbst entstehen, aus einer Laune heraus, sie müsse der pure Luxus sein.»

Dieses Wollen ist ihm ein Ansporn und zugleich eine verzweifelte Bürde, die seine Arbeit belastet. «Ich weiss nicht mehr, wie man sich dazu bringen kann, etwas zu schreiben… Alle schreiben vor sich hin, keinen treibt etwas.» Das will er für sich selbst auf keinen Fall: Kunstgewerbliche Literatur, perfekte Schriftstellerei, auch wenn «beschwingte, sommerliche heitere» Bücher für Erfolg garantieren.
Matthias Zschokke hält sich zurück, und dennoch: Warum bleibt ihm der Erfolg erspart – oder verwehrt?
Leidenschaftlich hadert er immer wieder mit seiner Erfolglosigkeit, und auch mit seiner notorischen Unfähigkeit, unverkrampft vor Publikum zu lesen – dies als ausgebildeter Schauspieler! – oder gelassen ein anregendes Gespräch zu führen.

Deshalb dreht sich hier vieles auch ums Geld. Lieber Niels ist ein Buch der Kränkung im doppelten Sinn. Gekränkt ob des Erfolgs von minderen Talenten im Literaturbetrieb nimmt Zschokke seine Kollegen mit spitzen, pointierten Urteilen aufs Korn. «Raoul Schrott: ein Streber», zielt er – unter vielen anderen – unverblümt auf den erfolgreichen Konkurrenten. Das ist gefährlich, und womöglich irreführend für die Beurteilung dieses Buches.
Zschokke spielt lustvoll mit dem Feuer der Rache. Wer hierbei nur den literarischen Klagemann sieht, überliest die Ironie und die Einsicht, womit er sich vor jeder Selbstgefälligkeit rettet. Konkurrenz ist «schwer zu ertragen für einen wie mich, der so stark unter Neid und Eifersucht leidet», notiert er. So hält er subtil eine Balance zwischen Angriff und Einkehr. In der kurzen Vorrede nennt Niels Höpfner diesen Band "exzentrisch, egoman und extravagant". Genau das ist er, zugleich erzungerecht, elegant und einfach komisch.
Sein Scheitern als Publikumsmagnet trägt Matthias Zschokke mit lakonischem Witz, er kann sich ein selbstironisches Lächeln nicht verkneifen: «Meine Agenda ist ja in der Regel so gähnend leer, dass ich mir für dieses Jahr gar keine neue angeschafft habe.» Ein Dichter wie er ist ein Eremit, der gesellschaftlichen Trubel meidet. Warum also nicht «unbedingt mehr verwildern in allem, was ich tue!» Anders formuliert: «Das will ich werden: ein statistischer Ausreisser.»
In diesem Mail-Tagebuch über die Jahre 2002 bis 2009 werden die Leser Zeugen einer dichterischen Raison d'être, die den erfolglosen Eigensinn vor sich selbst verantworten muss. Die Schriftstellerei ist keine ungefährliche Profession! Die Lektüre nimmt daran innigen Anteil. Man braucht sie sich nicht in einem Schwung abzuringen, das opulente Buch voller Geschichten verträgt durchaus längere Fristen.

Note critique

Seit 1982 steht Matthias Zschokke mit seinem Freund Niels Höpfner in intensivem Briefaustausch, die letzten acht Jahre auch über E-Mail. Auf diesem Weg gingen Tausende von Nachrichten hin und her, in denen sie sich Lektüren empfahlen oder über Ansichten stritten. Daraus ist ein dickes Buch geworden: ein Tagebuch der Freundschaft. Zschokke bekundet darin sichtlich Mühe mit dem Literaturmarkt, dessen Anforderungen er nicht erfüllen kann. Gekränkt ob des Erfolgs von minderen Talenten im Literaturbetrieb nimmt er seine Kollegen mit spitzen, pointierten Urteilen aufs Korn. Wer hierbei aber nur den literarischen Klagemann sieht, überliest freilich die Ironie und die Einsicht, womit sich Matthias Zschokke vor Selbstgefälligkeit rettet. So hält er in diesem exzentrischen, zugleich witzigen Mailtagebuch subtil eine Balance zwischen Angriff und Einsicht. (Beat Mazenauer)