Herr Blanc

Roman Graf

Als junger Mann verlässt Herr Blanc am Ende des Studiums in Cambridge seine Freundin Heike, die, ohne dass er sich dessen bewusst wäre, seine grosse Liebe ist, mit der er glücklich werden könnte. Nach vielen einsamen Jahren in der Schweiz heiratet er Vreni, eine Vernunftehe. Als Herr Blanc kurz vor seiner Pensionierung steht, führt ihn das Schicksal nach Polen und zu Heike, die dort begraben liegt.
Herr Blanc ist das Psychogramm eines Sonderlings aus der gemäßigten Zone des Wohlstands; sein Leben wird in kleinen biographischen Einheiten in wahnwitziger Konzentriertheit erzählt. Man lächelt über diesen Herrn Blanc, doch seine Schwäche, sein Ernst, seine Persönlichkeit lassen plötzlich die Umwelt lächerlich erscheinen. Nach Heikes Tod ist für Herrn Blanc die vollkommene Liebe nur noch in der Utopie möglich. Am Ende seines Lebens macht er sich auf den Weg dorthin, er verlässt seine Wohnung, sein bisheriges Leben und den Roman.
Roman Grafs literarisches Debüt ist ein trauriger, skeptischer und zugleich leichter Roman mit einem eigenen, verhaltenen Humor. Er entwirft das Charakterporträt eines Menschen, den man mögen kann oder nicht, den man aber nicht wieder vergessen wird. [Klappentext Limmat Verlag]

Porträt einer Mentalität

par Beat Mazenauer

Publié le 11/12/2009

Der 30jährige Roman Graf wartet mit einem erstaunlichen Debüt auf. Herr Blanc erzählt von einem ebenso rechtschaffenen wie rechthaberischen Menschen, der sich selbst so sehr in die Pflicht nimmt, dass er darin ein Gefangener bleibt. Was auf den ersten Blick bekannt und abgegriffen wirkt, erhält in diesem Roman neue, blitzend komische Facetten.
«Wäre ich doch nur ein anderer geworden» – der kühne Gedanke bleibt verdeckt und unausgelebt – zwangsläufig. Denn Herr Blanc ist einer, der gerade nicht aus seiner Haut kann. Herr Blanc lebt ein unscheinbares Leben. Er verrichtet seine Arbeit bei den Städtischen Verkehrsbetrieben, zweimal wöchentlich isst er bei der Mutter und er trinkt gerne Tee. Vor langer Zeit studierte er – auf Wunsch seines verstorbenen Vaters – in Cambridge, wo er Heike kennen lernte. Nach dem Tod seiner fürsorglichen Mutter ist er mit Vreni verheiratet. Heike aber bleibt sein Ideal.
Dieses Leben ist mehr als eine Geschichte. Es ist ein Zustand, der aufs Genaueste ausgelotet werden muss, damit er kenntlich wird. Ein Kreisen von Ahnungen, Ängsten und Gedanken auf kleinstem Raum charakterisiert den pedantischen Herrn Blanc. Sein Lebensmut ist begrenzt, erst wenn er «die hundertprozentige Sicherheit hatte – schlug er zu».
Diese Figur mag auf den ersten Blick unspektakulär und literarisch hinreichend bekannt erscheinen. Doch nicht sie macht dieses Buch zum Lektüreerlebnis. Seine Raffinesse besteht vielmehr darin, dass der Autor den Helden in einen träge sich verquirlenden, verdichtenden Kokon von Beobachtungen und Gedanken einspinnt. Die Sprache selbst steuert die filigrane Prosa. Jedes Detail wird akribisch hin und her gewendet. Damit der Autor selbst dabei die Oberhand behält, rückt er seine Figur in die dritte Person. Herr Blanc gibt hier keinen inneren Monolog preis, vielmehr werden seine Denkfiguren vom Erzähler aus beobachtender Optik sorgfältig abgezirkelt.
Im Titel erinnert der Roman an Paul Valérys Monsieur Teste. 1925 schrieb Valéry: «Ich war von dem akuten Leiden Präzision befallen.» Auch wenn Roman Grafs Text anders funktioniert, verbindet ihn mit Valéry diese leidenschaftliche Präzision. Herr Blanc lässt ein gut bekanntes Sujet differenziert und gekonnt in neuem Licht erscheinen. Die Sprache zwingt die Titelfigur in einen narrativen Sog, der ihn genauer darstellt als er sich selbst kennt.
Trotzdem bleibt der Roman leicht und vergnüglich lesbar. Herr Blancs Common sense wirkt beunruhigend normal, gelegentlich sogar souverän. Manchmal könnte man diesen Herrn fast mögen, auch wenn seine egoistische, kleinbürgerliche Pedanterie beunruhigt. Sie schwankt bedenklich zwischen Anpassung und Auflehnung und verklärt die Vergangenheit (allem voran Heike) mit helvetischer Gründlichkeit. Vor allem darin verrät Herr Blanc typisch schweizerische Züge. Roman Graf hat sie genau festgehalten. Sein Roman porträtiert präzise eine beengende Mentalität, für die der Held Allgemeingültigkeit beansprucht. So hat es auf der ganzen Welt zu sein! Das Beunruhigende daran ist nur, dass sich Herr Blanc um die Ansprüche, die er an andere stellt, selbst foutiert. Die Rechtschaffenheit verengt ihm den Blick, die Herzenssache wird zur Pflicht – und umgekehrt. So beschreibt Roman Graf nachgerade auch eine Schweizer Realität, die seinen Roman immer wieder zu bestätigen scheint.

Note critique

Wie ein später Nachfahre mancher Seldwyler bei Gottfried Keller mutet Herr Blanc an, und zwar jener Seldwyler, die meinen, es besonders klug anzustellen, und ihr Leben gerade dadurch ganz verpassen. Herr Blanc führt vor, zu welcher Unmenschlichkeit ein mit allen Skrupeln beladener Mensch fähig ist. Erst nach dem Tod der drei Frauen, mit denen er hätte glücklich werden können – seiner Mutter, seiner Geliebten Heike und seiner Ehefrau Vreni – merkt er, wie wichtig sie ihm gewesen wären. Unfähig zur Liebe der Lebenden, ist er unübertrefflich in der Verehrung der Toten. Erst in der Verteidigung ihrer Hinterlassenschaft erwachen Leben, Widerborstigkeit, ja Spitzbübigkeit in ihm. Im verzweifelten Sarkasmus sich selbst und seinem verpassten Leben gegenüber zeigt er im Alter jenen Humor, der der unfreiwilligen Komik seines vorangehenden Lebens völlig abging. Meisterhaft rhythmisierte Satzperioden geben der Verschrobenheit des Protagonisten ebenso Raum, wie sie sie zugleich überschreiten. (Daniel Rothenbühler)