Instabile Texte

Zsuzsanna Gahse

«Die Alpen sind ihrer Form nach ein Kipferl, innerhalb der Kipferlform zeichnet sich eine klare Semmelform ab, das ist die Schweiz, und die Schweiz ist Europa. Die Schweiz zerfällt in etliche Täler, welche Einsamkeiten auf den Gipfeln! (Kipferl ist ein Wort, das nicht überall bekannt ist, Gipfeli auch nicht, nichts ist in Europa überall bekannt.)»

Instabil und flüchtig

par Beat Mazenauer

Publié le 28/10/2005

Wir sagen die Schweiz und reden von Europa im Singular; wir sagen «die Sprache» und wir reden von «der Wahrnehmung». Wenn es aber darauf ankommt, merken wir schnell, dass es Sprache ebenso wie Wahrnehmung nur im Plural gibt: Versuche des differenzierten individuellen Erkennens und Benennens. Zsuzsanna Gahse ist eine Spezialistin auf diesem Feld. «Seit einigen Jahren möchte ich alles so sehen, wie es ist, so dass ich nicht versuche, jedes Ding mit etwas Bekanntem zu vergleichen.» Dieser Wunsch aber lässt sich nur annäherungsweise erfüllen um den Preis, dass dafür die Texte instabil werden, ihren eingeübten Halt verlieren. Ihr neuer Prosaband versammelt einen subtil arrangierten Chor von sprachlich und motivisch eng vernetzten Miniaturen, die Sprache in den unterschiedlichsten (helvetischen) Land-, Klang- und Sprachschaften durchleuchten. Der sprachliche Reichtum insbesondere in den Bergen fasziniert die Autorin: «Die Sprachen waren wohl an den Felswänden hinabgestürzt und zerschellt und nur schwer zu verstehen, obwohl die Leute nicht schnell sprachen.»
«Er sass in London auf einer Bank, im Nebel. Als ein junger Mann auf ihn zukam, wusste er, dass der Junge er selbst war, der pfiff nämlich ein Lied, das sonst niemand ausser ihnen oder ausser ihm kennen konnte. Aber der Junge glaubte ihm nicht. Der Ältere sah den Jungen wirklich, der aber träumte nur von ihm, dem Späteren.»
Zsuzsanna Gahse betreibt eine Poetisierung der alltäglichen Wahrnehmung, die über die eigene Anschauung hinausweist. Indem sie die Sprache ernst nimmt, kreiert sie Vorstellungsbilder, die sich manchmal auch unverhofft ins Prekäre verschieben: «Klimaerwärmung ist ein schönes Wort, so dass jeder alles dafür tun möchte, für die Wärme und die Nähe.» 
«Beinahe alles ist Übersetzung.» Das Original erweist sich als Schimäre, die poetische Transformation signalisiert Wandelbarkeit und Instabilität. Dennoch kann sich bei behutsamer und vor allem demütiger Anlehnung an das zu Sehende hin und wieder so etwas wie die Illusion eines ganz eigenen, intimen Erkennens mit allen Sinnen einstellen. Die Alpen sind ein Kipferl (oder Gipfeli), das bei sprachlicher Berührung in butterweiche Brosamen zerfällt. Beinahe hätten wir dies selbst bemerkt.