Grit

Noëmi Lerch

Eine Hütte am Rande einer kargen Ebene. Im Innern der Hütte ein Kessel. Am Kessel eine junge Frau, sie rührt mit der Harfe die Milch. Wenig Licht kommt durch das Fenster, wo eine alte Frau im Offiziersmantel steht und raucht. In dieser Stille die beiden Frauen, deren Leben kaum unterschiedlicher sein könnte. Die Ältere hat studiert und in der Politik Karriere gemacht, die Jüngere umsorgt einen kleinen Hof und zwei Kinder. Trotz ihrer Verschiedenheit sind die beiden Frauen durch ein starkes Band verbunden, sie sind Mutter und Tochter.

Eines Morgens setzt sich eine Krähe auf den Fenstersims, und die Mutter beginnt zu erzählen, von den Hühnern, der Sprache der Tiere, den Ahnen. Aber die Tochter unterbricht sie: «Bevor Du mir mit den Ahnen kommst, Mutter, sag mir erst einmal, was aus mir geworden ist.»

(Buchpräsentation verlag die brotsuppe)

Von der Freiheit

par Beat Mazenauer

Publié le 31/07/2017

Für Die Pürin hat Noëmi Lerch 2015 viel Lob erhalten. Roman Bucheli nannte es in der NZZ ein «fabelhaftes Debüt», das durch seine schwebende Leichtigkeit und Einfachheit überzeuge. Ihr neues, zweites Buch Grit, das nun die Bezeichnung «Roman» trägt, knüpft in vielerlei Hinsicht an das Debüt an und faltet es erzählerisch aus. Die Geschichte handelt abermals in einem kargen ländlichen Milieu, in dem Grit und ihre Tochter Wanda durch den Alltag kommen, indem sie gut zu den Tieren sind und mit ihrer Tüchtigkeit die abwesenden Männer vergessen lassen. Das weckt leicht den Verdacht, dass es sich dabei um ein simples Nachfolgebuch der Pürin handelt, das deren Stoff und Motive variiert, ohne ihnen Neues hinzuzufügen. Das ist nicht ganz falsch, und trifft das Entscheidende doch nicht. Auch Grit besticht durch eine Naturwüchsigkeit, die womöglich nostalgische Gefühle wecken könnte, und die ganz in einer reduzierten Sprache aufgeht, die kraft ihrer elementaren Einfachheit Lücken des Ungesagten offen lässt. Doch der neue Roman holt weiter aus.

Zuallererst fällt auf, dass die Ich-Erzählerin aus Die Pürin einer allwissenden Erzählerin gewichen ist, die den Raum des Geheimnisses im Kopf ihrer Figuren ebenso wie zwischen den Akteuren und den Dingen der Welt ausfüllt. Der einfache Jahreslauf wird aufgehoben in einem diskontinuierlichen Erzählbogen, der drei Generation miteinschliesst und die Erzählung bis in mythisch-biblische Zeiten zurückreichen lässt.

Grit lebt bei ihrer Tochter Wanda in einem Tal fernab des motorisierten Treibens, in dem ansonsten nur wenige Menschen leben, die kaum weiter Beachtung finden. Grit hat früher nach Höherem gestrebt und sich dafür hinter Papierstapeln in ihrem Zimmer eingeschlossen. Sie war sogar berühmt, irgendwie. Ihr Mann brachte die Kinder durch, auch wenn darüber im Dorf gemunkelt wurde. Denn meist war auch er abwesend, im Holz.

Später einmal erzählte die Wirtin Wanda und ihrem Mann Gunnar, wie das Tal aus «einer einzigen Wüste» entstanden sei. Bloss ein Rinnsal habe es gegeben, und unerklärlicherweise einen stattlichen Pinienbaum, unter dem eine Frau mit Gitarre gesessen habe. Ein Mann sei von niemand weiss woher zu ihr gestossen usw. Die Erzählung der Wirtin klingt märchenhaft, und paradiesisch, und führt über den Pfarrer und seine Kirche in die Gegenwart, in der derselbe Pinienbaum noch immer treuherzig, unangetastet seinen Schatten wirft. Das Tal gleicht einem Garten Eden.

Nur der Wind lacht. Lacht mit all seiner Macht. Und alles kehrt um. Am Anfang stehen die Kühe und ihre Namen und niemand weiss mehr, was später kommt. Ob Freiheit tatsächlich ein anderes Wort ist dafür, nichts zu verlieren zu haben.

So zauberhaft dieser Mythos anmutet, so verträumt erscheinen auch die Figuren, die hier im Einklang mit der Natur zu leben scheinen und sich ein Glück erhoffen, das sich aber im Alltag erschöpft. Grit sprach immer mit den Tieren, doch seit sie es mit einem Nashorn versucht hat und in seinen Augen die eigene Angst sah, ist alles anders geworden. Gunnar, der von einer nördlichen Insel stammt, hütet lieber auf den Alpen die Schafe als daheim sein Haus. Zwar hat Wanda auch die Stadt kennen gelernt, wohin sie ihrer Schwester Iwa folgte, um ein Studium zu beginnen. Aber sie wusste nichts damit anzufangen. Im Tal dagegen weiss sie wenigstens, wohin sie gehört, auch wenn es nicht restlos zu erklären ist. So heisst es einmal: «Wanda geht zurück in die Küche. Als gingen nur ihre Füsse. Als wäre das möglich, dass etwas dableiben und etwas fortgehen und dazwischen nichts verloren gehen kann.» – Es klingt wie ein Motto, gleichsam.

Es ist ein Frauenregime, das Noëmi Lerch wie schon in Die Pürin beschreibt. Gunnar ist meist abwesend, auch Grits Mann Hias taucht nur beiläufig auf. Und der Pfarrer in der Erzählung der Wirtin ist ebenso Legende, wie jener Mann, der das Tal einst zum Blühen gebracht haben soll, weil er auf jene Frau mit der Gitarre wartete, die von ihm wegging.

 Grit ist inzwischen alt geworden, winzig klein und kränkelnd, in einem zu weiten Offiziersmantel geistert sie durchs knarrende Haus. Mit Wanda und deren zwei Kindern bildet sie das Rückgrat dieser Erzählung, die zwischen den Zeiten hin und her wechselt und zwischen Realismus und Märchenhaftigkeit einen schwebenden Erzählraum eröffnet. Die Figuren tauchen in den Nebel der Unschärfe ein und behalten dennoch Kontur. Sie fragen nach Glück und Hoffen, ohne dass sich der knappe sprachliche Gestus zu grossen Fragen aufwerfen würde. Noëmi Lerch variiert darin Die Pürin auf eine Weise, die mehr ist als bloss Nachahmung und Wiederholung.