Alles war

Esther Spinner

Die kleine Sophie wächst vaterlos, dafür mit Mutter, Grosseltern und Haushaltshilfe im Dämmerlicht einer herrschaftlichen Wohnung im Zürcher Seefeld auf – und mit der stetigen Präsenz eines Trios von Onkeln, Vaters besten Freunden. Trotzdem schmerzt Sophie die Lücke, auf ihre Fragen nach dem unerklärlichen Verschwinden des Vaters erhält sie von ihrer Mutter nur ausweichende Antworten, ahnt Flunkereien und verliert sich in Fantasien. Jahrzehnte später – Sophie hat sich längst in Rom niedergelassen – muss sie ihre kranke Mutter ins Pflegeheim bringen und die elterliche Wohnung auflösen. Erneut taucht sie in die Welt ihrer Kindheit ein, versucht dem ungelösten Rätsel und auch ihrem eigenen Leben auf die Spur zu kommen. Dabei enthüllt sich ihr Facette um Facette die Persönlichkeit der Mutter, die – nach aussen eine unemanzipierte Idealfrau der 50er-Jahre – zäh um ihren Lebenstraum kämpft. Ein Buch, das packend die Annäherung der Tochter ans Geheimnis der Eltern erzählt und gleichzeitig ein Bild der Atmosphäre des damaligen Zürich und des heutigen Rom vermittelt.

(Buchpräsentation Edition 8)

«Alles verpasst und alles erlebt.»

par Ruth Gantert

Publié le 19/06/2017

Schwindel befällt die Ich-Erzählerin Sophie seit einiger Zeit, der Boden schwankt ihr unter den Füssen, das Haus, in dem sie mit dem alten Zio Giuseppe, dem Onkel ihrer Freundin Ada, eine Wohnung teilt, wird zum Schiff, «pflügt sich [...] durch die römischen Strassen und ankert immer wieder an der Piazza Epiro». Am Schwindel ist wohl ihre Mutter nicht unschuldig, die der Tochter Sorgen bereitet. Die alte Frau ist krank und muss nun ihre Wohnung im Zürcher Seefeld verlassen und in ein Pflegeheim ziehen. Und: Lilli, die Mutter, war schon immer eine Meisterin der «Schwindelei». Die gelernte Modistin legt grossen Wert auf ein gepflegtes Äusseres und gibt ihre Wünsche als Realität aus. So ändert sie ihre Schuhnummer handschriftlich in jedem Exemplar ins gewünschte 36 oder näht Kaschmir-Etiketten auf Wollpullover. Doch wie steht es mit ihrer Lebensgeschichte, mit ihrer grossen Liebe, dem Mann, der eines Abends fortging und nie mehr zurückkam? Gilt auch dort, dass «alles war», wie sie es sich zurechtgelegt hat und nicht, wie es wirklich geschah?

Unter dieser Ungewissheit leidet die kleine Sophie von früh auf. Sie wächst mit ihrer Mutter und ihrer Grossmutter väterlicherseits in einem Frauenhaushalt auf, den wechselnde Haushaltshilfen ergänzen. Weshalb verschwand ihr Vater, als sie drei Jahre alt war? Lebt er noch oder ist er tot? Und weshalb erhält die Mutter regelmässig Besuch von drei Männern? Für das märchenbegeisterte Kind haben die drei «Onkel» mit den lustigen Namen Vik, Sip und Leib etwas Magisches. Jeder gibt Sophie etwas mit auf den Weg: Vik bringt ihr die Zahlen näher, mit denen sie auf Kriegsfuss steht, Sip versucht, ihren Sinn für Grazie und Charme zu wecken und Leib, der ihr am nächsten steht, bringt ihr das Lesen bei, schenkt ihr Bücher und lehrt sie Sprüche, Wort- und Sprachspiele.

Der Heranwachsenden stellen sich immer drängendere Fragen: Welche Beziehung unterhält die Mutter zu Vik, Sip und Leib? Unterstützen die drei Männer die verlassene Frau ihres Freundes aus selbstlosen Gründen? Ist erotische Anziehung im Spiel, handelt es sich gar um Prostitution? Ist einer von ihnen – am ehesten der Jude Leib – Sophies biologischer Vater? Da sie nichts in Erfahrung bringt, gibt die Tochter ihre Wahrheitssuche vorerst auf und distanziert sich von der Mutter, dieser «Solipsistin», von der sie alles unterscheidet: Interessen, politische Ansichten und Lebensstil. Sophie engagiert sich in der Frauenbewegung und hat lesbische Beziehungen. Sie studiert Sprachen und wandert nach Italien aus, wo sie als Übersetzerin arbeitet und schreibt. In Rom heisst sie Sofia und fühlt sich als eine andere, freiere Person.

Erst als sie sich um die immer schwächer werdende Mutter kümmern muss, kehrt sie nach Zürich zurück und befasst sich mit der Vergangenheit. Sie trifft die Frau des unterdessen verstorbenen Sip und erhält einen Brief von Vik aus dem Altersheim. Die körperliche Nähe lässt die Mutter-Tochter-Beziehung inniger werden, wie in einem Zitat aus Else Lasker-Schülers Gedicht «Versöhnung»: «Wir wollen uns versöhnen die Nacht, wenn wir uns herzen, sterben wir nicht». Plötzlich erzählt auch die Mutter, was sie bisher verschwiegen hatte.

Der Vater und Ehemann, der Zigaretten kaufen geht und für immer aus dem Leben seiner Familie verschwindet – ein Klassiker, wie die Erzählerin selbst bemerkt – erfährt in der Schweizer Literatur gerade eine Neubelebung in verschiedenen Varianten, man denke nur an die kürzlich erschienenen Bücher von Peter Stamm und Lukas Bärfuss. Esther Spinner erzählt die Geschichte auf originelle Weise aus der Sicht der unterdessen fast sechzigjährigen Tochter, die sich an ihre Kindheit erinnert. Dabei interessiert weniger die Frage, was damals wirklich geschah, als die einfühlsame Beschreibung einer Generation. Die im Arbeitermilieu aufgewachsene Lilli, der durch Heirat der soziale Aufstieg gelang, hält bis ins hohe Alter an der Fassade einer perfekten Erscheinung fest. Die Erzählerin überzeugt mit genauen Alltagsbeschreibungen des Lebens im Zürich der 50er- und 60er-Jahre und im heutigen Rom. Wie die Zürcher Hausangestellte abends ihren BH auszieht oder wie ein Römer Polizist den nach einem Raubüberfall liegengelassenen Geldspielautomaten in die Seite tritt «wie um zu überprüfen, ob er noch lebt» – solche Beobachtungen liest man mit Genuss. Mehr noch als die Familiengeschichte und die Versöhnung von Mutter und Tochter angesichts des nahenden Todes (ebenfalls ein Klassiker) berührt die Erkenntnis, dass sich keine Sehnsucht je ganz erfüllen kann und wir immer an unseren Träumen vorbeileben – ja, dass gerade dies unsere Existenz ausmacht. Sophie findet ein Spiel ihrer Kindheit wieder, das Onkel Sip ihr einst in Rimini gekauft hatte: Es geht wie beim Bocciaspiel darum, farbige Scheiben so zu werfen, dass sie möglichst nahe bei einer kleineren Scheibe zu liegen kommen. In diesem Spiel sieht die Erzählerin ein Symbol für das Leben, das aus mehr oder weniger gelungenen Annäherungsversuchen an ein Ideal besteht:

Alles verpasst, denke ich, nirgendwo hingekommen. Keine grosse Liebe, keine richtige, wichtige Übersetzerin, nicht Schweizerin, nicht Römerin, keine gute Tochter und erst recht keine Mutter. Alles verpasst. Doch das Rimini-Spiel steht auch für das Kinderglück, den Sand unter den Füssen, den Blick aufs Meer hinaus, das Klatschen der farbigen Scheiben auf dem nassen Sand. Alles verpasst und alles erlebt.

In Alles war wird das Rimini-Spiel zum Sinnbild für die fragile Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit, aber auch für die Möglichkeit, Verpasstes doch noch erlebbar zu machen – und damit für die schwindelerregende Macht der Literatur.