Knochenlieder

Martina Clavadetscher

Sie heißen Familie Blau, Weiß, Rot, Grün, sie leben abgeschottet in ihrer Siedlung, sie befolgen die Regeln. Fortpflanzung und Natur stehen weit oben auf der Normenliste. Weil sich bei Regina und Jakob Grün jedoch kein Nachwuchs einstellen will, helfen sie nach, im Geheimen natürlich. Solches Handeln ist verpönt, und Geheimnisse gibt es nicht. Rosa tritt mit einem Fluch belegt ins Leben. Das neugierige Mädchen, das im gewitzten Fredy Blau einen Gefährten findet, wird bald schon von der Strafe eingeholt.

Knochenlieder erzählt die Geschichte der Familien Grün und Blau über rund sechs Jahrzehnte, beginnend um 2020. Wenn im ersten Teil das Leben in der Siedlung im Mittelpunkt steht, spielt der Roman im zweiten Teil und gut zwanzig Jahre später in einer überwachten Stadt, die nur noch den Ausnahmezustand kennt. Hier lebt Pippa, zusammen mit einem widerlichen Vater, von dem sie sich dringend befreien will. Ihre Fähigkeiten als Hackerin sollen ihr dabei behilflich sein. Im dritten Teil macht sich Pippa auf die Suche nach ihrer Mutter und findet Rosa, die ihr Geschichten von früher erzählt, auch jene von Fredy, dem einzigen Menschen, den sie wirklich geliebt hat.

Martina Clavadetscher legt mit ihrem zweiten Roman eine bitterböse Zukunftsge schichte vor, in die sie geschickt verschiedene Märchenmotive einflicht. Eine knappe Sprache und schnelle Dialoge prägen den Text. Knochenlieder ist ein harter Roman, unterlegt von tiefer Menschlichkeit.

(Buchpräsentation edition bücherlese)

Böses Märchen

par Beat Mazenauer

Publié le 12/06/2017

Was ist zu tun, wenn jegliche Ordnung verloren geht und alle gegen alle kämpfen? Vier Familien suchen einen Ausweg, indem sie sich in die Berge zurückziehen und hier eine Subsistenzgemeinschaft gründen. Mit dem urbanen Leben lassen sie auch ihre alten Namen hinter sich und nennen sich fortan nur noch Familie Weiss, Blau, Rot oder Grün. Letzterer gilt die besondere Aufmerksamkeit der Autorin Martina Clavadetscher. Sie widmet den drei Frauen Regina Grün, ihrer Tochter Rosa und deren Tochter Rosemarie je ein Kapitel ihres Romans.

In der Abgeschiedenheit der Berge versucht sich Regina Grün mit ihrem Mann und den andren drei Familien aus dem Bürgerkrieg in den Städten herauszuhalten. Einzig über einen kleinen Laden im nächstgelegenen Dorf halten sie Kontakt mit der Aussenwelt. Dennoch gelingt die Abschottung nur notdürftig. Zum einen ist die kleine Gemeinschaft nicht frei von kleinlichen Händeln untereinander, zum zweiten fordert die Regierung Tribut, indem der junge Fredy Blau ins Militär eingezogen wird. Allen Warnungen zum Trotz sehnt sich auch Rosa nach der Welt draussen. Sie will jene Musik hören, die aus dem Radio im Dorfladen erklingt.

Im zweiten Teil, der Jahrzehnte später in der von Unruhen und Bürgerkrieg heimgesuchten Stadt spielt, ist Rosa ein zweites Mal abgehauen, nach Übersee. Ihre Tochter Rosemarie alias Pippa hat sie zurückgelassen. Über einen Security Hack versucht nun auch Pippa, aus der Zone der inneren und äusseren Verwüstung zu entkommen. Ihr Stiefvater ist eine menschliche Larve: eine «inefficient human resource». Und unter Gleichgesinnten findet sie nur wenig menschliche Wärme. Pippa spürt einzig gegenüber ihrer rätselhaften Freundin, dem «Schwarzweissen», eine tiefere Zuneigung. Im kürzeren dritten Teil schliesslich ist Pippa die Flucht gelungen, und sie hat ihre Mutter Rosa wieder gefunden. Doch es bleibt vieles ungesagt zwischen den beiden Frauen. Erst eine Flöte aus Knochen – Überreste des ermordeten Fredy Blau – erzählt ihnen die Vergangenheit.

«In Märchen rast die Gerechtigkeit
über einen gnadenlosen Grat.»

Für ihre Geschichte, die Alptraum und Idyll miteinander verbindet, hat Martina Clavadetscher ein sehr eigenwilliges Format gefunden. Der Text mäandert in kurzen, flatterhaften Zeilen, die mitunter bloss ein zwei Worte umfassen, über die Seiten hin. Innere Rede und Dialoge werden mit Bindestrichen und Einrückung angezeigt. So entsteht ein sehr spezieller erzählerischer Rhythmus, der dem Roman seinen Stempel aufdrückt. Sowohl das vermeintliche Idyll in den Bergen wie die verheerende urbane Bürgerkriegszone werden gleichsam aus der Realität herausgehoben und prophetisch verfremdet. Ein ideales Leben gibt es nicht. In den Bergen schwelt eine friedliche, zugleich bedrückende Enge, während in der Stadt trotz lückenloser Überwachung zahlreiche Glücksversprechen blinken. Und als fernes Ziel lockt «Übersee», eine paradiesische Illusion und Heimat aller friedliebenden Sehnsüchte.

Knochenlieder ist Sciencefiction und Märchen zugleich, ohne in den Grenzen dieser unterschiedlichen Genres gefangen zu bleiben. Auf der einen Seite spielt die Autorin mit «archaisch» anmutenden Elementen und Konstellationen, auf der anderen Seite wuchert sie mit einem technologischen Slang, der bedrückend und düster klingt. Beide Elemente bleiben jedoch ganz auf die Erzählung selbst fokussiert, es wird nichts darüber hinaus beschrieben und erklärt.
Hier die alte vollständig analoge Welt ohne Technik, da die digitale Sphäre mit ihrer Totalüberwachung, der sich durch einen gewieften Umgang mit Algorithmen entkommen lässt. «Analog ist immer noch am sichersten» gilt in Pippas Hackerkreisen als Losung – bis sie merkt: «Eben nicht!» Analog ist sicherer, gerade weil das Analoge eine Schwachstelle bildet. Mit ganz trivialen Mitteln verschafft sich Pippa Zugang zu einem hochgesicherten Netzwerk.

Der flattrige, lyrische Satzspiegel hält die Gegensätze zusammen und verleiht dem Buch etwas ausgesprochen Luftiges und zugleich Bedrohliches. Die Menschen reden in Andeutungen, es bleibt vieles ungesagt, um ja keine falschen Signale auszusenden. Das allgemeine Misstrauen zwingt die Menschen zu Dreiergruppen zusammen, beispielsweise bei den patrouillierenden Soldaten. Nur Pippa zieht sich mit dem Schwarzweissen in die Intimität eines geschützten Zimmers zurück, was stets auch Argwohn erregt.

Hin und wieder schleichen sich kleine Manierismen in Martina Clavadetschers Text ein, welche das stilistische Experiment etwas allzu sehr ausreizen und seiner rätselhaften Klarheit einen leicht gekünstelten Anstrich verleihen. Aber das sind Ausnahmen in dieser erstaunlich stimmigen, trotz der Leerstellen jederzeit kompakten Vision einer Welt, die die Zukunft in den Blick nimmt, ohne sich auf Prophetien einzulassen. Knochenlieder ist letztlich eine ganz und gar literarische Welt, in der latente reale Bedrohungen rein erzählerisch und ausgesprochen bildkräftig aufgehoben sind.