Seit ich fort bin

Henriette Vásárhelyi

Mirjam packt ihren Koffer, um zur Hochzeit ihres Bruders in ihre Heimatstadt zu fahren. Hier werden Erinnerungen an ihre Kindheit und Teenagertage wach, an ihre Freundin Anis, die sie verlassen hat, an ihren ersten Freund Driew, mit dem sie ans Schwarze Meer gefahren ist. Doch die Erinnerungen haben sich mit ihr verändert, auch wenn sie Antworten in Tagebüchern und auf Fotos findet. Und wenn sie die Hoheit über ihre Geschichten aufgibt? Henriette Vásárhelyi greift in ihrem zweiten Buch die Fäden der Erinnerung auf, Fäden, die miteinander verwoben sind, von denen manche enden, während andere sich in die Zukunft weiterspinnen.

(Buchpräsentation Dörlemann)

Zur Epikerin gereift. Henriette Vásárhelyis zweiter Roman «Seit ich fort bin»

par Daniel Rothenbühler

Publié le 03/04/2017

Weggehen, fort sein, das ist ein Grundmotiv in Henriette Vásárhelyis Leben und in ihrem bisherigen Werk. Geboren in Berlin, aufgewachsen im ostdeutschen Mecklenburg, lebt sie heute im bernischen Seeland. immeer, ihr erster Roman, der mehrfach ausgezeichnet wurde, erzählt vom Bemühen einer jungen Frau, mit dem Tod eines nahen Menschen fertig zu werden, von der Notwendigkeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, und von der Dringlichkeit, sie im fortwährenden Erinnern zu bewahren. Der zweite Roman Seit ich fort bin greift all diese Motive wieder auf, erweitert und vertieft sie aber um eine historische Dimension: das Verschwinden der DDR und ihr Fortdauern in den Köpfen, Haltungen und Beziehungen der Menschen, die in ihr aufgewachsen sind.

Und zugleich wagt dieser Roman es mehr als der erste, die Gegenwart des Erzählens und die erinnerte Vergangenheit fast übergangslos ineinander übergehen zu lassen, während immeer die beiden Ebenen noch etwas zu deutlich voneinander schied. Gut tut dem neuen Roman auch, dass die Autorin nicht mehr versucht, die Präsenz des Erzählten durch den Gebrauch des sprachlichen Präsens zu suggerieren. Sie erzählt nun in der Vergangenheitsform, und das gibt dem Erzählten eine Dringlichkeit des Erinnerns, die im ersten Roman aufgrund des fortdauernden Präsens eher behauptet als gestaltend erfahrbar gemacht wurde. Kurz: In diesem zweiten Roman zeigt sich diese Autorin zur Epikerin gereift.

Blick in den Rückspiegel

In einer furiosen Fuge zeigt die Erzählerin zu Beginn des Romans, wie sie in immer neuen Anläufen den Koffer packt und dabei selbst gepackt wir von dinglich Erinnertem. Es quillt im selben Mass hervor, wie es weggestopft wird: «Ich packte den Koffer. Ich packte und packte. Ich nahm mit. Mich packte der Koffer: die vielen Dinge, die aus ihm hervorquollen und mich begleiten wollten.» Und das wird im weiteren Verlauf des Romans immer wieder geschehen: Die Erzählerin lässt sich von den Erinnerungen packen und wir uns mit ihr. Die Pack-Fuge zu Beginn erinnert so wie der ganze Roman an eine musikalische Fuge, die im scheinbar raschen Voranschreiten eigentlich immer auf demselben insistiert, aber in einer Mehrstimmig- bzw. -schichtigkeit, die das Insistente ausweitet und intensiviert.

Im ersten Roman Vásárhelyis stand das hilflose Aus- und Einpacken der Habe eines Verstorbenen für den Versuch der Erzählerin, sich von der Vergangenheit zu lösen und sie zugleich zu bewahren. Das setzt Mirjam, die Erzählerin dieses zweiten Romans, mit ihrem Packen fort, aber nun gilt dieser Versuch nicht mehr nur ihrer verstorbenen Kinder- und Jugendfreundin Anis, sondern dem Leben ihrer Generation: «Wohin sollen wir blicken? Nach vorn oder zurück? Sich erinnern heisst zurückbleiben? Und nach vorn leben?» Mirjam und ihre noch lebenden Freunde, aber auch die ältere Generation mit DDR-Vergangenheit, erinnern so an den Engel der Geschichte, wie Walter Benjamin ihn 1940, inspiriert durch ein Bild Paul Klees, kurz vor seinem Tod beschrieben hat:

Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Für Frau Černá, Mirjams Nachbarin in Prag, ist Heimat «der immerwährende Blick in den Rückspiegel, im Blick die verlassene Vergleichsgesellschaft am fernen Ort bei abnehmendem oder zunehmendem Licht.» Und Luminiţa (in deutscher Aussprache Luminitza), Mirjams neue Schwägerin aus Rumänien, verdeutlicht, was die Ostdeutschen und andere Menschen im ehemaligen Ostblock gemeinsam haben: Sie «erinnern sich ja gar nicht an eine gemeinsame DDR-Erfahrung, gemeinsam ist ihnen doch das Wegbrechen der DDR. Der Verlust der Heimat, obwohl wir zu Hause blieben.» In dieses Zuhause, das für sie keine Heimat mehr ist, fährt Mirjam aus ihrem neuen Wohn- und Arbeitsort Prag zurück zur Hochzeit ihres jüngeren Bruder Karl mit Luminiţa, und dabei sieht sich immer wieder in ihre Vergangenheit zurückversetzt, ihre Kindheit in der DDR und ihre Freundschaft mit Anis, die mit ihrer Mutter in den Westen ging und sich, schon länger zurückgekehrt nach dem Mauerfall, umgebracht hat, so wie zuvor schon ihre Mutter.

Wie die Verlusterfahrungen, die kollektiven und die individuellen, miteinander verbunden sind, braucht der Roman nicht zu klären. Entscheidend ist vielmehr Mirjams Gefühl der Ohnmacht sowohl den historischen wie den persönlichen Ereignissen gegenüber. Beide lassen sie Geschichte als etwas erleben, das sich hinter ihrem Rücken zu einer Realität fügt, mit der sie fertig werden muss, ob sie sie versteht und akzeptiert oder nicht.

Überlappung vieler Geschichten

Das erlebt sie auch in ihrer unerwarteten Schwangerschaft, durch die sie sich mit Obren, dem wahrscheinlichen Vater des künftigen Kindes, verbunden sieht. Der letzte Satz des Romans lautet: «Wir müssen.» Und das gilt nicht nur für die Heirat mit Obren, der sich zur Zeit des Kosovo-Krieges vom Westen zur Fahnenflucht aus Serbien in die EU ermuntert sah und nun von dieser in sein Heimatland abgeschoben zu werden droht. «Wir müssen» wird uns in diesem Roman als Grunderfahrung einer ganzen Generation vor Augen geführt, für die schon zur Zeit der DDR und erst recht danach, Zukunft nichts mehr war «als das unablässige Voranschreiten der Zeit, die unter Drogeneinfluss oft wesentlich zäher vorankam.»

Als eine mögliche Perspektive in der scheinbar hilf- und aussichtslosen Trauer erscheint Mirjam das postkoloniale Geschichtsverständnis der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie. Wie Henriette Vásárhelyi ist Adichie 1977 geboren, wie sie hat sie eine Heimat verlassen, die sie schon zuvor nur in der Gespaltenheit eines Sowohl-als-auch erleben konnte. In ihrem TED-Talk The danger of a single story postuliert Achidie deshalb ein Geschichtsverständnis, das persönliche und historische Gegebenheiten nicht auf eine einzige und einfache Geschichte reduziert, sondern als Ergebnis der Überlappung vieler Geschichten.

Und eben diesem Postulat kommt Vásárhelyi zweiter Roman auf überzeugende und packende Weise nach, so dass sich die Trauer über unverarbeitete Verluste mischt mit der Erfahrung unzerstörbarer menschlicher Beziehungen und fortdauernd beglückender Landschaften:

Die frisch geschnittenen Kopfweiden, die links und rechts der Ackergräben standen, erinnerten mich an den immerwährenden Sommerwind, an heisse Sommertage auf Rügen, an die Brombeerhecken, in denen wir nackt standen und die saftigen Früchte gedankenlos kauten, deren Saft uns unter die Fingernägel lief, an Insektensurren in den Hecken und dahinter das Rascheln und Schlagen der Pferdeschweife auf der Koppel.