Direkte Rede

Felix Philipp Ingold

Mit dem Fürwort «ich» behauptet sich der Sprecher als erste Person in der Einzahl. Das Wort steht für Individualität, Subjektivität, Unverwechselbarkeit. Dennoch ist es im Sprachgebrauch ein mehrdeutiges Wort, eine Art Joker, der sich versetzen lässt, je nachdem, in welcher Redeperspektive er gebraucht wird - ob im Gespräch, in einem Zitat, in einer Rollenprosa, auf der Bühne oder «im Namen» einer höheren Instanz. Die vorliegenden Erzähltexte sind als ein literarisches Experiment angelegt, das die Rhetorik des «Ich»-Sagens auf ihre Möglichkeiten und auf ihre Grenzen hin prüfen soll. In LXXVII Monologen kommen 77 imaginäre Gestalten zu Wort, monster-, gespenster-, engelhafte Wesen, aber auch Objekte aus der Dingwelt, die allesamt bedenkenlos und ungeniert «ich» sagen, obwohl sie über kein souveränes «Ich» verfügen - sie sprechen nach dem Diktat des Autors und sie sagen «ich» gemäß der Rolle, die sie zu spielen haben. Ob und wie das geht, zeigen die hier dokumentierten «Selbstversuche», bei denen nicht nur eine «Angstselige», ein «Zwillinger» und ein «Ladenhüter», sondern auch ein «Odradek» und selbst der Schreibtisch des Verfassers in der ersten Person der Einzahl zu Wort kommen.

(Buchpräsentation Passagen-Verlag)

Atypische Sprechkultur

par Florian Bissig

Publié le 21/02/2017

Seit Wochen liegt Felix Philipp Ingolds Band Direkte Rede da und sagt nichts. Zwischenzeitlich erscheint ein scharfzüngiger Essay des Dichters und Kritikers in der NZZ. Gegen die Sprachverluderung im Allgemeinen und gegen die «mehrheitsfähige Gegenwartsbelletristik» im Besonderen. Letztere ist für Ingold von spärlich verschleierten «Selbstzeugnissen» dominiert, welche die Alltagssprache als Literatursprache praktizierten.

Die Stillosigkeit werde im gegenwärtigen Literaturbetrieb zum Prinzip erhoben, klagt er. Etwas widersprüchlich, denn zugleich hält er fest, ein «platter literarischer Kollektivstil» habe sich herausgebildet, während ausgeprägte Personalstile rar geworden seien. Ingold dagegen verlangt, Literatur «als Kunst» müsse sich von der Alltagssprache emanzipieren und merklich abheben. Sie habe auf das Sagen selbst zu achten, statt bloss im Dienst des Gesagten zu stehen. Nur so könne sie einen ihr eigenen Wirkungsraum erschliessen.

Da liegt es nun nahe, Ingolds jüngste Buchpublikation mit Blick auf diese poetischen Postulate ansehen. Und siehe da, jetzt spricht Direkte Rede zu uns. Die LXXVII Selbstversuche des Untertitels sind ganz wörtlich zu nehmen, als Selbst-Versuche. Es sind kleine Essays von Selbsten, und der Versuchscharakter besteht darin, dass die 77 Ichs, die hier sprechen, nicht dem entsprechen, was man sich üblicherweise als plausiblen Urheber einer Ich-Rede vorstellt. Alphabetisch geordnet erheben «der Anfänger», «das Fischweib», «der Templer», «die Zauderin» und Dutzende anderer Sprecherinnen und Sprecher das Wort. Sie alle reden nur von sich. Sie erklären und präsentieren sich sie klagen und echauffieren sich, sie philosophieren und deklamieren. Und stets tun sie es mit viel rhetorischem Geschick. Die «Erfahrungsgesättigte» spricht etwa wie folgt:

Aber die Wirkung! So gut wie keine. Meine Erfahrungen – all die vielen Reisen, Beziehungen, Rekorde, Lektüren, Niederlagen, Leerläufe – sind offenbar nur für mich selbst gut und gelten sonst nichts. Oder würde ich aus den Erfahrungen meiner Nichte oder meines Enkels lernen wollen! Und wo sind die Götter, deren Verbrechen und Siege einst vorbildlich waren? Wo sind sie geblieben, die nie nicht Unrecht hatten! Und was ist aus den Wolken und Kondensstreifen von gestern geworden? Nichts davon hat heute noch Bestand und Bedeutung.

Man versteht jetzt: Die Sprache, die Diktion, die Reflexionsfähigkeit, mit der hier alles Mögliche und Unmögliche in der Ich-Form redet, sind emanzipiert von jedem denkbaren alltagssprachlichen Umfeld dieser angeblichen «Selbste». Auf scheinbar krudeste Weise wird dies an einem materiellen Gegenstand vorexerziert, unter Ziffer IL «Der Schreibtisch». Ein Tisch redet in Wirklichkeit nicht, und so kann ihm auch literarisch nicht nach dem Mund geredet werden. Es muss eine künstliche Sprache geschaffen werden, die ganz Leistung des Autors ist. Freilich ist es kein Zufall, dass es nicht eine Nähmaschine, sondern ein Schreibtisch ist, verweist er doch auf den Autor, der, an ihm sitzend, ihm die Sprache verliehen hat.

Nicht nur Gegenstände, auch menschliche Figuren sprechen in Ingolds Buch in einer demonstrativ künstlichen Sprache und Diktion. Da gibt es etwa den «Seeräuberhauptmann», der mit Zeitformen jongliert, der sich seinen eigenen Metaphern entlang hangelt, und der seine Lebensweisheiten auf Latein von sich gibt. Doch die Sprecher sind ohnehin vielmehr Typen denn Charaktere. «Der Beliebige», «der Tagesheld», «der Aufsteiger», «die Unverblümte»: Mit ihnen spielt Ingold ein Spiel, das vorführt, wieweit die Rollenprosa getrieben werden kann, und das zugleich etwas auf etwas hinweist, was die literarische Rollenausgestaltung sonst verschleiert. Diese Stimmen fördern nicht die «Aufhebung des Unglaubens», welche die Fiktion üblicherweise verlangt, sondern tragen ihre Künstlichkeit vor sich her. Auf die Spitze treibt es Ingold, wenn «der Barkeeper» und «die Freudenhaushälterin» stellenweise mit weitgehend identischen Formulierungen über ihr Dasein sinnieren: Ein augenfälliges Selbstplagiat, das den Herstellungsprozess dieser direkten Reden beleuchtet.

Wie weit entfernt von der selbstbezeugenden «mehrheitsfähigen Gegenwartsbelletristik» dieser literarische Text auch immer stehen mag, der Kritiker Ingold lässt zwischen den Zeilen grüssen. So teilt etwa «die Unverblümte» aus: «Käme es auf die Literatur oder auch bloss auf das Literarische an, so könnte ich mit der gegenwärtigen Epoche und ihren Erfordernissen leicht mithalten.»

Ein Schelm wäre hingegen, wer bei «der Atypische» an den Autor denkt. «Ich bin kein Typ, was sollte denn also typisch sein an mir?», empört er sich. Doch mit seiner ambivalenten Hoffnung, alle möchten werden wir er, gerät der Atypische mengentheoretisch in Teufels Küche. Denn dann gäbe es ihn und gäbe es ihn nicht, den Atypischen.

Quod erat demonstrandum: Auch die Ich-Rede, die Rollenprosa, kann sich in radikaler Weise von der Alltagssprache oder vom geschmähten «Kollektivstil» – so es denn so etwas geben sollte – abheben. Für den Fall, dass das noch nicht bekannt war, ist es nun vorgeführt und das literarische Feld damit in eine unzeitgemässe Richtung hin abgesteckt. Schaden kann das nicht.

Note critique

Die LXXVII Selbstversuche im Untertitel von Ingolds Buch Direkte Rede sind ganz wörtlich zu nehmen, als Selbst-Versuche. Es sind kleine Essays von Selbsten, und der Versuchscharakter besteht darin, dass die 77 Ichs, die hier sprechen, nicht dem entsprechen, was man sich üblicherweise als plausiblen Urheber einer Ich-Rede vorstellt. «Der Anfänger», «das Fischweib», «der Templer», «die Zauderin» und Dutzende anderer Sprecherinnen und Sprecher erheben das Wort. Der Dichter und Kritiker Ingold legt uns nahe: Die Sprache, die Diktion, die Reflexionsfähigkeit, mit der hier in der Ich-Form gesprochen wird, sind losgelöst von jedem denkbaren alltagssprachlichen Umfeld dieser angeblichen «Selbste». Mehr Typen als literarische Charaktere, fördern diese Stimmen nicht die «Aufhebung des Unglaubens», welche die Fiktion üblicherweise verlangt, sondern tragen ihre Künstlichkeit vor sich her. (Florian Bissig in Viceversa Literatur 11, 2017)