Hihi – Mein argentinischer Vater

Dieter Zwicky

Vor – im biografischen Sinn – unermesslich vielen Jahren hat Zwickys leiblicher Vater eine konkrete Berufsofferte aus Argentinien ausgeschlagen und mit ihr gleich einen gesamten Lebenskontinent für die Familie. Das Buchprojekt Hihi weint dieser vertanen Chance offenkundig nicht nach; vielmehr lacht es über die ausgekochte Unmöglichkeit, Südamerikanismen als Vaters Leben irgendwie organisch eingewachsene Realitäten mehr als bloss ahnen zu können. Hihi – Mein argentinischer Vater überträgt der Sprache das vielleicht unzumutbare Geschäft, Ungelebtes darzustellen. Ein Vater, den es so nicht gibt, übersiedelt nach Argentinien (und für einen beinahe buchlangen Weekendausflug gleich weiter nach Uruguay) und überantwortet seinen Sohn, den es auch als Autor nicht gibt, der gnadenlosen Freiheit, vom noch unerfundenen Leben in der Pampa (»Prärie«) einigermaßen ausführlich zu berichten. Ist dieses Leben in der Prärie das neue, das wahre, das geschönte, das unverschämte Leben? Ist der Sohn des Höngger Prokuristen mit Fliehkraft bis nach Buenos Aires und Montevideo überhaupt ein geborener Sohn oder ein geborener Autor?

(Buchpräsentation pudelundpinscher)

Der Vater ist ein anderer

par Ruth Gantert

Publié le 07/11/2016

Die Geschichte? «Nun ja, das ist schwer zu verstehen»

Wer von einer Erzählung erwartet, dass sich eine zusammenhängende Geschichte verfolgen lässt, wird schon bald etwas ratlos bei der Lektüre innehalten. Schon beim Titel fangen die Fragen an: Kichert da einer, bevor er spricht? Oder ist «Hihi» der Name des argentinischen Vaters? Auch beim Weiterlesen stellen sich Fragen über Fragen – die Stirn der Leserin wäre eine einzige Falte, würde ein Lächeln oder Lachen sie nicht immer wieder glätten. Wer läse nicht mit Vergnügen von den Vorzügen des mageren Platarinds («Fleischbrühe auf Beinen! Rrhh!») oder erfreute sich nicht am nach roten Beeren süchtigen Namibwiesel, einem «sportlich gebauten, attraktiven, wendigen Kleinreh mit dickem Fell» und «Kopfgesang»?

Immerhin dies: Offenbar ist der Vater des Erzählers nach Argentinien ausgewandert. Dort schläft er, steht auf, isst, singt, lacht, telefoniert, schreibt – es scheint ein speziell lebhafter, energiegeladener Mensch zu sein. Viele Dinge und Handlungen, die genannt werden, bleiben rätselhaft: was hat es mit dem zuckersüssen Saft auf sich, der «Vater die Rasur ersetzt»? «Nun ja, das ist schwer zu verstehen» gibt der Erzähler zu und versucht es gleich nochmals:

Vielleicht so:

Vater riecht nach Fleisch und nach Haar.

Vater lächelt.

Er stinkt ein wenig.

Er lacht laut, hämisch.

Hämisch!

Der doppelte Vater – und die doppelten Kinder

Der argentinische Vater berichtet von seinem Leben, am Telefon und in Briefen. Er skypt vielleicht auch, denn da taucht seine Freundin Alicia im Gesichtsfeld auf – in gelben Unterhosen. Diese Unterhosen zieren übrigens als zweifaches Miniaturbild den Buchumschlag, den Martina von Schulthess wunderschön gestaltet hat.

Der Vater spricht und schreibt nicht nur, er träumt und denkt auch, oder «es denkt», wie bei Rimbaud. Die schrägen Erzählungen des Vaters aus Südamerika erinnern an Henri Michaux, an Titel wie «Je vous écris d’un pays lointain», und am Schluss taucht Juan Carlos Onetti im Text auf, «dieser geistige Irrwisch». Montevideo, die Stadt Onettis, ist ein Schauplatz des Geschehens. Bei einem Wochenend-Ausflug nach Uruguay konsultiert der heisere Vater den Gastroenterologen Dr. Díaz, der ihm unter einem Liguster in den Rachen schaut und ihn schliesslich in die Bar Zorres mit ihren drei Kellnern aus drei verschiedenen Ländern mitnimmt. Dort wird getrunken, erzählt, gesungen. Manchmal fühlt sich der Sohn bemüssigt, direkt in die Geschichten einzugreifen und seine eigene Version einzufügen: Er erzählt von einem anderen Vater, dem Vater seiner Erinnerung, der aus dem Hemmental im Kanton Schaffhausen stammte, aus dem er als junger Mann vor den Eltern flüchtete und erste erotische Erfahrungen machte. Trotzdem beugte er sich dann dem Berufswunsch seines Vaters (des Grossvaters des Erzählers) und wurde Prokurist statt Botaniker, wie es sein Wunsch gewesen wäre.  Angedeutet wird eine schwierige Ehe mit zwei Kindern, ein Zustand der Erschöpfung, und schliesslich das Angebot, als Agrochemiker nach Argentinien auszuwandern. Doch folgte er dem Angebot wirklich? Nach einem Ehekrach war das «Thema abgehakt».  –

Nicht nur den Vater, auch den Sohn gibt es in zwei Versionen: Da ist Paolo, der begabte Radrennfahrer, von dem Doktor Díaz spricht, und da ist der «richtige» Sohn, der dem Schwimmen zugetan war, und dessen Name ungenannt bleibt. Schliesslich ist da noch die Schwester des Erzählers Alicia, die blonde Tochter des Vaters. Alicia heisst aber auch des Vaters brünette Freundin in Argentinien. Werden den «realen» Personen etwa ihre «Traumversionen» zur Seite gestellt? Tatsächlich scheint der Erzähler seinen Figuren ein Leben in verwandelter Form, in einer anderen Welt zu gönnen, vielleicht so, wie sie sich selber oder wie andere sie gerne gesehen hätten.

Doppelt treten schliesslich auch die Länder auf:  Urugay erscheint trotz der geografischen Nähe als das Gegenland zu Argentinien (mit manchen auch der Schweiz zugeschriebenen Eigenschaften) und die geneigte Leserin merkt: was völlig chaotisch scheint, hat doch System, oder um es mit Zwicky zu sagen, «die Welt hat eben ihre Muster».

Metaphysische Fragen und deftige Sinnlichkeit

Einzelne Sätze und kurze Abschnitte sind optisch voneinander abgesetzt, wobei die kürzeste Einheit aus drei Buchstaben besteht («Pah!»), die längste aus einer knappen Seite. Der lockere Druck mit den vielen Abständen lässt an Bibelsprüche denken. Und metaphysische Fragen wirft der Text durchaus auf. Das Leben ist «eine Art Hungergefecht», der Tod eine Auflösung.  Eine junge Frau verschwindet, wurde sie Opfer eines Verbrechens oder wurde sie «von der Prärie verschluckt»? Wie fasst man sie als das, «was Seele und Hülle zusammenhält»? Wie in der Bibel sind einige in ihrer Rätselhaftigkeit überzeugende Weisheiten zu lesen wie «Ein Hinterkopf leidet immer an Gefühlsarmut». Neben solchen Sentenzen finden sich aber auch Ausrufe, Gekicher, Fragen, Passagen im Konjunktiv und hier und da vulgäre Ausdrücke.

Ein Buch, auf dessen erster Seite es bereits «duftet», «stinkt» und «riecht», hat eine überaus sinnliche Seite. Man riecht, hört, fühlt, schmeckt und sieht, und dabei geht es recht deftig zu. Herrlich, wie die Gerüche beschrieben werden: Riecht der argentinische Vater «Nach Fleisch und Haar», so roch der der erinnerte Vater «wie ein Bergtal, das erst am späten Nachmittag besonnt wird» oder «nach eingetrocknetem, krumig gewordenen Darkmint-Wrigley».

Kraftvoll und genau evoziert der Erzähler auch die Farben, wobei vor allem gelb und blau eine grosse Rolle spielen. Gelb ist nicht einfach gelb, sondern « tiefgelb», «dunkelgelb», «kürbisgelb» oder «ranziggelb». Gelb sind die Wangen des uruguayischen Bäckers, blau die Waden des erinnerten Vaters, hellblau die Zungen der Platarinder. Warum auch nicht? Schliesslich liest man in der Zeitung von der Blauzungenkrankheit. Dass die Zungen nachts auch noch leuchten, verleiht dem Bild buchstäbliche Strahlkraft. Überhaupt, die Tiere! «Diese eigentümlichen, anders gewickelten Tiere!» Zwar ist auch die Rede von Kühen, Hunden und Rindern, aber die meisten Tiere sind gänzlich unbekannte Wesen, wie die «fanatisierte Riesenheuschrecke» oder das schon genannte Namibwiesel, von dem sporadisch erzählt wird. Sie bezaubern und irritieren, ohne dass man sich mit ihnen identifizieren könnte.  Sie sind «unsäglich fremd» und faszinieren dennoch oder gerade deshalb vorbehaltlos, bringen zum Staunen, Lachen und Nachdenken und werden so zu Figuren von Zwickys Text.

 

 

Note critique

En ouvrant la jolie couverture du livre de Dieter Zwicky, il ne faut pas s’attendre à un récit, dans le sens d’une bonne histoire. Et pourtant, sous l’apparente prolifération sauvage du texte, un motif se dessine: le portrait singulier d’un père réel issu du «Hemmental» suisse, et en écho, son contraire, un père expatrié en Argentine, qui visite l’Urguay, entre interrogations métaphysiques et sensualité savoureuse. De façon précise et envoûtante, le narrateur fait affluer ce que l’on sent, ce que l’on entend, ce que l’on voit, ce que l’on goûte. On ne cesse de rencontrer des animaux étranges, telle cette «belette du Namib accro aux baies». Ils fascinent malgré ou justement à cause de leur «indicible étrangeté», nous étonnent, donnent à rire et à penser, devenant ainsi des figures du texte. (Ruth Gantert in Viceversa Littérature 11, 2017)