Atlas Hotel

Bruno Pellegrino

Als Twentysomething muss man heute die Welt sehen. Ein Einsatz bei einer Hilfsorganisation führt den Erzähler in die Hauptstadt von Madagaskar. Dort erwartet ihn ein Leben abgeschottet in the middle of nowhere, ohne Freundin, ohne Facebook und im Büro wird er bestenfalls zum Kopieren abgestellt. Schockiert von der Armut und dem Chaos im Land stellt er sich bald die Frage, was er eigentlich in Madagaskar verloren hat. Bruno Pellegrino schickt seine Protagonisten ans andere Ende der Welt. Auch die Reise Moskau – Peking – Tokio, diesmal in Zweisamkeit, wird kein reiner Abenteuertrip. Die tagelange Fahrt mit der Transsi birischen Eisenbahn vermag noch in Trance zu versetzen, die asiatischen Metropolen aber erweisen sich als Monster, die das Paar überfordern, schließlich sogar zerreißen. – Ein rückhaltloser, welthaltiger erster Roman!

(Buchpräsentation Rotpunkt)

Tolstoi auf Madagaskar – Bouvier in Peking

par Jörg Hüssy

Publié le 28/11/2016

«Lob der Reiselust» oder «Die Erfahrung der Welt» heissen in der deutschen Übersetzung Bücher von Nicolas Bouvier. Der grosse Schweizer Reiseschriftsteller lässt uns in diesen beiden Werken seine Faszination fürs Unterwegssein erfahren und zeichnet die Reiselust vieler seiner schreibenden Landsleute von Ulrich Bräker bis Ella Maillart nach. Dieser Tradition ist der junge Waadtländer Autor Bruno Pellegrino verpflichtet, der mit Atlas Hotel ein Reisebuch seiner Generation geschrieben hat. Er porträtiert die mit Social Media aufgewachsenen Mittzwanziger, die den Globus als Volontäre und Praktikantinnen erkunden und die weiterhin als Rucksacktouristen mit dem obligaten Lonely Planet unterwegs sind. Genau ein solcher Typ ist die Hauptfigur von Atlas Hotel. Mit einem Praktikum bei einer Hilfsorganisation auf Madagaskar hofft dieser junge Mann seinem Leben Sinn stiften und sich seinen Beziehungsproblemen entziehen zu können, hat er sich doch vorübergehend von seiner langjährigen Freundin getrennt. In der madagassischen Hauptstadt Antananarivo angekommen, merkt er schnell, dass seine Arbeitskraft nicht gebraucht wird. Unvorbereitet auf diese unbefriedigende Situation, hadert der Protagonist mit seinem Schicksal. Dennoch entschliesst er sich zu bleiben und die krisengeschüttelte Insel kennenzulernen. Auf der Suche nach einem Stadtplan trifft er auf Lucie, eine junge Schicksalsgenossin. Fortan sind sie gemeinsam unterwegs und teilen sich auch das Bett. Er gesteht der zwischenzeitlichen Ex-Freundin seine «Untreue» und wird von einer Affäre ihrerseits überrascht. Pellegrino schildert plastisch und sehr präzise den afrikanischen Alltag und die damit einhergehenden Herausforderungen des jungen Mannes. Die Übersetzerin Lydia Dimitrow findet dafür auch im Deutschen eine fliessende, leichte und genaue Sprache.

Im Kapitel «Osten» unternimmt der Protagonist wieder vereint mit seiner Ex-Freundin eine Reise durch Asien. Es ist ein Versuch die Beziehung zu retten, doch ihre Intermezzi stehen ihnen am Ende im Weg. Erste Station ist die überwältigende russische Hauptstadt Moskau. Von dort aus fahren die beiden mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die Weiten Sibiriens und die Mongolei nach Peking. Zum Schluss erwartet sie mit der japanischen Metropole Tokio wiederum eine völlig andere Kultur. Sie trotzen auf der endlos langen Zugfahrt der Langweile und ergeben sich der Faszination fürs Fremde und Neue. Gleichzeitig werden all ihre Erwartungen und Vorstellungen mit einer letztlich banalen Realität konfrontiert. Pellegrino versteht sich wunderbar auf solche Demystifizierungen: Etwa in einer kleinen Szene in der Transsib, als der junge Mann erfahren muss, dass der von ihm idealisierte und so typisch russische Samowar ein «einfacher Wassertank aus angelaufenem Metall mit einem kleinen, roten Plastikhahn» ist.

Bruno Pellegrino gelingt ein starkes Debüt mit seinem Roman Atlas Hotel, der 2015 in Paris als récit (autobiografische Erzählung) unter dem gewagteren Titel Atlas nègre erschienen ist. Dieses titelgebende «nègre» zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Dem ersten Teil, der dem Süden gewidmet ist,  stellt er als Motto die «Élégie des Saudades» des afro-französischen Dichters Léopold Sédar Senghor voran. Mit diesem Verfechter und Vorreiter der «Négritude», der 1960 zum ersten Präsidenten Senegals gewählt wurde, ruft Pellegrino in Erinnerung, dass der Begriff «nègre» von Betroffenen auch positiv besetzt wird. Als der Protagonist später mit Lucie eine Schule besucht, taucht das Wort «nègre» wieder auf. Die Kinder müssen von der Wandtafel Zeilen aus einer Erzählung von Tolstoi abschreiben, in denen das Hündchen Bulka mit einem Mohren verglichen wird. Gänzlich ohne Kommentar wird diese fragwürdige Schulszene erzählt: Doch was hat Tolstois Bulka in Madagaskar verloren, was soll dieser Vergleich? Bewusst wird der Leser mit diesen Fragen alleine gelassen. Im zweiten, dem Osten gewidmetem Teil, greift der Protagonist auf einen Gedichtband eines madagassischen Autors zurück, in dem von einem «Glaser-Neger» die Sprache ist: «strotzend vor Kraft wie Atlas/trägt er die sieben Himmel auf seinem Kopf.» Darauf folgt ein kleiner Exkurs über das Wort Neger, das ein «schönes Wort ist, das weit und angenehm klingt, in dem als Echo noch der spanische Ursprung mitschwingt […], das man nicht mehr hören und schon gar nicht aussprechen kann, ohne dass sich etwas in einem zusammenzieht.» In einer gekonnten Beiläufigkeit setzt sich Pellegrino mit Rassismus, Kolonialismus und afrikanischem Selbstbewusstsein auseinander. Überhaupt weiss er subtil Referenzen und Anspielungen in den Text einzuflechten: So taucht in einer Pekinger Jugendherberge neben schwedischen Krimis und einem Roman von Jane Austen ein zerfleddertes Exemplar von Bouviers wichtigem Werk «Der Skorpionsfisch» auf.