Bärenlieder

Heinz Stalder

Im grossen ostfinnischen Wald, gleichsam unter dem Polarstern, leben sie als entfernte Nachbarn: Der Waldbauer, Kriegsveteran und Bootsbauer Tapio; die sehr jung verwitwete Eeva und Mutter von sieben längst erwachsenen Kindern; der Seemann Matti; der renommierte Musikwissenschaftler Jukka; der Jäger, pensionierte Taxifahrer, begnadete Geschichtenerzähler und mit unzähligen Trophäen eingedeckte Sportschütze Jussi.

Im Winter ziehen sie ihre Pelzmützen tief über die Ohren, und der Frost legt sich auf ihre Lippen. Kurz nach Mitsommer aber kommen sie alle bei der Jagdhütte am geheimnisvollen Elfensee zum Reden und Zuhören zusammen. Über einem offenen Feuer kochen in wenig Wasser, viel gesalzener Butter, Kartoffeln, Zwiebeln, verschwiegenen Gewürzen die Kleinen Maränen, eine Delikatesse aus ihren Seen. Bei ihrer legendären Fischsuppe, Roggenbrot, alkoholfreiem Hausbier, Kaffee und Gebäck retten sie ihre immer wieder nacherzählten Geschichten und Erinnerungen in die am Elfensee nicht minder mystische Gegenwart, in der ihr Leben von Bären, Prachttauchern, Singschwänen, Nachtigallen, Hechten, Elchen, vom Kuckuck, von Waldfeen, Trollen, Erdgeistern, Wunder wirkenden Pflanzen, absurden Gesetzen, Sorgen wegen der Abwanderung ihrer Kinder und Enkel geprägt wird.

Ein Roman aus dem heutigen Finnland, nach vielen sommerlichen Maränensuppen aufgezeichnet von einem Schweizer Schriftsteller und Anrainer des Elfensees.

(Buchpräsentation Pro Libro)

Geschichten erzählen

par Beat Mazenauer

Publié le 09/08/2016

Mittsommer ist in den nordischen Ländern das grosse Fest des Jahres. Die Sonne steht im Zenit und will auch Nachts kaum mehr untergehen. In einer verwunschenen Ecke Ostfinnlands, die abseits der Städte liegt und über unbefestigte Strassen erreichbar ist, treffen sich die Bewohner der entlegenen Dörfer und Gehöfte an diesem Tag zu Rantakala, der traditionellen Fischsuppe. Gesalzene Butter, Kartoffeln, Zwieben und vor allem die köstlichen kleinen Maränen, die es nur in den hiesigen Seen gibt, geben der Suppe ihr unverwechselbares Gepräge.

In seinem Roman versammelt Heinz Stalder ein paar Nachbarn, die das Beisammensein nutzen, um sich Geschichten zuzuwerfen, Anekdoten auszutauschen, von Trollen und Nebelfeen zu tuscheln und sich an die Kinderjahre zu erinnern. Jussi, Tapio, Jukka, Raili, Eeva und wie sie heissen bilden eine vertraute Gruppe, die sich gut zu necken versteht und sich daran hält, dass an Mittsommer nicht mit Politik in die Suppe gespuckt wird. Sie enthalten sich auch des Alkohols, denn das Erzählen und Berichten kommt ganz von selbst. Die Natur ist ihnen dabei ebenso nah wie das legendäre finnische Kalevala-Epos, auf dessen Geschichtenschatz sie sich beim Erzählen gerne berufen. Realität und Mythos wirbeln durcheinander, wie es sich für finnische Bärenlieder gebührt, die von «naturverbundenen Gefühlen und Hoffnungen, von sphärisch-mystischen Orten, Tieren und gelegentlich auch Menschen» berichten.

So geht die Rede hin und her, Tapio ruft den grossen Krieg in Erinnerung, aus dem er eine russische Kugel in der Schulter mitträgt, seine Frau Aino verschliesst ihm zwischendurch den Mund. Jukka schwärmt von der Musik, Jussi flunkert und munkelt Jagd- und andere Mären. Das Wirtschaftswunder ist auch hier im Osten Finnlands längst verblasst, und Nokia ist für den Freundeskreis wieder, was es ursprünglich war, ein Hersteller für Gummigaloschen. Auf Mobilgeräte will dennoch niemand verzichten, auch wenn sie an Mittsommer verpönt sind.

Je länger geplaudert und gesungen wird, umso mehr wird spürbar, wie das Mittsommerfest den Zenit überschreitet und der Jahreslauf sich wieder gegen den Herbst neigt. Die betagten Erzähler und Erzählerinnen geniessen diesen Kippmoment im Kalenderjahr in banger Vorahnung vor dem nächsten Winter. «Mir graust von Jahr zu Jahr mehr vor den dunkeln Monaten», ruft Aino aus. In die Erzählungen nistet sich so ein melancholischer Zug ein.

Heinz Stalder kennt Land und Leute in dieser ostfinnischen Abgeschiedenheit. Sich selbst charakterisierte er schon 2010 im Buch 1001 See. Finnische Mythen und Momente wie folgt: «seit über vierzig Jahren im Sommer Wahl-Finne am Iso Vehkajärvi in der ostfinnischen Gemeinde Kerimäki». So kennt er auch jene Stimmung, die an diesem Sommerabend nur einmal kurze Erwähnung findet: «Sisu».

«Sisu» ist ein Wort für die finnische Mentalität, die sich vielleicht mit trotziger Unerbittlichkeit umschreiben liesse. Wie bleibt man am Leben und bei Laune, wenn es alljährlich einen langen, dunklen Winter zu überstehen gilt? Sisu ist auch mitverantwortlich dafür, dass den Finnen «das Wort nicht selten auf der Zunge kleben bleibt», wie es in 1001 See heisst.

Die Senioren beim Rantakala wissen, dass mit ihnen die eigene Geschichte verloren zu gehen droht. «Nichts repräsentiert den Verlust der Wurzeln besser als die Suche nach dem Gerümpel, der schon in unserer Jugend nicht mehr gebraucht wurde» – also alle die alltäglichen Dinge von früher, die heute noch als Blumentrog oder Fensterdekoration dienen. Die Jungen fehlen nicht bloss in diesen Erzählungen, sie sind längst aus der Gegend weggezogen und kommen bestenfalls im Sommer zu Besuch.

Das ist hier behutsam und in aller Gemächlichkeit festgehalten. Heinz Stalder treibt weder sich als Autor noch seine Figuren zur Hetze an. Alle diese Geschichten: «Wir erzählen sie einander weiter und jeder macht bloss eine Kerbe in irgendeinen beständigen Balken» zum Zeichen ihrer luftigen Präsenz. Heinz Stalder aber hat zugehört und sie aufgeschrieben. So tröstet er sich mit Aino, Tapio, Jussi und den anderen darüber hinweg, dass Mittsommer auch dieses Jahr schon wieder vorüber ist.