Fremdgehen

Lisa Elsässer

Er ist als Gastdozent in einer europäischen Metropole, sie lebt in der Pampa, von Bergen umgeben. Nur einmal haben sich ihre Wege zufällig gekreuzt, aber irgendetwas muss aus dem «freundlichen Dunkel seiner Augen» übergesprungen sein, denn sie beginnen, sich zu schreiben. Aus E-Mails werden Briefe, werden langsam Liebesbriefe. Die Liebe verleiht Flügel, aber stürzt die Schreibenden, beide gebunden, auch in einen großen Zwiespalt. Was halten sie, was hält so eine Ehe aus?

Lisa Elsässer erweist sich wieder einmal als «Spezialistin für Lebensbrüche». Mit Poesie, Sprachwitz und frappierenden Bildern verbindet sie in ihrem ersten Roman Innigkeit mit Schonungslosigkeit. Fremdgehen wagt sich in die sonst dem Schweigen unterliegenden Lügengebäude von Liebesbeziehungen vor, legt Ängste frei: vor Verrat, vor dem, was werden soll, und nicht zuletzt vor dem gesellschaftlichen Abseits. Manchmal, so stellt sich heraus, ist es doch besser, den Zug in die falsche Richtung zu nehmen.

(Buchpräsentation Rotpunktverlag)

Noch einmal durch alle Strudel hindurch. Lisa Elsässers Liebesroman «Fremdgehen»

par Daniel Rothenbühler

Publié le 31/10/2016

In einer Zeit, die Fremdgehen mit Speed-Datings, Pick-Ups und One-Night-Stands, kurz: mit sprachlosen Sexkontakten gleichsetzt, lässt Lisa Elsässer zwei durch und durch sprachbesessene Menschen aufeinander zu- und in mehrfachem Sinne miteinander «fremd» gehen.

Julia hat die Wechseljahre ebenso hinter sich wie den Trubel der Kindererziehung  und das Herzklopfen des Ehelebens. Sie hat nach dem Erwachsenwerden der Kinder ihre Arbeit als Buchhändlerin nicht wieder aufgenommen, arbeitet nun als Lektorin und angehende Autorin und begeistert sich bei einer Tagung über Thomas Bernhards Kalkwerk für einen der Referenten, Lino, einen «einsamen Wolf», Literaturwissenschaftler, Dozent und Übersetzer. So beginnt ein E-Mail-Verkehr mit ihm, und dieser wird beiden bald zum täglichen Bedürfnis, bis die beiden Schreibenden merken, dass sie sich nicht nur in ihr wechselseitiges Schreiben, sondern auch ineinander verliebt haben. «Es war ihnen passiert, wie den Bäumen im Frühjahr die Blätter, im Sommer die Früchte, im Herbst die Farben passieren. Ganz natürlich. Nur kamen die Bäume nicht auf andere, verrückte Ideen.» So sieht Julia es im Rückblick, als sie bei einer (vorübergehenden) Trennung von Lino versucht, Distanz zum (scheinbar) Vergangenen gewinnen, das heisst die Chronologie der Ereignisse herzustellen und die «verrückten Ideen» zu ordnen.

Festhalten am scheiternden Versuch

Dass dieser Versuch der objektivierenden Distanzierung scheitern wird und Julia sich nicht aus ihrer Situation der doppelten Bindung befreit, erfahren wir erst im weiteren Verlauf der Aufzeichnungen. Aber gerade ihr fortlaufendes Festhalten am scheiternden Versuch macht die Lektüre spannend. Der Wechsel zwischen der rückblickenden Erzählung und den eingeschobenen E-Mail-Texten gibt dem Lesen einen bewegten Rhythmus mit variierenden Tempi, vom Prestissimo übers Vivace und Andante bis zum Adagio, Largo und Grave. Neben diesem Rhythmuswechsel und den Gemütsschwankungen der beiden Liebenden hält uns beim Lesen vor allem auch das Wechselbad unserer Gefühle ihnen gegenüber in Atem. Ständig sind wir versucht, ihnen zuzurufen: «Warum macht ihr das?», und dann wieder: «Aber macht bitte weiter!» Es geht uns ähnlich wie ihrem Ehemann, der einmal verständnisvoll zu seiner Frau meint: «Die ganze Welt ist doch voll von diesen Geschichten, warum sollte es uns beiden anders ergehen?», dann aber auch besorgt fragt:  «Du willst also wirklich noch einmal durch alle Strudel hindurch?»

Dieser Ehemann bleibt die vielleicht rätselhafteste Person in der ganzen Geschichte, denn er entspricht gar nicht dem Stereotyp des Betrogenen, wie wir ihn x-fach aus herkömmlichen Ehebruchsromanen kennen. Er bleibt am Rande des Geschehens, frei von jenem «uns tyrannisierenden Gesellschafts-Etwas» (Fontane), das bei Flaubert, Fontane und Tolstoi den betrogenen Ehemann ebenso zerstört wie die Ehebrecherin. Er bewegt sich wie Julia und Lino jenseits vom Gut und Böse der gängigen Ehemoral, und das erlaubt der Autorin, den Text vor allem auf die Beziehung zwischen den beiden Fremdgehenden zu konzentrieren. Und in dieser geht es Julia jenseits des sich ihr von aussen aufdrängenden Schuldgefühls vor allem darum, unter dessen «Krusten das zu retten, was ihr darunter weich und hell erschien wie frühe Kindheitstage, die einst dem Leben zugewandte Unschuld.»

Allseits drohende Entfremdung

Lino sucht zwar wie sie jene Liebe, «wo  das Leben umstandslos erfüllend, heftig und leidenschaftlich ist», fühlt sich in dieser Suche aber zugleich als «Beziehungskühler» und «verbockten Verstandesmenschen» und scheut letztlich gerade vor dem zurück, was Julia sucht: das, was in der Liebe «viel tiefer gehen muss als das, was ich wirklich von mir selber weiss.» Er sieht sich selbst durch ein «lebensfeindliches Misstrauen» gehemmt, und so wird das Fremdgehen für Julia zur mehrfachen Entfremdung. Fremd droht ihr neben ihrem Ehealltag, ihren Nächsten und dem sie begleitenden gesellschaftlichen Umfeld auch ihr Geliebter zu werden, ausgerechnet jener Mensch, dem sie schreibt: «Du warst die lose Verbindung, warst alles, was mich diesem Menschen in die Arme trieb, der ich selber bin.»

In der allseits drohenden Entfremdung ihres Fremdgehens erlebt Julia das, was Thomas Bernhard – durch dessen Kalkwerk sie ja mit Lino bekannt wurde – den «Ehebruch des Verstandes» nennt. Lisa Elsässer greift die Metapher aus dem Roman Frost auf, zu der Bernhard durch jene Stelle aus der Dialektik der Aufklärung angeregt wurde, wo Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Francis Bacon zitieren, der schon zu Beginn der Moderne «die gückliche Ehe des menschlichen Verstandes mit der  Natur der Dinge» in Gefahr kommen sah. Mit der grossen Liebe, die Julia im Fremdgehen sucht und die sie durch die ängstliche Nüchternheit ihres Geliebten bedroht sieht, unternimmt diese «jeder Wirklichkeit zuwiderlaufende Träumerin» nichts weniger als den (letztlich vergeblichen) Versuch, das Auseinanderklaffen zwischen der kontrollierten Ordnung des Verstandes und der impulsiven Spontanität der Natur zu überwinden. Trotz ihres Scheiterns rechtfertigt der Roman dieses utopische Vorhaben auch zum Schluss noch insofern, als er Julia im letzten Satz einmal mehr «in die entgegengesetzte Richtung ihres geplanten Ziels» fahren lässt.

Mit Fremdgehen führt Lisa Elsässer so einen Strömung abendländischer Dichtung weiter, die, angefangen bei Sappho und Pindar, über Shakespeare und Goethe bis zu Lasker-Schüler und Bachmann im schuldlosen Lieben die Utopie einer mit ihrer Natur versöhnten Menschheit suchte. Und wie ihre Vorgängerinnen und Vorgänger bekräftigt auch Lisa Elsässer ihr Festhalten an dieser Utopie durch eine äusserst bewegte und zugleich sehr präzise Sprache. Die beiden Liebenden ebenso wie die ordnende Chronistin ziehen in der Kundgabe ihrer subjektiven Empfindungen, Beobachtungen und Reflexionen alle Register der Sprache: von der empfindsamen, manchmal fast stürmerisch-drängerischen Gefühlsäusserung über die feinsinnig analytische Prägnanz bis zum manchmal überraschend vulgären Kraftausdruck. Mit dem grossen Sprachvermögen einer versierten Lyrikerin und Prosaistin zeigt Lisa Elsässer, dass die Liebe, wenn sie denn zur Sprache findet, sich nicht auf eine bestimmte Stilebene festlegen lässt. Man mag dem Roman, der sich auf die subjektive Sicht seiner Figuren auf die Welt und sich selbst beschränkt, Handlungsarmut und mangelnde Welthaltigkeit vorwerfen. Doch dieser Vorwurf tut seiner Bedeutsamkeit so wenig Abbruch wie derjenigen eines gelungenen Liebesgedichts.