Tagebuch mit Büchern

Elsbeth Pulver

Elsbeth Pulver ist eine Institution in der Schweizer Literaturkritik. Ein Band mit Essays gibt Auskunft über ihre Lektüren und über ihr literaturkritisches Selbstverständnis. Mit dem Tagebuch mit Büchern hat sie eine ganz eigene Form entwickelt, ungezwungen persönlich, doch immer auch kritisch über ihre Lektüren zu berichten.

Critique

par Beat Mazenauer

Publié le 16/06/2006

«Genaues Hinsehen, das heisst genaues Lesen ist nötig für den kritischen wie für den einfühlenden Kritiker: eine fast detektivische Neugier im Feststellen von kuriosen Details ... - aber auch ein ahnendes Spiel mit Möglichkeiten, mit der Frage, wer das Gegenüber, das Buch, der Autor, sein könnte. Und unabdingbar, dass beim Lesen die eigenen Erinnerungen, die eigenen Vorstellungen geweckt werden, denn anders, mit dem blossen Verstand, ist den dichterischen Bildern nicht nahezukommen.»

Was unterscheidet die Literaturkritik von der Literatur? Diese Frage bewegt die Geister noch immer. Die kritische Sicht, liesse sich auf die Frage eilig antworten, das heisst: der Bezug auf die Literatur und nicht auf das Leben. Daran gibt es nichts zu rütteln. Doch eingedenk dieser Differenz haben Literatur und ihre Kritik auch wesentliche Gemeinsamkeiten, wendet Elsbeth Pulver aus profunder Erfahrung ein. «Ein intensives Erlebnis gehört dazu, falls etwas Rechts herauskommen soll», betont sie, vor allem aber auch der Wunsch, «schreibend - und im Schreiben auch gestaltend - auf eine Erfahrung zu reagieren, mit ihr zu Rande zu kommen». Damit hat Elsbeth Pulver kurz und knapp ihr eigenes Selbstverständnis umrissen. Literaturkritik versteht sie nicht als Dienstleistung für den Buchmarkt, sondern als ein persönliches Bedürfnis, das zur Gestaltung drängt.

Dafür hat sie vor gut 16 Jahren ein ganz eigenes Genre entworfen: das Tagebuch mit Büchern. «Mäandern» war das erste dieser Art überschrieben und widmete sich Texten von Paul Nizon, Norbert Gstrein und Wolfdietrich Schnurre. Was sich darin manifestiert, ist die mehrfach überschlafene, also reflektierte und in einen grössern Kontext eingebettete Kritik von aktuellen wie älteren Texten. Nizons Im Bauch des Wals trifft auf Gstreins Einer, und beide werden konfrontiert mit Schnurres Das Manöver aus den frühen Fünfziger Jahren - Schnurres Tod gab den Anlass dazu. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils korrekt datiert: 26. Mai, 29. Mai, 31. Mai, 11. Juni. Entscheidend ist, dass die Kritikerin mit dieser Datierung ihre Kritik in einen betont persönlichen Zusammenhang stellt. Das fragliche Tagebuch beginnt nämlich mit einer Beschreibung des Handwerkers, der «seit einer Woche unsere Wohnung renoviert» und sich wiederholt der Wortwendung «jetzt stimmt die Sache für mich» bedient. Von hier aus führt der Gedankenweg zu den Büchern und zurück zur biographischen Randbemerkung: «Die persönliche Form des Tagebuchs, die ich hier gewählt habe, erlaubt mir, für einmal aufzuschreiben, was man in Rezensionen üblicher- und richtigerweise verschweigt: Meine eigene Kindheitserfahrung ist der von Gstrein und Nizon verwandt».

In diesem Sinn vermag Literaturkritik durchaus auch persönliche Kundgabe oder Freundschaftsdienst sein, ohne die kritische Sicht preiszugeben. Kritik ist dann ein Segen, wenn sie begründet und nachvollziehbar ist, gerade auch für die Autoren selbst.

Der Band Tagebuch mit Büchern vereinigt eine Reihe vonTexten aus dieser Rubrik, die jeweils in der «ZeitSchrift für Kultur, Politik und Kirche» resp. unter dem alten und wieder aktuellen Namen «Reformatio» erschienen sind. Ergänzt werden sie durch Essays aus anderen Quellen. Schwerpunktmässig widmet sich Elsbeth Pulver der Schweizer Literatur, die sie seit Jahrzehnten aufmerksam verfolgt und begleitet. Aktualität wird darin immer wieder hergestellt, doch die Tagebuch-Form will sich dem Aktualitätswahn entziehen. Damit gelingt es ihr, im Gemenge der oft marktschreierisch angebotenen Buchneuheiten ihre Lust auf Lektüre zu bewahren, und gibt damit selbst ein vorzügliches Beispiel für alle Leserinnen und Leser.