Über den Winter

Rolf Lappert

Lennard Salm ist in allem halbwegs erfolgreich, aber doch fremd im eigenen Leben. Als seine ältere Schwester stirbt, kehrt er zurück nach Hamburg und in die Familie, der er immer entkommen wollte. Einen funkelnden Winter lang entdeckt er, dass niemand jemals alleine ist. Salm lernt seine Eltern und Geschwister neu kennen. Über den Winter zieht unaufhaltsam hinein in das Denken und Fühlen eines Menschen in der Mitte seines Lebens.

(Hanser Verlag)

Critique

par Liliane Studer

Publié le 01/03/2016

Lennard Salm, der bald fünfzigjährige Protagonist in Rolf Lapperts Roman Über den Winter weilt in einem Resort am Mittelmeer, um nach Treibgut für seine Installationen zu suchen. Auf einem seiner Streifzüge findet er die Leiche eines Säuglings (wir kennen diese Bilder inzwischen sehr gut). Salm weiss, wie dieses Kind zu Tode gekommen ist – wir wissen es auch. Der Fotograf und Konzeptkünstler Salm sieht sich in seinem Tun grundsätzlich infrage gestellt. Als er nur wenig später auch noch erfährt, dass seine ältere Schwester Helene gestorben ist, verliert er definitiv den sicheren Boden unter den Füssen.

Damit endet der Prolog und der eigentliche Roman beginnt, der ohne diesen Vorspann riskierte, zur simplen Geschichte eines Mannes in der Midlifecrisis zu werden, mit dem Prolog aber auf einer sehr aktuellen Grundlage steht, die den Blick auf alles schärft.
Salm fährt in seine Heimatstadt Hamburg, er trifft die Familienmitglieder, mit denen er kaum mehr Kontakt hatte, er findet die Gemeinsamkeiten mit der jüngeren Schwester Bille wieder, er ist erschüttert, in welch ärmlichen Verhältnissen sein Vater mit der polnischen Haushälterin leben muss. Zu Vater und Schwester findet er eine Nähe, fragil zwar, zum Halbbruder und zur Mutter wird dies nicht möglich. Traumatische Kindheitserinnerungen verhindern, zumindest vorerst, eine Versöhnung. Begangenes Unrecht lässt sich nicht einfach wiedergutmachen – privat so wenig wie auf gesellschaftlicher Ebene. Salm entscheidet sich, beim Vater einzuziehen und damit sein Künstlerdasein definitiv aufzugeben.

Ein Roman also über einen Mann in mittleren Jahren – wahrlich kein neues Thema in der Literatur. Doch wie hier erzählt wird, ist einzigartig. Wir kennen Rolf Lappert als Meister der Sprache, was sich einmal mehr bestätigt. Es ist – so paradox es klingen mag – ein Vergnügen, in diese Geschichten einzutauchen, die Figuren zu begleiten, mit ihnen in der Kälte, in der Trostlosigkeit zu verschwinden und trotz aller Hoffnungslosigkeit ein Restchen an Hoffnung zu bewahren. Rolf Lappert, geboren 1958 und nach längeren Auslandaufenthalt, unter anderem elf Jahre in Irland, wieder in der Schweiz, in Zofingen lebend, zeigt uns in seinem Roman die Vereinzelung in der Massengesellschaft auf, wie sie die Mitglieder der Familie Salm erleben, es ist eine Gratwanderung zwischen Resignation, Depression und Hoffnung. Salm hat zwar seine New Yorker Künstlerexistenz aufgegeben, doch dann verharrt er vorerst in einem Stillstand und schafft es nicht, sich zu neuen Taten aufzuraffen. Nur allmählich knüpft der Heimkehrer neue Bande in seiner unmittelbaren Umgebung: Er versucht, der alten Nachbarin zu helfen, die Zeitungen aufschichtet, um in ihrer kalten Wohnung nicht zu erfrieren, er kümmert sich um den fünfzehnjährigen Nachbarsjungen und schliesslich, mit diesem zusammen, um ein herrenloses Pferd. Mit der symbolbeladenen Konzeptkunst will er definitiv nichts mehr zu tun haben. Aber können Nachbarshilfe und Achtsamkeit für Mitmenschen, Tiere und Objekte an ihre Stelle treten, vermögen sie etwas auszurichten in schlimmen Zeiten? Rolf Lappert verzichtet in seinem Familien- und Künstlerroman, auf grosse Fragen definitive Antworten zu geben – zum Glück. Einmal mehr besticht der Autor mit seiner subtilen Analyse und einer meisterhaft klaren, bilderreichen und atmosphärischen Sprache.