Quarto 21/22

Edgar Marsch

Die Kriminalliteratur ist nichtnur international ein trendiges genre. Auch innerhalb der Schweizer Literatur sind Krimis seit langem sehr gut vertreten. Autoren wie der noch immer vernachlässigte Carl Albert Loosli, wie Friedrich Glauser, Friedrich Dürrenmatt, Hansjörg Schneider, Werner Schmidli, Peter Zeindler, Sam Jaun und neuerdings Petra Ivanov und Susy Schmid stehen für eine Tradition, in der sich dramatische Spannung mit sozialem Interesse vermischt. Der Krimi ist längst keine mindere Form mehr, sondern eine höchst seriöse literarische Form. Dazuhaben Glauser oder Dürrenmatt ganz Wesentliches beigetragen. Ein Doppelheft aus der Reihe "Quarto" des Schweizerischen Literaturarchivs widmet sich deshalb mit gutem Recht den Kommissaren Studer, Bärlach, Ripley, Gunten & Co. Mit Schwerpunkt auf die genannten Glauser und Dürrenmatt, deren Nachlässe im SLA lagern, gibt uns der Band einen vertieften Einblick in die Mechanik von guter Kriminalliteratur.

Intuition oder Logik?

par Beat Mazenauer

Publié le 19/10/2006

Ein Quarto-Doppelheft des SLA zum Thema Kriminalliteratur

Spannung ist ein grundlegendes Element der Literatur ganz generell. Eines der klassischen Beispiele, das Aristoteles in seiner Poetik zitiert und analysiert, ist der Sophokleische König Ödipus. Hinter dem Psychodrama, als das dieses Stück heute meist gelesen wird, steckt ein trivialer Mord, der nur allzu gerne vergessen geht. Ihn ernst nehmend betont Aristoteles den Handlungsaspekt gegenüber der Kunstfertigkeit, denn Literatur soll auch erfreuen: «Daraus ergibt sich, dass der Dichter eher Erfinder von Handlungen sein soll als von Versmassen, sofern er nämlich als Dichter Nachahmer ist, und zwar Nachahmer von Handlungen.»

Handlung und Spannung wecken das Interesse der Leser und Leserinnen, animieren zur Parteinahme und regen dazu an, sich selbst an der möglichen Lösung eines Falles oder Rätsels zu beteiligen. Und weil die Spannung auch eine effiziente Selbstempfehlung im Buhlen um Aufmerksamkeit ist, finden sich heutzutage alle Formen von spannender Literatur auf dem Büchermarkt - nicht nur sogenannte Kriminalliteratur. Wie weit die verführerische Spannweite reicht, hat dieser Tage die Verleihung des Literatur-Nobelpreises demonstriert. Der türkische Autor Orhan Pamuk liebt es, seine vielschichtigen, opulenten Romane mit einem kriminalen Plot zu grundieren und so ihre Handlung voranzutreiben. Pamuk stellt sich damit in die Tradition Umberto Ecos, dessen Name der Rose das wohl bekannteste Beispiel eines postmodernen Romans mit Investigationscharakter darstellt.

Wenn selbst die «gute» Belletristik auf das Moment Spannung setzt, stehen den Krimis, Thrillern und Detektivgeschichten natürlich alle Türen offen. Der Trend ist unübersehbar. Kein Verlag, der inzwischen nicht eine eigene Krimireihe hat. Die Zahl der berühmten Kommissare vervielfältigt sich laufend. Sherlock Holmes oder Philip Marlowe werden heute konkurrenziert von Brunetti, Wallander, Pepe Carvalho und wie sie alle heissen. Für die Liebhaber des klassischen Kriminalromans reichen diese neuen Figuren freilich oft nicht an die grossen Vorbilder heran - wie Werner Morlang schreibt: «Man gebe mir Eric Ambler, dem es zu meinem steten Bedauern lediglich vergönnt war, 18 Romane zu schreiben (...) dagegen scheinen mir die Produkte eines John Le Carré - der einzigen Kostprobe nach zu schliessen, die ich bis zur bitteren letzten Seite auskostete - unsäglich langweilig.» Das Zitat findet sich in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Quarto des Schweizerischen Literaturarchivs, dessen Doppelnummer 21/22 der Krimiliteratur gewidmet ist.

Tatort Schweiz

Krimileser sind Liebhaber, die ihren Helden auf alle Fälle folgen. Solche Helden, meist Fahnder und Kommissare, gibt es auch in der Schweizer Literatur, obwohl ihr detektivisches Oeuvre hier nie auf die Zahl von 18 Fällen kommt. Kommissar Hunkeler (von Hansjörg Schneider), Camill Gunten (von Werner Schmidli), vor allem aber Wachtmeister Studer und Kommissär Bärlach bieten Gewähr nicht nur für beste Unterhaltung, sondern auch für investigativen Tiefgang. Diese Detektive decken nicht nur Fälle auf, sondern wecken auch Emotionen und entdecken soziale Hintergründe. Dabei überzeugen sie weniger mit Verstand und Logik, als mit Empathie und Skepsis; letztere schlägt jeweils bei Dürrenmatt zumindest eine überraschende Volte mehr als üblich.

Die genannten Namen, zu denen aus jüngster Perspektive eine Vielzahl weiterer hinzuzufügen wären, rechtfertigt also eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Schweizer Kriminalliteratur. Kommt hinzu, dass das Schweizerische Literaturarchiv die Möglichkeit eröffnet, über die Nachlässe von Carl Albrecht Loosli, Friedrich Glauser, Friedrich Dürrenmatt oder Patricia Highsmith vertiefte Einblicke in die Krimiwerkstatt zu erhalten.

Im Einführungsbeitrag gibt Edgar Marsch eine erste Übersicht über den «literarischen Tatort Schweiz» mit besonderer Berücksichtigung des Romans Schattmattbauern von C.A. Loosli, einem noch zu entdeckenden Zeitgenossen Glausers, der mit diesem nicht nur das Faible für den Krimi, sondern auch eine vergleichbare Biographie teilt. (Schattmattbauern wird demnächst neu aufgelegt im Rotpunktverlag.)

In der Tradition der Kriminalliteratur unterscheidet Marsch zwei zentrale Traditionen. Ausgehend von Edgar Allan Poe und Conan Doyle lässt sich die englische Detektiv-Story als Geschichte umschreiben, die in einem eng abgesteckten Szenario einen Fall detektivischer Logik löst und damit die gestörte Ordnung wieder herstellt. Diesen Ansatz haben amerikanische Autoren wie Raymond Chandler oder Dashiell Hammett topographisch erweitert und zugleich um den Glauben an die gerechte Ordnung erleichtert. Die Geistesakrobaten à la Sherlock Holmes werden ersetzt durch skeptische Outdrops wie Philip Marlowe, der sich mit Kopf, Fäusten und vor allem etlichen Zufällen durchschlägt, um am Ende einsehen zu müssen, dass sich keine Ordnung wiederherstellen lässt.

Glauser und Loosli neigen klar dieser zweiten Tradition zu, indem bei ihnen - mit eigener Erfahrung gewürzt - das Milieu ins Zentrum rückt, sowie Zufall und Intuition - oder wie es Wachtmeister Studer sagt: das «Gspüri». Diesen Aspekten gehen Peter Rusterholz und Irmgard Wirtz in ihren Analysen von Glausers Kriminalromanen detailliert nach. Studer übernimmt in den geschlossenen Anstalten, in denen er ermitteln muss, eine «teilnehmende Beobachtung» fast wie ein Ethnologe ein und übt so etwas wie eine Controlling-Funktion aus, die durch den ausschlaggebenden Zwischenfall nötig geworden, vorher aber unterblieben ist. Studers Mittel ist die Empathie. Hubert Thüring zeigt sehr schön, wie er die Fälle zur Aufklärung bringt, indem er die Zeugen und Tatverdächtigen reden, erzählen lässt. Er selbst denkt sich dabei «nüt apartigs», sondern hört nur genau hin und hält sich bereit für alle Zufälle. Studer ist ein Meister des Verhörs, ohne dass dieses als solches erscheint. Soziale Anteilnahme und Gspüri verleihen demnach den Romanen Glausers eine Qualität, die längst nicht nur von der «Fuselspannung» lebt, die Glauser in seinem «Offenen Brief über die zehn Gebote für den Kriminalroman» für sich ablehnt. Glauser selbst hat an dieser literarischen Qualität gezweifelt, mittlerweile ist sie unbestritten. Ein faksimiliertes Vernehmungsprotokoll, das mit Glauser am 5. März 1927 Statthalteramt Liestal aufgenommen wurde, bezeugt übrigens die praktische Erfahrung Glausers in dieser Hinsicht.

Logik ohne Erfolg

Was das literarische Bewusstsein wie auch der entsprechende Ruf in der Öffentlichkeit anbelangt, ist Friedrich Dürrenmatt eine Stufe höher eingestiegen. Seine Kriminalromane vollführten stets eine philosophische Schlaufe, die grundsätzliche Fragen nach Ordnung, Schuld und Gerechtigkeit stellte. Kommissär Matthäi gerät in Das Versprechen ob der Vergeblichkeit seines Hoffens, dass seine geniale Falle zuschnappen würde, förmlich in die Irre und «verblödet». Dies obwohl Matthäi alles richtig gemacht und logisch durchdacht hat - doch ein wirklicher Zufall verhindert die Aufklärung. Der Ausspruch eines ehemaligen Kommandanten der Kantonspolizei macht dem Untertitel dieses Romans, Requiem auf den Kriminalroman, alle Ehre: «Diese Fiktion macht mich wütend. Der Wirklichkeit ist mit ihrer Logik nur zum Teil beizukommen.»
In seinem Beitrag untersucht Ulrich Weber die «Zerfallserscheinungen der Detektivfigur» vorab am Beispiel Bärlachs sowie des Romans Der Stümper von Patricia Highsmith. Wenn es um die Gerechtigkeit geht, ist Der Richter und sein Henker noch immer ein wunderbares Exempel. Bärlach verhilft mit illegitimen Mitteln der Gerechtigkeit zum Durchbruch - doch ist Gerechtigkeit so noch gerecht? Sie bleibt bei Dürrenmatt vielmehr ein uneinlösbares Märchen, und bei Highsmith ein Zynismus der Macht, wie Weber mit Blick auch aufs Genre bilanziert: «Während Dürrenmatt zum einen die erkenntistheoretischen Implikationen und den moralischen Schematismus des Kriminalromans aus philosophischer Perspektive in einer souverän angeordneten Spielanlage demontiert, bildenHighsmiths Romane mit ihrer obsessiven, bedrückenden Erzählweise unter anderem implizite Studien über die Psychologie des Kriminalromans.»

Genuss und Spannung

Glauser, Dürrenmatt und Highsmith legen auch eine wichtige Brücke zum Film, wie Elio Pellin zeigt, denn keine Gattung eignet sich so sehr fürs Filmische wie der Krimi; hinzu kommt, wie Werner Morlang meint, «dass sich Kino-Fans und Krimi-Fans in mancher Hinsicht ähneln (...). Der Cinéphile mag sich für die Art und Abfolge der Einstellungen, die Montage interessieren, dem Krimi-Leser mögen es die spannungsdramaturgischen Kniffe antun.»

Je weiter die Lektüre ins Innere des Heftes gelangt, desto spezifischer werden die Aufsätze respektive die behandelten Themenstellungen. Die Kenntnis des einen und anderen Buches ist deshalb der Lektüre förderlich; sie ist aber auch empfehlenswert, weil die literarische Analyse natürlich nicht davor zurückschreckt, den Mörder zu benennen - also die primäre Spannung zu rauben. In Abwandlung eines Werbespruchs für Edgar Wallace-Krimis lässt sich allerdings anfügen: Es ist (fast) unmöglich, von Studer oder Bärlach nicht gefesselt zu sein - auch bei der zweiten, dritten, x-ten Lektüre nicht. Deren Romane und mit ihnen zahlreiche andere wie die von Schmidli, Schneider oder von Felix Mettlers Der Keiler sind wegen ihrer literarischen Qualität nicht auf den vordergründigen Plot angewiesen.

Die analytische Strenge lockert sich gegen Ende des Heftes wieder, in Beiträgen von und zu Werner Schmidli oder einem Aufsatz über das Spiel mit Spannungselementen im neuen Roman beispielsweise bei Adolf Muschg, Walter Vogt oder Lukas Bärfuss. Ein Kapitel über bündnerromanische Kriminalgeschichten macht indes implizit darauf aufmerksam, dass das Heft stark auf die Deutschschweizer Literatur fokussiert ist. Wir erfahren demzufolge kaum etwas über die französische Krimi-Tradition und wie sie sich in der Romandie Ausdruck findet. Stéphanie Cudré-Mauroux widmet sich ebenfalls den Romanen von Highsmith, und Etienne Barilier befasst sich mit dem «L'Impossible Coupable» - will heissen: der Leser, denn dies ist «la seule histoire policière à énigme qui n'ait jamais été écrites: un crime dont le coupable est (ou plutôt sera) l'un de ses lecteurs, l'une de ses lectrices en l'occurrence». So bleibt es bei der herkömmlichen Gewaltenteilung, der Autor schreibt, der Detektiv scheitert im Erfolg, die Leser und Leserinnen lesen und lesen und lesen.