Andersen

Charles Lewinsky

Jonas war ein seltsames Baby. Er weinte selten, übte wie besessen motorische Fähigkeiten; und seine Eltern glaubten sogar manchmal, den wissenden Blick eines Greises in seinem Gesicht zu entdecken. Wie wahr diese Vermutung ist, ahnen sie nicht. Schon als Kleinkind setzt Jonas alles daran, seine Flucht zu planen, ohne dabei aufzufliegen. Als er jedoch ein einziges Mal einen Menschen zum Freund haben will, ist sein Schicksal besiegelt: denn eine Regung des Guten erträgt das Böse nicht. Rasant, klug und mit gerissenem Witz erzählt Charles Lewinsky die Geschichte eines Mannes, der eine zweite Chance bekommt. Und eine dritte. Wie er sie nutzt, lässt das Blut bis in die nächste Generation gefrieren.

(Buchpräsentation Nagel & Kimche)

Critique

par Katja Fries

Publié le 04/06/2016

Die etwas andere Familiensaga

Der Schauerroman Andersen erinnert entfernt an eine griechische Tragödie, in der sich Schuld und Sühne von einer Generation auf die nächste übertragen. Der Protagonist Andersen ist ein klassischer Antiheld, dessen teuflische Verbrechen aus seinem Vorleben immer wieder eingeblendet werden, wenn er auf gegenwärtige Situationen reagiert. In fünf Teilen und aus wechselnder Perspektive enthüllt sich die zwielichtige Geschichte des Damian Andersen, die in einer Art Gefängniszelle ihren Anfang nimmt. Gleich zu Beginn setzt jener unangenehme Militärjargon ein, der bis zum Schluss durchgehalten wird. Der Leser sieht sich mit dem Ich-Erzähler in einen geschlossenen Raum versetzt, sowie in eine vermeintliche Kriegssituation, die zu dieser Gefangenschaft geführt hat:

Ich weiß nicht, wie lang diese Situation schon andauert. Da ist nichts, an dem sich die Zeit messen ließe. Wie lange bin ich schon hier? Wo ist «hier»? Hat mich eine Kugel getroffen? Wir sind im Krieg. Aber ich habe keine Schmerzen. Es wäre unlogisch anzunehmen, dass ich eine Verwundung nicht spüren würde. Schmerzen sind die einzige Konstante, auf die man sich verlassen kann. Oder ist diese Empfindungslosigkeit ein Symptom? Wovon? Unsere Wissenschaftler, ich habe mich da immer auf dem Laufenden gehalten, forschen für die Verwundeten in den Lazaretten an Mitteln, die vollständig unempfindlich machen. Vielleicht hat man mich mit so etwas betäubt. (S.7)

Das Szenario der Einzelhaft in einer Gefängniszelle wird kongenial gut vierzig Seiten durchgehalten, bis sich der Ich-Erzähler schließlich als Embryo in einem Mutterleib erkennt:

Ich stecke nicht in einer Zelle. Es ist etwas anderes. Da ist diese Frau, deren Stimme ich unterdessen so gut kenne. Die mit mir gesungen hat. Die gesagt hat: «Es ist ein Wunder.» Und in dieser Frau ... Nur des Arguments halber. In dieser Frau ... Im Bauch dieser Frau ... Ich atme nicht, weil ich noch keine Atmung brauche. Weil ich einen neuen Körper bekommen habe. Mit zwei Händen, deren Finger noch nicht ganz ... Nehmen wir an, nur des Arguments halber, nehmen wir an, dass der Mensch nach seinem Tod wiedergeboren wird, immer von neuem. Dass seine Seele jedes Mal einen frischen Körper zugeteilt bekommt oder ihn sich aussucht, dass sie in diesen Körper eingesetzt wird wie die Batterie in eine Taschenlampe, neu aufgeladen, frisch geölt, was weiß ich. Nehmen wir an, dass ich in so einem Körper stecke. In einem Körper, der erst im Entstehen begriffen ist. (S. 42)

Die aus Babyaugen geschilderte Geburt ist gleichsam die Wiedergeburt eines hochintelligenten kleinen Teufelskerls, der sich später sogar größenwahnsinnig mit Mozart vergleicht, wenn er die Idee der Wiedergeburt erörtert:

Logisch zu Ende denken. Wenn es so ist, kann ich nicht der Einzige sein. Nicht der Erste. Wenn es mir passieren konnte, muss es auch schon anderen passiert sein. Das würde die Außergewöhnlichen erklären. Die Wunderkinder und die Genies. Mozart verstand schon als kleiner Junge mehr von Musik als Röschlein als alter Mann. Vielleicht war Wolfgang Amadeus schon vorher Musiker gewesen, hatte in einer Hofkapelle die Geige gespielt oder das Pianoforte, vielleicht wurde seine Erinnerung an das, was er gelernt hatte, aus irgendeinem Grund nicht gelöscht, vielleicht konnte er deshalb dort anfangen, wo andere aufhören. Vielleicht war Mozart eine Panne. Er ist jung gestorben. Denkbar, dass auch das damit zusammenhängt. Er war zu brillant, deshalb ist ihnen ihr Fehler aufgefallen, und sie haben ihn ausgemerzt. Wer immer sie sind. (S. 46)

Der Protagonist, ein frühreifes, bzw. erwachsenes Kind, besticht durch analytisches Denken, wenn er sich bereits bei seiner Geburt mit einem Geburtshelfer vergleicht und dabei seine früheren Aufgaben eines Nazi-Schergen skizziert:

Auch ich war immer eine Art Geburtshelfer. Habe ans Licht geholt, was die Leute tief in sich verborgen hatten. Ein schmerzhafter Prozess, aber notwendig. Das Geständnis gehört zum Verbrechen wie die Geburt zur Schwangerschaft. Bei Hebammen wird es ähnlich sein. Mit der Zeit stören einen die Schreie nicht mehr. Man nimmt sie zur Kenntnis, als bloßer Hinweis auf den Fortschritt des Prozesses. Gleich wird es so weit sein, denkt man vielleicht. Da ist bereits das Köpfchen. Da ist bereits der Anfang eines Geständnisses. (S.51)

Aus der Perspektive des erwachsenen Kindes werden die Eltern als Fremde enttarnt. Die von einem durchdringenden Darwinismus geprägte sachliche Kaltschnäuzigkeit, mit der sich der Protagonist über die eigenen Eltern und über andere Menschen mokiert, stösst unangenehm auf. Offenbar haben Erlebnisse aus einer früheren Kindheit diesen Menschen derart abgerichtet, hart und kalt werden lassen: Der vom Vater geprügelte Knabe muss er zusehen, wie junge Hunde ertränkt werden. Als er dann einen Hund geschenkt bekommt, wird dies vom Vater nicht geduldet, der das Tier sodann vor den Augen des Kindes tötet. Mit weiteren Hunden geht dieser Junge und spätere junge Mann, der den Krieg erlebt hat, ähnlich lieblos um.

Die einzige Geliebte ist und bleibt die Musik; seinen klassischen Musikgeschmack diktiert er der Mutter bereits als Embryo mit Tritten gegen die Bauchwand, die er als Umschliessung einer Gummizelle erlebt.

Die Teile, die aus der Perspektive des neuen Vaters erzählt werden, erinnern an alltägliche Familiensoaps und brechen mit bissigem Witz den harten Stoff der Andersen-Saga. Amüsant sind die sarkastischen Beschreibungen der bourgeoisen Schwiegereltern und deren Charakterstudien zu spitzen Karikaturen der gehobenen Gesellschaft tendieren.

Es gibt Überraschungen, auf die ich gern verzichten würde. Kaum hatte ihnen Helene am Telefon von der geplanten Hochzeit erzählt, haben sich die Siebengscheiten in den Zug gesetzt und sind hergekommen. «Wir wollen unseren lieben Kindern doch persönlich gratulieren!» Kinder? Soll ich Luise etwa Mutti nennen? Da sage ich lieber die Hochzeit ab. [...] Die beiden haben nämlich – Überraschung! – ihren Köter mitgebracht, und das ist ein Monster, neben dem eine Bulldogge wirkt wie ein Schoßhündchen. Als ich ihn damals zum ersten Mal sah, habe ich es mir mit den beiden gleich verdorben, weil ich gefragt habe, was für eine Mischung das denn sei. Er ist aber keine Mischung, sondern ein reinrassiger Irischer Wolfshund, und sie sind ungeheuer stolz darauf, dass man mit solchen Tieren früher auf die Jagd nach Wolfen und Bären gegangen ist. Meiner Meinung nach ist so ein Riesenhund in einem Einfamilienhäuschen etwa so sinnvoll, wie wenn sich jemand einen Landrover mit Vierradantrieb kauft, um damit zum Briefkasten zu fahren. Aber in ihrem Kaff wimmelt es bestimmt von Wölfen und Bären. Zerberus heißt das süße Tierchen. Man ist gebildet. (S. 137)

Auch wenn dieser Entwicklungsroman mit einer Tendenz zu einer teilweise etwas langfädigen Familiensaga stellenweise eines strengeren Lektorats bedurft hätte, so spitzt sich diese fast schon soziologische Studie über das Böse – ferner einem Märchen der Gebrüder Grimm nachempfunden – zu einem brisanten Psychothriller mit dramatischem Crescendo zu.